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Seit Ostermontag: Umstrittene Lockerung: Regierung schickt Spanier wieder zur Arbeit

Nach nur zwei Wochen werden die Beschränkungen gelockert: Seit Ostermontag dürfen die Spanier an ihre Arbeitsplätze zurückkehren. Dabei steigt die Zahl der Todesopfer pro Tag wieder an. Die Kritik am Krisenmanagement von Ministerpräsident Sanchez wird immer lauter.

Ein König im Krisenmodus: Im Kampfanzug zeigt sich König Felipe VI bei einem Besuch des Corona-Krisenzentrums in Madrid.

Ein König im Krisenmodus: Im Kampfanzug zeigt sich König Felipe VI bei einem Besuch des Corona-Krisenzentrums in Madrid.

Getty Images

Kein anderes Land in Europa hat mehr an dem Coronavirus infizierte Bewohner als Spanien: 166.831 Personen waren es offiziell am Montag. Auch die Todesrate liegt mit mehr als zehn Prozent erschreckend hoch. Zum Vergleich: In Deutschland sind es knapp 2,5 Prozent.

Ausgerechnet nachdem das Gesundheitsministerium am Sonntag in Madrid mitteilte, dass binnen 24 Stunden 619 Menschen an den Folgen ihrer Coronavirus-Infektion starben, tritt ab Montag eine Lockerung in Kraft. Am Samstag wurden dagegen 519 Tote gezählt. Ab Ostermontag, der mit Ausnahme einiger autonomer Regionen wie die Balearen, das Baskenland und Katalonien in Spanien nicht als Feiertag gilt, dürfen die meisten der 47 Millionen Spanier nun an ihre Arbeitsplätze zurückkehren.

Zweiwöchige Zwangspause beendet

Zwar bleibt die Ausgangssperre noch bis mindestens Mitternacht am 25. April bestehen, aber die restriktive Phase, in der nur arbeiten durfte, wer in unverzichtbaren Branchen tätig ist, dauerte nur 14 Tage. Der Druck auf die spanische Wirtschaft, die leeren Kassen und auf Ministerpräsident Pedro Sánchez ist groß.

"Die Pandemie wird kontrolliert. Die Daten werden in den kommenden Wochen dank des wirtschaftlichen Winterschlafes noch besser sein", sagte Sánchez optimistisch. Offiziell befindet sich das Land seit dem 25. März im "estado de alarma", im Alarmzustand.

Nachdem der erste Patient mit Covid-19 in Spanien bereits Ende Januar festgestellt wurde, geschah lange Zeit nichts. Insbesondere erwies sich Madrid als der Ansteckungsherd. Statt die Hauptstadt früh unter Quarantäne zu stellen, wurden konkrete Maßnahmen erst Ende März ergriffen - mit fatalen Folgen: Zu Tausenden flüchteten die Madrilenen in ihre Wochenendhäuser an die Küsten und verteilten das Virus im Land.

Zerstrittene Minderheitsregierung unter Sánchez

Anders als in die sachlich-beruhigenden Ansprachen der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel griff Sánchez zu einer eher Angst einflößenden Rhetorik, sprach in seinen Reden von einem "Albtraum" für das Land und beruhigte, dass alles "schon bald vorbei sein" werde.

Das Kongresszentrum Ifema in Madrid wurde zum provisorischen Krankenhaus umfunktioniert

Das Kongresszentrum Ifema in Madrid wurde zum provisorischen Krankenhaus umfunktioniert

AFP

Neben der Umwidmung des Madrider Kongresszentrums Ifema in ein provisorisches Krankenhaus und die Eissporthalle La Nevera in eine Aufbewahrungshalle für Leichen, wurde dann das Militär zu Hilfe gerufen. Soldaten mussten beim Desinfizieren öffentlicher Gebäude wie Flughäfen und Bahnhöfen helfen. Auf Pressekonferenzen lässt Sánchez auch das Militär und die Guardia Civil zu Wort kommen - das wäre in anderen Demokratien kaum vorstellbar.

Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern, wo auch die Oppositionsparteien mit Maßnahmen der Regierungen einverstanden sind, gibt es in Spanien kaum eine konstruktive Zusammenarbeit mit der Partido Polular, Ciudadanos und der rechtsextremen Vox.

Selbst das noch junge Regierungsbündnis aus Sozialisten und der Podemos-Partei ist in der Frage der Lockerung ab dem 13. April umstritten: Angefangen bei Podemos von Pablo Iglesias Turrión, dem Vizepräsidenten der spanischen Regierung, bis hin zu Naiara Davó in Valencia: "Wir von Podemos glauben, dass dies nicht die Zeit ist, alle bisher unternommenen Anstrengungen zu vernachlässigen, um die Kurve zu glätten und Leben zu retten. Wir sollten die Einschränkungen noch eine Weile ertragen", schreibt sie auf Twitter.

Ein König im militärischen Tarnanzug

Eine allgemeine Maskenpflicht besteht in Spanien nicht. Aber alle Spanier, die am Montag wieder zur Arbeit gehen, soll laut Sánchez eine Maske zur Verfügung gestellt werden. Doch von den zehn Millionen versprochen Exemplaren sind bisher nur 153.000 in den Regionen zur Verteilung eingetroffen, kritisiert ein Medienbericht.

Mitarbeiter einer Notaufnahme in Barcelona versammeln sich am Eingang, als sie von Anwohnern zur Anerkennung ihrer Arbeit aus ihren Fenstern und Balkonen beklatscht werden.

Mitarbeiter einer Notaufnahme in Barcelona versammeln sich am Eingang, als sie von Anwohnern zur Anerkennung ihrer Arbeit aus ihren Fenstern und Balkonen beklatscht werden.

dpa

Auch das spanische Staatsoberhaupt glänzt in der Krise nicht. Im Gegenteil. Für seine Coronavirus-Ansprache an das Volk im März erntete König Felipe VI. laustarken Protest: Selbst in Madrids "königstreuen" Stadtvierteln wie Almagro und Ríos Rosa war das laute Schlagen der Menschen auf Töpfe und Pfannen auf ihren Balkonen während seine Rede unüberhörbar. Motto der Aktion: "Corona ciao" – weg mit der Krone.

Bei einem Besuch des Corona-Krisenzentrums in Madrid trat Felipe VI Anfang April wie ein Soldat auf, bewaffnet im Tarnanzug, um als Militär dem Virus den Kampf anzusagen. In Spanien ist der König auch Oberbefehlshaber der spanischen Streitkräfte.

Ob es mit einer Lockerung der Maßnahmen gegen das Coronavirus zu keinem erneuten Anstieg der Infizierten und Opfer in Spanien kommen wird oder die Zahlen dennoch zurückgehen, bleibt abzuwarten. Die Dunkelziffer dürfte jedoch hoch sein.

Nach Berechnungen der Göttinger Entwicklungsökonomen Christian Bommer und Sebastian Vollmer sind in Spanien nur 1,7 Prozent der Infektionen offiziell erfasst. Solche Effekte könnten erklären, warum die Sterberate im Land viel höher als in Deutschland ist, wo insgesamt wesentlich mehr milde Verläufe erfasst werden.

Quellen: DPAwww.elnacional.ca, www.20minutos.es

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