Präsidentenwahl in der Ukraine Das Ende der Orangen Revolution


Bei der Präsidentenwahl in der Ukraine zeigt sich, dass der Hoffnungsträger der Orangenen Revolution von vor fünf Jahren, Viktor Juschtschenko, keine Chance auf eine Wiederwahl hat. Der Moskau-nahe Revolutionsverlierer von damals, Viktor Janukowitsch, hat dagegen gute Chancen auf das Präsidentenamt.

Wie eine Burg ist das Haus der Gewerkschaften in Kiew bei der ersten Präsidentenwahl in der Ukraine seit der prowestlichen Orangenen Revolution von 2004 gesichert. Hier, am Platz der Unabhängigkeit (Maidan), soll niemand Amtsinhaber Viktor Juschtschenko bei seiner Stimmabgabe stören. Doch an dem Ort, wo vor gut fünf Jahren Hunderttausende für ihn demonstrierten, warten an diesem schneereichen Tag nur Journalisten auf den Hoffnungsträger von damals. Nichts scheint den bevorstehenden Kurswechsel im zweitgrößten Land Europas stärker zu verdeutlichen. Der 55-Jährige hat laut Umfragen keine Chance auf Wiederwahl.

Wie bestellt weht von einer Eisbahn am Maidan der Scorpions-Hit "Wind Of Change" herüber. Am anderen Ende der Hauptstadt wird Oppositionsführer Viktor Janukowitsch zur gleichen Zeit vor dem Wahllokal mit Händeschütteln und Applaus begrüßt. Der 59-Jährige gilt als Favorit der Abstimmung. "Wenn er gewinnt, wird alles besser", meint etwa die Rentnerin Darina Bulawka. Janukowitschs enge Beziehungen zum mächtigen Nachbarn Russland und das drohende Einfrieren des Westkurses des Landes machen ihr keine Angst. "Er schafft erst einmal Ordnung im Land. Das gefällt mir."

Janukowitschs Wahlkampfmanager Boris Kolesnikow spricht von "gespanntem Optimismus". Falls sein Chef nicht direkt mindestens 50 Prozent der Stimmen erreiche, schaffe dieser es in einer Stichwahl.

Siegessicher lächelnd wirft Janukowitsch in Kiew seinen Stimmzettel in die gläserne Urne. Nach Jahren der innenpolitischen Anfeindungen und der Ablehnung aus dem Westen ist der Erfolg für ihn zum Greifen nah. 2004 hatte er nach einem Skandal um gefälschte Stimmen die Wiederholungswahl gegen Juschtschenko verloren. "Dabei waren wir es, die betrogen wurden", behauptet der Janukowitsch- Anhänger Viktor Kurkow an dem bitterkalten Wahlsonntag.

Juschtschenko und seine damalige Verbündete Julia Timoschenko hätten die Ukrainer mit falschen Versprechungen in die Irre geführt, schimpft der gelernte Koch. "Jetzt stellt das Volk ihnen die Quittung dafür aus", meint Kurkow.

In der Industriestadt Dnepropetrowsk südöstlich von Kiew zeigt sich Regierungschefin Timoschenko, die in Umfragen hinter Janukowitsch auf dem zweiten Platz liegt, müde vom aggressiven Wahlkampf. "Mein Gott, dieser Staat braucht endlich ein starkes Staatsoberhaupt", seufzt die Politikerin mit dem markanten Haarkranz bei der Stimmabgabe in ihrem Geburtsort.

Ausführlich zeigt der Timoschenko-nahe Fünfte TV-Kanal, wie die in eine elegante Pelzjacke gekleidete 49-Jährige mit gelben Rosen begrüßt wird. Von den Ex-Sowjetrepubliken hatten bisher nur Lettland und Litauen eine Frau als Staatsoberhaupt. Bei einem Wahlsieg will Timoschenko die Ukraine modernisieren. Aber dem für Westeuropa wichtigsten Transitland für russisches Gas fehlt das Geld dafür.

In Kiew stiefelt der von vielen als Geheimtipp gehandelte superreiche Banker und Ex-Wirtschaftsminister Sergej Tigipko demonstrativ gut gelaunt durch den Schnee ins Wahllokal. "Juschtschenko, das heißt Stagnation. Ich bin aber für Veränderung", sagt der 49-Jährige, der sich im Wahlkampf als pragmatische Alternative präsentierte. Sollte er nicht in die für den 7. Februar vorgesehene zweite Runde einziehen, könnte seine Wahlempfehlung nach Ansicht von Experten den Ausschlag für Timoschenko oder Janukowitsch geben.

Die Zentrale Wahlkommission in Kiew spricht am Nachmittag von einer deutlich niedrigeren Wahlbeteiligung als die 77 Prozent von 2004. Vor dem Gebäude des Gremiums sitzen trotz der Kälte Anhänger von Janukowitsch in Zelten mit der blauen Farbe seiner Partei der Regionen. "Bei Provokationen der Gegner wollen wir vorbereitet sein", sagt ein kräftiger Mittvierziger. Sollte Janukowitsch diesmal wieder nicht Präsident werden, wollen sie als Antwort auf die Orangene eine "Blaue Revolution" aufbieten. Beobachter rechnen aber mit einem friedlichen Ausgang des Machtkampfs in Kiew.

Wolfgang Jung/DPA DPA

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