VG-Wort Pixel

Inhaftierter Menschenrechtsaktivist Wenn Ägypten nicht nachgibt, ist Alaa Abdel Fattah in wenigen Tagen tot

Der ägyptische Menschenrechtsaktivist Alaa Abdel Fattah, hier im Mai 2019 in seiner Kairoer Wohnung
Den Großteil der letzten zehn Jahre verbrachte er im Gefängnis: Der ägyptische Menschenrechtsaktivist Alaa Abdel Fattah, hier im Mai 2019 in seiner Kairoer Wohnung. Noch im selben Jahr kam er erneut in Haft, wo er bist heute sitzt.
© Khaled Desouki / AFP
Der inhaftierte Alaa Abdel Fattah ist eine Galionsfigur im Kampf für Menschenrechte in Ägypten. Mit einem Hunger- und Durststreik riskiert er sein Leben. Seine Mutter richtete jetzt einen dramatischen Appell an die zur Weltklimakonferenz angereisten Politiker.

Seit zwei Jahrzehnten kämpft Alaa Abdel Fattah für Freiheit und Menschenrechte in Ägypten, seit mehr als 200 Tagen setzt der inhaftierte ägyptisch-britische Aktivist mit einem Hungerstreik sein Leben dafür aufs Spiel. Mit Beginn der Weltklimakonferenz COP27 im ägyptischen Scharm el-Scheich am vergangenen Sonntag hörte er auch auf, Wasser zu trinken. Mittlerweile bleibt nur noch sehr wenig Zeit, um den 40-Jährigen zu retten, denn ohne Wasser kann der menschliche Körper normalerweise nur drei bis vier Tage überleben.

Mutter von Abdel Fattah appelliert an versammelte Politiker

Abdel Fattah war eine wichtige Figur des Arabischen Frühlings 2011 in Ägypten – der Revolution, die zum Sturz des langjährigen Autokraten Hosni Mubarak führte. Dem Programmierer wird die zweifelhafte Ehre zuteil, von jeder ägyptischen Regierung der vergangenen zwei Jahrzehnte ins Gefängnis gesperrt worden zu sein: Erstmals 2006 unter Hosni Mubarak, dann während der Militärregierung von Mohammed Tantawi, anschließend unter dem islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi.

Zuletzt wurde der Aktivist und Blogger 2021 – in der Amtszeit von Staatschef Abdel Fattah al-Sisi – zu fünf Jahren Haft verurteilt. Inhaftiert ist er bereits seit 2019. Abdel Fattah soll "Falschinformationen" verbreitet haben, ein gängiger Vorwurf gegen Dissidenten.

Anfang April war Abdel Fattah aus Protest gegen seine Haftbedingungen in Hungerstreik getreten. Seither nahm er nur noch 100 Kalorien in Form von einer Tasse Tee und einem Löffel Honig am Tag zu sich. Seit vergangenen Dienstag verweigert er jegliches Essen, und seit zwei Tagen hat er nach Angaben seiner Schwester Sanaa Seif auch das Trinken eingestellt. "Mein Bruder hat gerade sein letztes Glas Wasser im Gefängnis getrunken", schrieb sie am Sonntag bei Twitter.

Abdel Fattahs Mutter, Laila Sueif, veröffentlichte am Dienstagmorgen einen dramatischen Appell an die beim COP27 versammelten Staats- und Regierungschefs auf ihrer Facebookseite:

"In ein, zwei oder höchstens drei Tagen wird das, was Alaa Abdel Fattah durchmacht, vorbei sein. Wenn er freigelassen wird, wird er frei sein. Wenn er stirbt, wird er frei sein. Die ägyptischen Behörden, die schon so viel Blut an ihren Händen haben, denken wahrscheinlich, dass sie mit einem weiteren Verbrechen davonkommen. Sie könnten Recht haben. Welchen Unterschied kann ein weiterer Todesfall in einer Gefängniszelle machen? Deshalb richte ich meine Worte an andere, an den britischen Premierminister und an all die Staatsoberhäupter, die sich in Scharm el-Scheich versammelt haben. Die ägyptischen Behörden sind Ihre Freunde und Schützlinge, nicht Ihre Feinde. Wenn Alaa stirbt, werden auch Sie Blut an Ihren Händen haben, und Sie behaupten, Länder zu vertreten, in denen jedes Leben zählt."

Auch nach Einschätzung von Amnesty International läuft die Zeit zur Rettung von Abdel Fattah ab. "Maximal 72 Stunden, um ein Leben zu retten", sagte die Chefin der Menschenrechtsorganisation, Agnès Callamard bereits am Sonntag bei einem Besuch in Kairo vor ihrer Weiterreise nach Scharm el Scheich. "Wenn die Behörden keinen Tod wollen, den sie hätten verhindern können und sollen, müssen sie jetzt handeln."

Politiker vieler Länder unterstützen Abdel Fattah. Der britische Premierminister Rishi Sunak und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron forderten am Montag am Rande des Klimagipfels die Freilassung des Dissidenten. Sunak bezeichnete Abdel Fattahs Fall als "Priorität". Er hoffe auf eine baldige Lösung, sagte der Premier nach einem Treffen mit al-Sisi am Montagabend. Zuvor hatte er Sanaa Reif in einem Brief versichert: "Wir sind voll und ganz entschlossen, den Fall Ihres Bruder zu lösen."

Macron verlangte dem Elysée-Palast zufolge ebenfalls im Gespräch mit al-Sisi die Freilassung Abdel Fattahs. Er habe bei dem Treffen die Fälle mehrerer Gefangener angesprochen, hieß es.

"Das Regime will Alaa Abdel Fattah brechen"

Um den Druck auf das Regime in Kairo zu erhöhen, traten am Montag drei ägyptische Journalistinnen ebenfalls in den Hungerstreik. "Wir haben jetzt aufgehört zu essen, weil Alaa Abdel Fattah droht zu sterben", sagte Mona Selim der Nachrichtenagentur AFP bei einem Sitzstreik im Gebäude der Journalistengewerkschaft in der ägyptischen Hauptstadt. Zusammen mit ihren Kolleginnen Eman Uf und Ratscha Asab forderte sie zudem die "Freilassung aller politischen Häftlinge".

Nach Angaben von Menschenrechtsgruppen gibt es in Ägypten etwa 60.000 politische Gefangene, die unter brutalen Bedingungen und in überfüllten Zellen festgehalten werden. Auch Abdel Fattah sei im Gefängnis misshandelt und "Zeuge von Verbrechen gegen die Menschlichkeit" geworden, erklärte seine Schwester Mona Seif im April. Abdel Fattah mit seinen wilden Locken und dem struppigen Bart sei das Symbol des Widerstandes in Ägypten, dies sei der Grund für die wiederholte Inhaftierung, sagt der ägyptisch-palästinensische Aktivist Rami Schaath, selbst ein ehemaliger politischer Gefangener. "Das Regime will ihn brechen, um den Willen aller Ägypter zu brechen."

Aktivisten errichten riesige Pyramide aus Plastik in Ägypten

Abdel Fattah wurde 1981 als Sohn des bekannten, inzwischen verstorbenen Menschenrechtsanwalts Ahmed Seif el Din und der Mathematikprofessorin Laila Sueif geboren. Seine Schwestern Mona und Sanaa Seif mobilisieren seit mehr als zehn Jahren internationale Unterstützung für den Bruder. Sanaa Seif wurde selbst seit al-Sisis Machtübernahme 2013 zweimal inhaftiert; im vergangenen Dezember kam sie nach einer 18-monatigen Haftstrafe wegen "Verbreitung von Falschnachrichten" frei.

Während Abdel Fattah 2011 wegen "Anstiftung zur Gewalt" im Gefängnis saß, wurde sein Sohn Chaled geboren – benannt nach Chaled Said, dessen gewaltsamer Tod durch die Polizei 2010 die Revolution mit ausgelöst hatte.

Abdel Fattah und seine Familie spielten eine führende Rolle bei den Protesten im Januar 2011. 2013 unterstützte er zunächst den Sturz des Islamisten Mursi durch den damaligen Verteidigungsminister al-Sisi. Doch als sowohl islamistische als auch säkulare Oppositionelle getötet und massenhaft verhaftet wurden, wandelte er sich zu einem der größten Kritiker des Staatschefs.

Auch hinter Gittern blieb Abdel Fattah, der im April durch seine in London geborene Mutter die britische Staatsbürgerschaft erhielt, eine prominente Stimme der Opposition. Vergangenes Jahr veröffentlichte ein britischer Verlag eine Sammlung seiner Schriften.

mad AFP

Mehr zum Thema

Newsticker