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Pussy-Riot-Mitglied: Aljochina kritisiert eigene Freilassung als "PR-Trick"

Neuer Gnadenakt des Kreml: Nach Michail Chodorkowski kommt eine der beiden Aktivistinnen der Punkband Pussy Riot frei. Maria Aljochina verlässt das Gefängnis - ist aber gar nicht so glücklich darüber.

Die Aktivisitin Maria Aljochina von der russischen Punkband Pussy Riot ist wieder frei. Sie verließ am Montag das Straflager in Nischni Nowgorod an der Wolga, wie ihr Anwalt Pjotr Saikin am Montag Agenturen zufolge mitteilte. Die 25-Jährige war nach der Kritik an Kremlchef Wladimir Putin zu zwei Jahren Straflager verurteilt worden. Sie fiel jetzt unter eine von Putin veranlasste Massenamnestie. Nach Angaben des Anwalts wollte sie von der Wolgastadt ins 400 Kilometer entfernte Moskau reisen.

In einer ersten Reaktion kritisierte Aljochina die Amnestie. "Das ist kein humanitärer Akt, das ist ein PR-Trick", sagte sie dem Sender Doschd. Wenn sie eine Wahl gehabt hätte, die Amnestie abzulehnen, hätte sie das getan.

Eine ihrer Anwältinnen, Irina Chrunowa, sagte der Nachrichtenagentur AFP, Aljochina habe das Straflager an Bord eines schwarzen Wagens der Gefängnisverwaltung verlassen. Das sei "zweifellos geschehen, um der medialen Aufregung" zu entgehen, sagte sie. Augenzeugen beschrieben Aljochina beim Verlassen des Lagers als wach und gut gelaunt. Die Pussy-Riot-Musikerin traf sich zunächst mit Anwälten der Menschenrechtsorganisation "Komitee gegen Folter". Bei dem Gespräch gehe es um ihre Beschwerden, die sie im Straflager eingereicht habe, sagte der Leiter des Organisation Igor Kaljapin der Agentur Interfax.

Auch Nadeschda Tolokonnikowa vermutlich bald frei

Auch die zweite inhaftierte Pussy-Riot-Musikerin Nadeschda Tolokonnikowa könnte noch am Montag freikommen, wie ihre Angehörigen mitteilten. "Wir warten. Es sollte jeden Moment passieren", sagte die Anwältin Irina Chrunowa in Krasnojarsk vor dem Straflager während eines Telefongesprächs mit der Nachrichtenagentur dpa. Das Lager befindet sich in Sibirien rund 4000 Kilometer von Moskau entfernt. Seit Tagen hatten die Angehörigen der beiden Aktivistinnen an den jeweiligen Straflagern auf die Freilassung gewartet.

Mit einem Gnadenakt hatte Präsident Putin am Freitag auch seinen Erzfeind Michail Chodorkowski nach mehr als zehn Jahren in Haft freigelassen. Der frühere Milliardär reiste nach Berlin aus, wo er Zeit mit seiner Familie verbringt. Seine Zukunftspläne ließ er offen.

Allerdings will Chodorkowski nicht mehr - wie vor seiner Festnahme 2003 - die Opposition finanzieren. Der einst reichste Russe kämpft nach eigenen Angaben auch nicht um Rückgabe seines früheren Eigentums. Chodorkowski war einmal Chef des größten russischen Ölkonzerns Yukos, der nach seiner Festnahme zerschlagen worden war.

Anders als Chodorkowski weigerten sich die Frauen von Pussy Riot - beide junge Mütter - ein Gnadengesuch beim Präsidenten zu stellen. Der Kreml wertet solche Bitten um Gnade als Schuldeingeständnis. Das hatten die in einem international kritisierten Verfahren verurteilten Putin-Gegnerinnen stets abgelehnt. Politiker und Künstler sowie Menschenrechtler hatten sich weltweit immer wieder für eine Freilassung der Pussy-Riot-Frauen eingesetzt. Die Staatsduma hatte am Mittwoch eine Massenamnestie beschlossen, die auch einzelne Gegner Putins betrifft.

Aljochina, Tolokonnikowa und ein drittes Bandmitglied, Jekaterina Samuzewitsch, waren im vergangenen Jahr nach einem Anti-Putin-Protest mit einem "Punkgebet" in einer Kirche wegen Rowdytums verurteilt worden. Die Kirche ist in Russland sehr einflussreich - deshalb ist eine gute Beziehung zu der Institution für Putin wichtig. Die Strafe wäre im März verbüßt gewesen. Dass die Frauen nun freikommen, werten Beobachter als Kreml-Zugeständnis an den Westen vor den Olympischen Winterspielen, die am 7. Februar in Sotschi eröffnet werden. Mehrere Politiker hatten angesichts der Menschenrechtslage in Russland Reisen ans Schwarze Meer abgesagt. Pussy-Riot-Mitglied Samuzewitsch war bereits vor einiger Zeit auf Bewährung freigekommen.

Verfahren gegen Greenpeace-Aktivisten ebenfalls eingestellt

In Freiheit kamen im Zuge der Amnestie auch einige Oppositionelle, die vor der Amtseinführung Putins am 6. Mai 2012 wegen angeblich gewaltsamer Ausschreitungen inhaftierten worden waren. Außerdem wurden Verfahren gegen 30 Aktivisten der Umweltorganisation Greenpeace eingestellt. Die Männer und Frauen aus verschiedenen Ländern waren nach einem Protest gegen russische Ölbohrungen in der Arktis festgenommen und dann wegen Rowdytums angeklagt worden. Sie warten auf ihre Ausreise aus Russland.

anb/DPA/Reuters / DPA / Reuters