Russischer Ex-Spion Weitere Opfer bei Strahlenanschlag


Der russische Ex-Spion Litwinenko starb an hoch radioaktivem Polonium 210 - auch seine Umgebung könnte mit verseucht worden sein, vorerst drei Menschen werden untersucht. Unterdessen sucht die britische Polizei weiter nach dem Mörder.

Die offizielle gerichtliche Untersuchung zur Ursache des Todes des russischen Ex-Spions und Kreml-Gegners Alexander Litwinenko in London soll am kommenden Donnerstag beginnen. Das teilte das zuständige Gericht im Londoner Stadtbezirk Camden mit. Von der Untersuchung wird Aufschluss darüber erwartet, ob der 43-jährige tatsächlich ermordet wurde.

Unterdessen berief die Gesundheitsschutzbehörde HPA drei Menschen in eine britische Spezialklinik ein, um sie wegen einer möglichen Verstrahlung radiologischen Tests zu unterziehen. Es handle sich um eine Vorsichtsmaßnahme, um eine Gefährdung der Betroffenen auszuschließen, sagte eine Sprecherin.

Hoch radioaktive Substanz in Litwinenkos Körper gefunden

Im Körper Litwinenkos, der am Freitag starb, waren Spuren der hoch radioaktiven Substanz Polonium 210 gefunden worden. Daraufhin forderten die Behörden alle Bürger auf, sich sicherheitshalber zu melden, falls sie in Litvinenkos Wohnung oder in einem Hotel sowie einem Restaurant waren, in dem sich der Ex-Spion unmittelbar vor seiner Vergiftung aufgehalten hatte. Mehr als 450 Menschen hätten sich unter der eigens eingerichteten Notrufnummer gemeldet, sagte die HPA-Sprecherin. 18 wurden genauer untersucht, und von diesen wiederum drei in die Spezialklinik eingewiesen.

Geheimdienst in Verdacht

Bislang ermittelt Scotland Yard offiziell wegen eines "verdächtigen Todesfalls", aber nicht wegen Mordes, wie Innenminister John Reid bestätigte. Litwinenko selbst hatte in einer wenige Tage vor seinem Tod abgefassten Erklärung den russischen Präsidenten Wladimir Putin beschuldigt, seine Ermordung befohlen zu haben. Großbritannien hat Russland aufgefordert, an der Aufklärung des Todes mitzuwirken. In russischen Exilantenkreise in London wurde vor allem Moskaus Auslandsgeheimdienst SWR für den Tod Litwinenkos verantwortlich gemacht.

Putin hat alle Vorwürfe gegen seine Regierung zurückgewiesen und erklärt, dass eine gezielte "Provokation" nicht ausgeschlossen werden sollte. Auch der SWR bestritt jedwede Anschuldigungen. In britischen Medien wurde auch spekuliert, dass Putin-feindliche russische Oligarchen, die sich durch die Flucht nach Großbritannien der Strafverfolgung in der Heimat entzogen haben, hinter dem Giftanschlag auf Litwinenko stecken könnten.

Der Druck auf Präsident Wladimir Putin, zur Aufklärung des mutmaßlichen Verbrechens beizutragen, wächst. Mitglieder der britischen Regierung warnten indirekt vor einer Belastung der bilateralen Beziehungen. Unterhaus- Abgeordnete forderten eine Debatte über eine mögliche Verwicklung des russischen Geheimdienstes.

Das Verhältnis zu Russland sei nach dem mutmaßlichen Mordanschlag komplizierter geworden, räumte das Kabinettsmitglied Peter Hain ein, der als Vertrauter von Premierminister Tony Blair gilt. "Das Versprechen, das Präsident Putin Russland gab, als er an die Macht kam, ist überschattet worden, durch das was danach geschah, darunter extrem düstere Morde an russischen Journalisten", sagte Nordirland- Minister Hain dem Sender BBC.

Kein Mordverdacht

Innenminister John Reid sagte auf Reporterfragen nach der Rolle ausländischer Agenten bei dem Giftanschlag, es sei Aufgabe von Scotland Yard, dies zu klären. Bislang gebe es keinen eindeutigen Mordbeweis. Allerdings werde nicht mehr nur wegen eines "ungeklärten", sondern inzwischen wegen eines "verdächtigen" Todesfalls ermittelt.

BBC berichtete, britische Ermittler hofften, möglichst bald nach Moskau reisen zu können. Russische Behörden hätten Bereitschaft zur Zusammenarbeit signalisiert. In Moskau gab es dafür keine Bestätigung. Nach Angaben der Zeitung "The Times" haben britische Geheimdienstler "deutliche Zeichen eines staatlich geförderten Attentats" ausgemacht.

Russland müsse als Europarats-Mitglied ein Interesse daran haben, dass der Fall aufgeklärt wird, sagte der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Günter Nooke, der "Berliner Zeitung". Der Vorsitzende der sozialdemokratischen Fraktion im Europaparlament, Martin Schulz, appellierte an Putin, die Hintergründe der Affäre aufzuklären.

BND glaubt nicht an Schuld des SWR

Der russische Regimekritiker Andrej Nekrasow, der am Sterbebett Litwinenkos ausgeharrt hatte, glaubt nach eigenen Worten nicht an einen Mordbefehl durch Putin. Der Giftanschlag mit der radioaktiven Substanz Polonium 210, dem Litwinenko am Donnerstagabend erlegen war, sei das Werk "eines außer Kontrolle geratenen und extrem nationalistischen Geheimdienstes", sagte Nekrasow in einem dpa- Gespräch in London.

Demgegenüber glaubt der Ex-Chef des Bundesnachrichtendienstes Heribert Hellenbroich (69) nicht, dass der russische Geheimdienst hinter dem Anschlag steckt. Die Art, wie Litwinenko mit dem Strahlungsgift umgebracht worden sei, "ist ungewöhnlich auffällig und passt in keiner Weise zu einem professionellen Geheimdienst", sagte er der "Bild am Sonntag". "Mir scheint, da ist etwas bewusst inszeniert worden."

Spezialisten von Scotland Yard und des Geheimdienstes MI5 setzten die Untersuchung von Örtlichkeiten fort, in denen sich Litwinenko am 1. November mit Personen getroffen hatte, die möglicherweise zum Kreis der Tatverdächtigen gehören. Spuren dieses Elements wurden abgesehen von seiner Wohnung auch im Londoner Hotel Millennium sowie der Sushi-Bar "Itsu" gefunden.

Derweil meldeten sich mehr als 300 Menschen, die sich dort am 1. November aufgehalten hatten, beim staatlichen medizinischen Dienst. Sie folgten einem Angebot, sich über einen eventuell ratsamen Test auf Radioaktivität zu informieren.

Weitere Erkenntnisse erhoffen sich die Ermittler von der Obduktion der Leiche Litwinenkos. Über einen Zeitpunkt dafür sei angesichts der potenziell noch hohen Strahlenbelastung des Körpers noch nicht entschieden worden, hieß es.

DPA/AP/Reuters AP DPA Reuters

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