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"Die Welt verstehen" - stern-Reporter erklären: Muss man sich vor dem Front National fürchten?

Das rechte Schreckgespenst Front National ist wieder da. Ist es? Nein, die Regionalwahlen in Frankreich sind kein Vergleich zur Präsidentsschaftswahl - da hilft auch kein Triumphgeheul der Le Pens.

Von Tilman Müller

Der alte Mann und das Medieninteresse: Front-National-Gründe Jean Marie Le Pen im Fokus nach der Regionalwahl

Der alte Mann und das Medieninteresse: Front-National-Gründe Jean Marie Le Pen im Fokus nach der Regionalwahl

Wieder einmal frohlockte Marine Le Pen. Um simplifizierende Erklärungen nie verlegen, redete sie sich die Resultate der französischen Départementswahlen am Sonntag über alle Maßen schön. In zwei Jahren werde sie als Frankreichs Staatspräsidentin sein. "Das ist", so Madame, "die große gerade Linie in Richtung für 2017."

Was war geschehen? Le Pens rechtsextremer Front National (FN) erreichte in ersten Runde der Regionalabstimmungen mit 25 Prozent der Stimmen den zweiten Platz, hinter der rechtsbürgerlichen UMP und vor den regierenden Sozialisten (PS) von François Hollande.

Nicht einmal 50 Prozent Wahlbeteiligung

Doch in Wahrheit ist diese Wahl so ziemlich der unwichtigste Urnengang, den es in unserem Nachbarland gibt. Denn es geht bei dieser Wahl nur um die Besetzung der Exekutivorgane der insgesamt 101 Départements; sie kümmern sich unter anderem um Wirtschaftsförderung, Museen oder den Umweltschutz auf Kreisebene. Weniger als die Hälfte der Wahlberechtigten ging zu Wahl.

In der Hauptstadt Paris, in der Wirtschaftsmetropole Lyon sowie in einigen überseeischen Gebieten waren die Bürger überhaupt nicht zur Wahl aufgerufen, da dort die Bürgermeister und die Stadträte die regionalen Funktionen ausüben. Und in den Stichwahlen des zweiten Durchgangs, die nächsten Sonntag stattfinden wird, hat der FN kaum Chancen. In höchstens vier der 101 Départments kann die fremden- und europafeindliche Partei laut jüngsten Umfragen an die Macht gelangen.

Andere Umstände bei Präsidentschaftswahl

Von einer richtungsweisenden Wahl kann also keine Rede sein. Bei den Präsidentschaftswahlen in zwei Jahren werden ganz andere Bedingungen herrschen. Vor allem die linke Wählerschaft wird ihre Anhängerschaft wesentlich stärker mobilisieren. Am Sonntag blieben gerade die PS-Wähler den Urnen fern, da die Partei die Departements eigentlich abschaffen oder sie einer Strukturreform unterziehen will.

Ein Einzug von Marine le Pen 2107 in den Elysee-Palast will die Mehrheit der Franzosen derzeit mit Sicherheit nicht. Der FN kann in zwei Jahren wohl höchstens in die Stichwahl kommen, wird dort aber - ähnlich wie der FN-Übervater Jean-Marie Le Pen im Jahr 2002 gegen Jacques Chirac – aller Voraussicht nach scheitern.

Stets verliert, wer regiert

Denn wenn es ernst wird, besinnen sich die Franzosen auf ihre republikanische Tradition und wählen keine extreme Figur, sondern entweder die Bürgerlichen oder die Sozialisten. Aber der FN wird sich - auch das deutet sich durch das jüngste Ergebnis an - weiter als dritte politische Kraft im Land etablieren, zumindest mittelfristig.

Wieder einmal hat diejenige politische Kraft am meisten verloren, die in Paris an der Macht ist: zur Zeit (noch) die PS. Das geht in der krisengeschüttelten Grande Nation schon lange so. Stets verliert, wer regiert.

Sarkozy spricht schon von "Wende"

Nun wähnt sich Nicolas Sarkozy, dessen UMP nun die meisten Stimmen holte, wieder auf der Siegerstraße. Doch den Ex-Präsidenten haben die Franzosen schon einmal abgewählt. Nicht weil sein Kontrahent Hollande besser oder beliebter gewesen wäre, sondern weil Sarkozy sein Land schlecht regiert hatte und den Franzosen mit seinen Starallüren so sehr auf die Nerven gegangen war, dass sein Comeback heute mehr als fraglich ist.

Ähnlich vollmundig wie Marine Le Pen frohlockte Nicolas Sarkozy dennoch, dass er sich befinde nunmehr auf dem Weg zum Sieg im Jahre 2017 befinde. "Die Franzosen haben genug von drei Jahren Lügen", erklärte er, "die Wende ist nicht mehr aufzuhalten."