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Pressestimmen

Präsidentenwahl in der Ukraine: "Selenskyjs Sieg ist ein Risikofaktor ersten Ranges für Frieden und Stabilität"

Der TV-Star Wolodymyr Selenskyj hat bei der Präsidentenwahl in der Ukraine haushoch gesiegt. Kommentatoren begegnen dem Politikneuling mit Skepsis. Die Pressestimmen. 

Stichwahl in der Ukraine: Komiker Selenskyj wird neuer Präsident

Der Komiker Wolodymyr Selenskyj übernimmt als Hoffnungsträger mit dem besten Wahlergebnis in der Geschichte der Ukraine das Präsidentenamt in Kiew (lesen Sie hier mehr zu den Hintergründen). Die Wahl ist in mehrfacher Hinsicht historisch: Mit Selenskyj kommt in dem Land zwischen der EU und Russland erstmals ein Staatsoberhaupt ohne jedwede Regierungserfahrung ins Amt. Er hat zudem alle etablierten Machtpolitiker mit dem besten Ergebnis eines Präsidenten auf die Plätze verwiesen. Und er wird der jüngste Präsident der ukrainischen Geschichte.

Also: Was ist von dem Politikneuling zu erwarten? Kommentatoren begegnen dem Quereinsteiger mit Skepsis. "Selenskyj hat Erwartungen geweckt, die nur schwer einzulösen sind", meint etwa der "Tagesspiegel". Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schreibt: "Die Chancen, dass der künftige Präsident Wolodymyr Selenskyj es viel besser macht, sind nicht groß." Die "Süddeutsche Zeitung" erkennt im Wahlausgang einerseits eine "klatschende Ohrfeige" für den bisherigen Amtsinhaber, andererseits einen "Ausdruck des kranken ukrainischen Systems". Die Pressestimmen.

Pressestimmen zur Wahl in der Ukraine: "Selenskyj hat Erwartungen geweckt, die nur schwer einzulösen sind"

"Süddeutsche Zeitung" (München): "Der Sieg von Wolodymyr Selenskyj bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine ist vor allem eins: eine klatschende Ohrfeige für den bisherigen Amtsinhaber Petro Poroschenko. (...) Doch Wolodymyr Selenskyjs kometenhafter Aufstieg ist ebenfalls Ausdruck des kranken ukrainischen Systems: Er war nur möglich, weil ukrainische Medien von Oligarchen dominiert werden, die bestimmen, wer in ihre Fernsehsender kommt - und wer nicht. (...) Eine zentrale Frage ist nun, wie groß der Einfluß Kolomojskyjs sein wird, einem der umstrittensten Oligarchen der Ukraine. Eine andere, was der Komiker mit dem Präsidentenamt anfangen will und wird."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Die Chancen, dass der künftige Präsident Wolodymyr Selenskyj es viel besser macht, sind nicht groß – selbst wenn man annimmt, dass er es gut meint. Seine politische Erfahrung beschränkt sich bisher auf Politkabarett, und auch die meisten Mitglieder seiner Mannschaft haben sich mit Politik bisher vor allem analysierend und kommentierend befasst. Hinzu kommen Zweifel daran, ob der Oligarch Ihor Kolomojskyj nun nicht Gegenleistungen dafür verlangt, dass sein Fernsehsender Selenskyj unterstützt hat. Kolomojskyjs Rückkehr zu politischem Einfluss wäre eine schlechte Nachricht für die Ukraine."

"Tagesspiegel" (Berlin): "In der Ukraine wird die Fiktion zur Realität, aus einer Rolle wird ein tatsächlicher Wählerauftrag. (...) Ein Narr hat das Vertrauen gewonnen, weil die Bürger von der etablierten Politik zutiefst enttäuscht waren und ihre leeren Versprechungen nicht mehr ernst nehmen konnten. Mehr ist noch nicht passiert. Die Ukraine ist über Nacht kein anderes Land geworden, ihre Probleme, ihre inneren Widersprüche und ihre äußeren Widersacher, sind jetzt kein bisschen kleiner. Selenskyj hat Erwartungen geweckt, die nur schwer einzulösen sind. Die Ukrainer wollen von dem 41-Jährigen eine andere Politik, aber das Land hat keine anderen Politiker, die irgendwo im Verborgenen gewartet hätten." 

"Stuttgarter Zeitung": "Selenskyjs Sieg ist ein Risikofaktor ersten Ranges für Frieden und Stabilität im Osten Europas. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass Putin und seine Kreml-Strategen schon diverse Planspiele durchgegangen sind, wie sie die Wahl eines blutigen Amateurs an die ukrainische Staatsspitze für ihre Zwecke nutzen können. Die Palette der Möglichkeiten dürfte dabei von einem bloßen Warten auf Fehler über gezielte Störmanöver bis hin zu einer Intensivierung der militärischen Konfrontation im Osten der Ukraine reichen."

"Straubinger Tagblatt": "Von Euphorie ist fünf Jahre nach der Revolution ohnehin nichts mehr zu spüren. Jeder ist besser als Poroschenko - dieser Leitsatz bestimmte die Wahlen. Ein wirkliches Programm hatte Selenskyj nicht zu bieten. Dass der Neue durchregiert und das Land tiefgreifend verändert, dürfte auch daran scheitern, dass er im Parlament über keine Mehrheit verfügt."

"Kölner Stadt-Anzeiger": "Den Ausschlag für Selenskyjs Wahl gab die Rolle des integren Staatsmanns, den er im Fernsehen mimt. Die TV-kompatible Darbietung von Macht schien den Ukrainern ein hinreichender Kompetenznachweis fürs höchste Amt im Staate zu sein. Das meinten auch schon die US-Wähler, als sie den TV-Show-Boss Trump zum Präsidenten wählten. Fiktion und Wirklichkeit scheinen zu verschwimmen."

"Märkische Oderzeitung" (Frankfurt (Oder)): "Der Oligarch und Schoko-Milliardär Poroschenko ist zu sehr Teil des Oligarchensystems geblieben, das er zu bekämpfen vorgegeben hatte. Die Menschen haben ihm nichts mehr abgenommen. Die Kluft zwischen der etablierten politischen Klasse einerseits und den meisten Ukrainern andererseits war so groß geworden, dass diese bereit waren, auf eine politische Wundertüte zu setzen, die vor allem die eine Hoffnung verkörpert: dass es so nicht weitergeht."

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fs / DPA / AFP