HOME
Presseschau

Frankreich-Wahl: "Heute zählt nur ein Wort in Richtung Westen: Merci!"

Die Revolution von rechts ist abgeblasen. Le Pen verliert gegen den Linksliberalen Macron. Es ist Europas Rettung. So sieht es zumindest die Presse - und erwartet jetzt viel vom jungen Hoffnungsträger.

Frankreich Pressestimmen

Macron-Anhänger vor dem Louvre in Paris, nachdem seine Konkurrentin Le Pen ihre Niederlage bei der Präsidentenwahl eingeräumt hat

Sie wollte Donald Trump nacheifern. Marine Le Pen wollte Präsidentin werden. Einziehen in den Élyseepalast wie der Außenseiter Trump ins Weiße Haus - als "Stimme des Volkes", mit Angstmache und Lügen. Mit Hetze gegen Ausländer und Europa sowie ungedeckten Heilsversprechen. Ein Alptraum für Berlin und Brüssel.

Doch kurz vor dem Ziel wurde die Erbin der rechtsextremen Front National gestoppt: von Emmanuel Macron. Einem smarten, linksliberalen Ex-Topbanker, den vor einigen Monaten noch kaum jemand auf der Rechnung hatte. Mit nach Hochrechnungen gut 65 Prozent kann er die Demagogin klar auf Distanz halten. Ein beispielloser Triumph nach einem brutalen Wahlkampf.

Die Pressestimmen zur Wahl in Frankreich und den Folgen:

"Rhein-Neckar-Zeitung": "Macron wird ein schwieriger Gesprächspartner sein. Und dem Zauber des Neuen, der Freude über den Sieg über die dumpfe Anti-Europa-Haltung, wird nach und nach die Ernüchterung weichen, dass Staaten keine Freundschaften verfolgen, sondern Interessen. Dennoch zählt heute nur ein Wort in Richtung Westen: Merci!"

"Spiegel Online": "Mit dem Sieg Macrons ist (...) noch nicht alles gewonnen: Für die Umsetzung seiner ambitionierten Pläne braucht der neue Präsident eine breite und stabile Mehrheit in der Nationalversammlung. Die Parlamentswahlen im Juni werden daher zu einer Abstimmung über die Pläne der Regierung. Die nächsten sechs Wochen werden für Macron entscheidend: Damit die Dynamik seines Erfolgs in einer starken Fraktion von EM-Abgeordneten mündet, muss Macron mit seiner Regierungsmannschaft und ersten Entscheidungen seine Reformfreudigkeit unter Beweis stellen. Dabei könnte er wegen seiner neoliberalen Maßnahmen schon bald den beinharten Protest der Gewerkschaften provozieren."

Macron: "Eine wunderbare Vision für die Franzosen"

"Badische Zeitung": "Erneuerung hat Macron versprochen, den kollektiven Aufbruch der zerrissenen Gesellschaft in die Moderne. Was für eine wunderbare Vision ist das für die vom Zickzackkurs des Vorgängers François Hollande entnervten Franzosen! Aber leider ist ein solcher Aufbruch Illusion. Die gesellschaftlichen Risse sind zu tief, als dass sie schnell zu kitten wären. Auch am Sonntag sind sie wieder zutage getreten. Mehr als ein Drittel der Wähler hat für Le Pen votiert. Ein Viertel hat sich komplett verweigert. Seit 1969 war zudem die Stimmenthaltung nicht mehr so hoch. Anders gesagt: Halb Frankreich hat die Hoffnung aufgegeben, zur von Macron gepriesenen Moderne aufschließen, von ihr profitieren zu können. Und von denjenigen, die den Sozialliberalen gewählt haben, haben viele vor allem gegen Le Pen gestimmt. Macron, der jüngste Präsident der Fünften Republik, ist einstweilen wohl auch der schwächste."

"Süddeutsche Zeitung": "In Brüssel ist die Hoffnung groß. Beim Kampf gegen den Terror, in der Verteidigungspolitik und dem Schutz der EU-Außengrenzen dürfte es wenig Konflikte zwischen Berlin und Paris geben. Ganz anders in der Frage, wie die Zukunft der Wirtschafts- und Währungsunion aussehen soll. Macron hat viele Ideen, die im Berliner Kanzleramt auf heftigen Widerstand stoßen. Der neue französische Präsident will einen eigenen Haushalt für die Euro-Zone schaffen - samt Euro-Finanzminister und Parlament für den Währungsraum. Die Verteilung von Geld will er nicht nur an die Einhaltung fiskalpolitischer Regeln knüpfen, sondern auch an sozialpolitische Maßnahmen. Wie er sich das genau vorstellt, muss er noch erklären. Sein Wahlprogramm bleibt in dieser Frage sehr allgemein."

"Mainzer Allgemeine Zeitung": "Die Ziele des Europapolitikers Macron, der von den Deutschen in weitverbreiteter Unkenntnis seiner Positionen gefeiert wurde, sind ambitioniert. Eine Sanierung des struktur- und finanzschwachen Südeuropas durch Eurobonds sind das ziemliche Gegenteil der Schäuble-Politik. Auf der anderen Seite gilt: Wenn Frankreich gesunden muss, um die deutsch-französische Achse zur Rettung Europas wiederbeleben zu können, wird das nicht ohne weitreichende wirtschafts- und finanzpolitische Zugeständnisse der deutschen Regierung gehen. Die Wahl Macrons ist ein Experiment, das nicht scheitern darf."

"Frankreich ist nicht ins Land der Spalter übergetreten"

"Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Ja, Zuversicht bereitet sich wieder in Europa aus, zumal nach dem Jahr 2016, das so vieles so arg durcheinandergeschüttelt hat. Deutschland und Europa brauchen ein starkes Frankreich, gerade in Zeiten großer äußerer Bedrohungen und innerer Zweifel. Aber vormachen darf man sich nichts, gerade was die Europapolitik anbelangt und den Willen Macrons, die europäische Einigung fortzusetzen. Die EU hat viele Baustellen; ihr Reform- und Änderungsbedarf ist unverändert hoch. Und doch darf man aufatmen. Frankreich ist nicht ins Lager der Spalter und Abwickler übergetreten."

"Landeszeitung Lüneburg": "Europa kann endlich aufatmen. Die lähmende Furcht, dass nach London auch Paris die Gemeinschaft verlässt,ist vertrieben. Denn mit Macron wird ein EU-Befürworter neuer Präsident Frankreichs. Die Gründe für die Niederlage der Rechtspopulistin Marine Le Pen sind vielschichtig. Macron galt einigen Franzosen als letzter Hoffnungsträger. Dennoch haben ihn viele Bürger nur gewählt, um Le Pen zu verhindern. Und sehr viel andere haben "weiß" gewählt, sich also enthalten. Anders ausgedrückt: Auf Macron wartet eine extrem schwere Aufgabe. Er ist der jüngste Präsident Frankreichs. Er hat als erster Präsident keine große Partei im Rücken. Er muss eine zerrissene Gesellschaft kitten. Und die Erwartungen von Millionen Franzosen auf bessere Zeiten erfüllen."

"Rheinpfalz": "Macron hat das Zeug, die Franzosen mitzureißen und das Land zu reformieren. Bisher wirkt er integer, ziemlich besonnen, ausgleichend, furchtlos. Sein Lieblingswort ist "en même temps": zugleich. Er will scheinbare Gegensätze miteinander verbinden: Freiheit und Gleichheit, Wachstum und Solidarität, Nationalstolz und Europäische Einigung. Dieses "en même temps" schwebt aber auch über seiner Präsidentschaft: Er kann der Retter Frankreichs werden, zugleich aber ist das Risiko groß, dass er scheitert."

tim / DPA