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Gesichter des Sunshine-States: Was Florida mit seinen Bewohnern macht - und sie mit Florida

Sie sind der Treibstoff des neuen Florida: Musiker, Kunstsammler, Coffeeshop-Betreiber: Hier erzählen sie von Umzügen, lateinamerikanischen Groove und europäischem Flair - kurz ihrem ganz anderen Staat, der ihre Heimat ist.

Aufgezeichnet von Jan Christoph Wiechmann

Florida im Wandel: Der Sunshine State ist längst nicht mehr nur der Staat für Rentner, Partygänger und konservative Exilkubaner. Im neuen stern erzählen die Reporter Jan-Christoph Wiechmann und Norbert Höfler wie sich Florida mit spektakulärer Architektur, traumhaften Stränden und einer hippen Kunstszene zum perfekten Urlaubsziel gemausert hat.

Hier erzählen einige Floridianer von ihrem ganz anderen Staat.

Elsten Torres, Musiker

Nach Miami zu gehen war die beste Entscheidung meines Lebens. Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich in New York, aber als Musiker hat man es dort schwer. Miami ist: Schönes Wetter, schöne Frauen, der Strand, vor allem aber: jede Menge Latinos. Und dann die Musik.

In Miami hatte ich als Salsamusiker gleich Erfolg. Ich kam zur richtigen Zeit, als Latino-Musik so richtig abging. Gloria Estefan. Julio Iglesias Junior. Ich habe für sie Songs geschrieben und meine eigene Band gegründet. Fulano De Tal - wurde für zwei Grammys nominiert.

Die Musik ist hier besonders. Latin Fusion. Ein Mix verschiedener Stile: Cumbia, Salsa, Samba, Reggae, Funk. Jede Nacht stehen die Vereinten Nationen auf der Bühne. Ich spiele mit Musikern aus Venezuela, der Dominikanischen Republik, Argentinien, Brasilien - und lasse mich inspirieren. Das ist einmalig. Es gibt keinen Ort der Welt, wo Lateinamerika so zusammen kommt. Wo man sich mischt und nicht die alten Rivalitäten auslebt.

Miami ist Lateinamerika. Ende der Diskussion. Wenn du nicht Spanisch sprichst, hast du ein Problem. Ich habe meine Wurzeln hier wieder entdeckt. Ursprünglich komme ich aus Kuba. Meine Mutter ist mit mir und meinem Bruder geflohen. Mein Vater war ein politischer Gefangener des Castro-Regimes. Ich habe ihn erst mit 16 Jahren wieder gesehen. Richtig nah sind wir uns danach nie gekommen.

Exilkubaner in Florida gelten als sehr konservativ, aber das ändert sich. Die Generation meiner Mutter ist gegen jede Annäherung mit dem Regime, ich verstehe das. Meine Generation steht in der Mitte. Wir finden: Es ist Zeit für etwas Neues. Vielleicht klappt ja die neue Politik Obamas.  Die junge Generation - auf beiden Seiten – aber wird uns endlich den wahren Wandel bringen.

In den letzten fünf Jahren hat Miami noch mal einen unglaublichen Sprung gemacht. Mode, Musik, Kunst, Stadtplanung – überall. Die Stadt kommt heute in den USA gleich nach New York und Los Angeles.

Mera und Donald Rubell, Kunstsammler


Wir kamen Mitte der Neunziger nach Florida. Damals gab es hier in Wynwood noch nicht viel, außer viel Armut und Drogenkriminalität. Wir hatten eine große Kunstsammlung und haben sie in diesem Haus untergebracht, 4000 Quadratmeter. Es war das billigste Gebäude. Es gehörte der Polizei: Sie hatte hier konfiszierten Waffen und Drogen gelagert.

Heute ist Wynwood das angesagteste Viertel im ganzen Staat. Überall Straßenkunst, Galerien, junge Leute. Während der Kunstmesse Art Basel kommen 20.000 Besucher nur nach Wynwood. Die Kunst hat Miami verwandelt. Sie ist eine junge Stadt geworden. Sie zieht Künstler und Studenten an, die Kreativen, gut Ausgebildeten. Vor allem Latinos. Wir sind das Einfallstor für Südamerika. Die 25- bis 45-jährigen erfüllen hier ihre Träume. Es ist vergleichsweise immer noch billig. New Yorker fliehen vor den hohen Mietpreisen gen Süden.

Miami und Florida hatten diesen Ruf, eine verschlafene Rentnergegend zu sein. Aber das hat sich geändert. New Yorker strömen in Scharen hierher, sie sind ja nur gut zwei Flugstunden entfernt vom Paradies. Da dauert die Fahrt in die Hamptons im Auto schon länger. Früher war Strand und Sonne die Attraktion, jetzt hast du auch noch die Stadt dazu.

Was sich geändert hat: Die digitale Revolution erlaubt es dir, heute im Paradies zu leben und zu arbeiten. Früher musstest du ein Büro in New York oder LA haben, heute nicht mehr. Früher hieß es: Spare für die besten Jahre deines Lebens. Dann kannst du die Rente in der Sonne verbringen. Das ist vorbei. Wir müssen nicht mehr warten, bis wir 70 sind.

New York ist sehr New York-zentrisch. Miami ist Lateinamerika. Es gibt Direktverbindungen in jede südamerikanische Großstadt. Auch nach Berlin. Nach Moskau. Und demnächst nach China. Die geographische Lage ist ideal. Als Kunstsammler sind wir viel in Südamerika unterwegs und entdecken großartige Künstler für unsere Sammlung.

Alicia Cervera, Immobilienmaklerin


Ich kam mit drei Jahren von Kuba nach Florida. Mein Vater hat mit der CIA zusammen gearbeitet - gegen Castro. Er konnte gerade noch fliehen. Viele seiner Freunde wurden getötet.

In Kuba waren wir wohlhabend. In Florida mussten wir ganz neu anfangen, mein Vater arbeitete als Buchhalter eines Autoverkäufers. Irgendwann entdeckte meine Mutter, dass Bauunternehmer schlechte Verkäufer waren. Also versuchte sie sich an dem Job. Heute sind wir eines der größten Maklerbüros in Südflorida. Wir haben 60.000 Objekte verkauft. Vom Flüchtling zum Immobilienimperium - das ist Florida. Staat der unbegrenzten Unmöglichkeiten.

Das Motto gilt heute für viele Latinos. In Florida und speziell Miami können sie sich ausprobieren. Der Zuzug so vieler Südamerikaner hat uns nach der großen Finanzkrise 2008 gerettet. Wohnungen waren billig, Südamerikaner kauften sie in Scharen, manchmal nach dem Motto: Gib mir gleich ne zweite. Florida hat die Sicherheit der USA und den Rhythmus von Südamerika.

Heute gilt: Florida profitiert, egal was in Südamerika passiert.  Wenn es eine Krise gibt wie in Venezuela, Argentinien oder jetzt in Brasilien, legen sie ihr Geld hier an. Wenn es dort boomt - genauso. Miami ist ihr Spielplatz. Die Frauen gehen hier einkaufen und zeigen ihren Schmuck. Die Männer zeigen sich hier in schnellen Autos, Dinge, die sie aus Sicherheitsgründen in ihren Ländern nie wagen würden. In Venezuela etwa leben sie mit der ständigen Angst vor Entführungen und Überfällen. Hier sind sie gleich zu Hause. Sie haben ihre Sprache und Landsleute.

Früher hieß es: Du musst Florida verlassen, um etwas zu werden. Heute bleiben alle hier oder kommen wieder. Der Staat dürstet nach Talent, nach Kunst, nach Ideen. Wenn du genug Drive hast, kannst du es hier schaffen und immer noch sehr viel Geld verdienen. Florida wird liberaler, aber es ist immer noch sehr kapitalistisch.

Leticia und Joel Pollock, Besitzer der "Panther Coffeeshops"

Leticia und Joel Pollock

Leticia und Joel Pollock


Es mag eigenartig klingen. Wir kommen aus Brasilien beziehungsweise  Minnesota, haben an der Westküste gelebt, aber unseren Coffeeshop haben wir in Miami aufgemacht. Miami hatte keine richtige Kaffeekultur. Inzwischen haben wir fünf Läden und viele Angebote zu expandieren. Aber wir lassen uns Zeit. Uns drängt nichts.

Miami ist auf halbem Weg zwischen Brasilien und Minnesota. Das ist ein Grund für unseren Standort. Wir wollten aber vor allem Teil von etwas neuem sein. Als wir ankamen, herrschte die große Krise. Keiner hat uns verstanden. Es war die Zeit, als keiner Risiken einging. Inzwischen hat sich Miami unglaublich rasant entwickelt.

Eine Stadt wie Miami gibt es sonst nicht. Die ganze Welt ist hier, vor allem natürlich aus Südamerika. Sie ist in der Tat die Hauptstadt Lateinamerikas. Viele kommen aus Kaffeeproduzierenden Ländern und entdecken hier erst, wie gut Kaffee sein kann. Der beste Kaffee dort wird ja exportiert. In unserem Laden kommen sie alle zusammen. 

Miami ist immer noch eine Stadt der Kubaner, ihre Kinder wurden zu kleinen Republikanern. Aber inzwischen kommen die Menschen aus allen Teilen Lateinamerikas. Venezolaner, Argentinier und viele Brasilianer. Damit verändert sich die Stadt sehr. Früher haben die Castro-feindlichen Exilkubaner das Sagen gehabt. Heute sind sie eher eine Minderheit.

Wir müssen uns immer noch anhören: Ihr habt die West Coast für Miami getauscht? Seid ihr verrückt? Miami ist unser Zuhause. Es gibt inzwischen eine sehr progressive Bewegung - Local Food, Wiederbelebung von Parks, von Stadtteilen - und hier passiert alles so irre schnell. Man will dabei sein. Man ist hier Teil einer Bewegung.

Ugo Colombo, Bauunternehmer

Ugo Colombo

Ugo Colombo; Bauunternehmer


Ich erinnere Zeiten, da musste ich nach New York fliegen, um mir meinen Prosciutto und Parmesan nach Florida zu holen. Oder es mir schicken lassen. Diese Zeiten sind vorbei. Heute gibt es hier alles. Heute ist Miami ohne Frage eine internationale Großstadt.

Ich kam aus Italien zum Studium nach Miami und bin geblieben. Ich habe das erste Hochhaus im europäischen Stil entwickelt - große Wohnungen, große Balkone. Heute sieht man sie überall. Heute schießen überall neue aus dem Boden. Schau dir diese Skyline an. Es sind unglaubliche Projekte geplant: Das Miami Worldcenter. Und "All Aboard Florida" rund um den neuen Hauptbahnhof.

Als Europäer kann ich sagen: Miami wird europäischer. Mehr Grün, mehr Platz zum Spaziergehen, mehr Fahrräder. Der neue Zug nach Orlando wird vieles verändern. Als ich kam, war Miami eine Mischung aus Kuba und Los Angeles. Heute eher aus Europa und ganz Südamerika.

Alles passiert hier in einem irre schnellen Tempo. Miami Beach, die alte Rentnerhochburg, drehte sich in drei Jahren zu Amerikas Partyzentrale. Heute ist dort überall Kunst. Die Finanzkrise schlug zuerst unbarmherzig zu, aber Miami hat sich schnell wieder berappelt. Ich mache bei dem Tempo nur bedingt mit. Ich will meine Hochhäuser nicht schnell hochziehen. Ich will die besten hochziehen, eines nach dem anderen.

Die Gegend wird sich weiter entwickeln. Jetzt kommen nicht nur Südamerikaner. Europäer ziehen hierher, die Saudis sind da und jetzt kommen auch die ersten Chinesen. In fünf Jahren ist dies schon wieder eine andere Stadt.

Lesen Sie im neuen stern: Florida - spektakuläre Architektur, hippe Künstlerviertel und traumhafte Strände: eine Reise durch den runderneuerten Sonnenstaat