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Presseschau zur Präsidentenwahl in Ägypten: Mohammed Mursi muss um Machtbefugnisse kämpfen

Der Muslimbruder Mohammed Mursi ist der neue Präsident Ägyptens. Die internationale Presse befürchtet, dass die Machtkämpfe in dem Land trotzdem weitergehen.

Der Islamist Mursi ist neuer Präsident Ägyptens. Viel Macht hat er nicht, denn die Militärs haben seine Kreise stark eingeengt. Dieser Meinung ist auch die internationale Presse.

"L'Alsace", Deutschland

Die Zeitung "L'Alsace" aus Mülhausen im Elsass schreibt zum Sieg Mohammed Mursis bei der Präsidentschaftswahl in Ägypten:

"Die ägyptischen Islamisten hatten bereits die Parlamentswahl klar gewonnen. Nun haben sie auch den Sieg bei der Präsidentschaftswahl davongetragen. Die Wähler des bevölkerungsreichsten arabischen Landes haben klar beschlossen, bei den politisch-religiösen Predigern Zuflucht zu suchen. Wie übrigens die Tunesier. Die arabischen Frühlinge hatten mit Enthusiasmus und Rufen nach Demokratie begonnen. Wenn sie nicht unbarmherzig unterdrückt werden - wie in Syrien - führen sie zur Rückkehr der traditionellsten Werte einer muslimischen Gesellschaft. Und diese sind häufig besonders rückschrittlich und verschlossen. Ein Joch wurde gesprengt, ein anderes - das ideologischer ist - schließt sich."

"Libération", Frankreich

Die Pariser "Libération" schreibt zum Wahlsieg des Muslimbruders Mohammed Mursi in Ägypten:

"Die Organisation der Muslimbrüder ist in den 20er Jahren in Ägypten entstanden und sie hat fast ein Jahrhundert lang immer mehr Zulauf bekommen. Nun ist sie in einer paradoxen Situation: Ihr Kandidat hat es an die Spitze des größten Staates der arabischen Welt geschafft. Doch gleichzeitig erscheint dieses Amt - die Präsidentschaft der Republik - immer mehr wie eine leere Hülle. Denn die Armee hat alles darangesetzt, die Macht des Staatschefs zu beschneiden. Dieser Sieg ist aber auch ein Zeichen dafür, dass sich ein Kompromiss zwischen der Armee und den Muslimbrüdern abzeichnet, der gestern noch unmöglich schien."

"Le Figaro", Frankreich

Die Pariser Zeitung "Le Figaro" schreibt zur Präsidentschaftswahl in Ägypten:

"Die Wahl des Muslimbruders Mohammed Mursi zum ägyptischen Präsidenten krönt den Machtzuwachs, den die Islamisten dank des arabischen Frühlings gewonnen haben. Die Armee, die nach dem Sturz von Husni Mubarak an der Macht geblieben war, hat letztlich das Ergebnis des Urnengangs anerkannt. (...) Doch seit der Auflösung des Parlaments hat die Armee das letzte Wort beim Entwerfen einer neuen Verfassung - von der abhängen wird, wieviel Macht der Staatschef bekommt. Bislang ist Mohammed Mursi ein Präsident, der nicht weiß, wie lange sein Mandat dauert und wie weit seine Befugnisse reichen."

"Kommersant", Russland

Zum Wahlsieg von Mohammed Mursi bei der Präsidentenwahl in Ägypten schreibt die Moskauer Tageszeitung "Kommersant" am Montag:

"Die vergangenen Wochen haben gezeigt: Der Oberste Militärrat greift hart durch. Und die Tatsache, dass er dem Sieg Mohammed Mursis zugestimmt hat, bedeutet nicht, dass die Armee bedingungslos kapituliert. Ein friedliches Nebeneinander zwischen den Generälen sowie den Muslimbrüdern und deren Verbündeten wird immer problematischer.

Eineinhalb Jahre nach dem Sturz Mubaraks haben die Islamisten ihr Vorhaben sehr deutlich gemacht: die Übernahme aller Macht im Land (Kontrolle des Parlaments, Wahl ihres Kandidaten zum Präsidenten), die maximale Beschränkung des Einflusses der Armee und die stufenweise Hinwendung Ägyptens zu einem islamischen Staat, der sich an Saudi-Arabien, Katar und anderen Golfstaaten orientiert und in dem das Recht der Scharia steht."

"Neue Zürcher Zeitung", Schweiz

Die "Neue Zürcher Zeitung" aus der Schweiz kommentiert am Montag den Wahlsieg Mohammed Mursis in Ägypten:

"Der Machtkampf in Ägypten ist mit der Wahl Mursis zum Präsidenten keineswegs abgeschlossen. Denn gegenüber den Institutionen des Staates, die von der Militärjunta und von Männern des Mubarak-Regimes beherrscht werden, steht der gewählte Staatschef allein da. Mursi und die Bruderschaft müssen die Macht noch erringen, und wie das knappe Wahlresultat zeigt, können sie dies nur, wenn sie Verbündete gewinnen. Die Entscheidung zwischen Mursi und (seinem Konkurrenten) Shafik hat nur den Rahmen gesetzt, in dem der Kampf gegen die Strukturen des alten Regimes geführt wird. Ein Sieg Shafiks hätte den Kampf zurück auf die Strassen und Plätze des Landes gebracht, wo Konfrontation zwischen Militärs und Demonstranten sowie Unrast und Blutvergiessen drohten. Mursis Sieg bedeutet, dass sich die Auseinandersetzung primär innerhalb der Institutionen abspielen wird."

"Die Presse", Österreich

Die konservative Wiener Tageszeitung "Die Presse" schreibt am Montag über die Machtverhältnisse in Ägypten:

"Die Machtverteilung sieht jetzt so aus: Statt des Parlaments verabschiedet der Militärrat Gesetze, die dann halt anders heißen, nämlich Dekrete. Zudem sehen sich Uniformierte für die innere und äußere Sicherheit zuständig, ebenso wie für das Budget und für Außenpolitik. Der neue islamistische Präsident kann sich zwar ein Kabinett zimmern, er und seine Regierung haben aber in den wirklich wichtigen Fragen nichts zu melden. Mubaraks Nachfolger hat weniger Macht als der österreichische Bundespräsident Heinz Fischer und die Queen. Mursi darf winken und repräsentieren."

kave/DPA/AFP / DPA