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Krieg in der Ukraine "Wie Wilde haben wir geplündert": Russischer Soldat legt Missstände in der Armee offen

In einem mit Tarnnetzen geschützten Unterstand steht ein Soldat. Im Gegenlicht ist nur sein Profil zu erkennen
Ein russischer Soldat bei seinem Einsatz in der Ukraine (Symbolbild)
© Alexander Nemenov / AFP
Ein russischer Fallschirmjäger hat ein Buch über seinen Einsatz in der Ukraine geschrieben. Im "Guardian" schildert Pawel Filatjew, was in der russischen Armee alle schief läuft und warum er nicht länger schweigen konnte.

Als Fallschirmjäger war Pawel Filatjew an der Eroberung von Cherson beteiligt. Die Erlebnisse in seinem Dienst in der russischen Armee im Krieg gegen die Ukraine hat er in einem Tagebuch festgehalten. Aus diesen Aufzeichnungen ist nun ein Buch entstanden, das in diesen Tagen erscheint. Im Gespräch mit der englischen Tageszeitung "The Guardian" geht er hart mit der russischen Armee, ihrer Führung und Präsident Wladimir Putin ins Gericht. "Ich sehe in diesem Krieg keine Gerechtigkeit. Ich sehe hier keine Wahrheit", sagt er dem "Guardian"-Journalisten. "Ich habe keine Angst, im Krieg zu kämpfen." Aber er bräuchte das Gefühl der Gerechtigkeit und das Richtige zu tun. Das habe er aber nicht, weil "die Regierung alles gestohlen hat", sondern auch weil "wir Russen nicht das Gefühl haben, dass das, was wir tun, richtig ist."

Die Zweifel seien ihm gekommen, als er nach der Eroberung von Cherson in der Nähe von Mykolaiw einen Monat lang unter schwerem Artilleriefeuer lag. "Zu diesem Zeitpunkt dachte ich schon, dass wir hier draußen nur Mist machen, wozu brauchen wir diesen Krieg? Und ich hatte wirklich diesen Gedanken: 'Gott, wenn ich überlebe, dann werde ich alles tun, was ich kann, um das zu beenden.'" Schließlich schleuderte eine Granate Schlamm in sein Auge, das sich entzündete. Fast wäre Filatjew erblindet. So wurde er aus dem Kampfgebiet abgezogen.

Soldat bricht Schweigen über Krieg in der Ukraine

45 Tage lang hat er an seinem Buch geschrieben und damit das Gesetz des Schweigens gebrochen in einem Land, in dem das Wort "Krieg" schon als Grund für eine Festnahme gilt. "Ich kann einfach nicht länger schweigen, auch wenn ich weiß, dass ich wahrscheinlich nichts ändern werde", sagt Filatjew dem "Guardian". "Und vielleicht war ich dumm, mich in so viel Ärger zu bringen."

In seinem Buch beschreibt er, wie seine Einheit von der Krim aus in die Ukraine geschickt wurde. Schon da seien die Männer schlecht ausgerüstet und erschöpft gewesen. Sie hätten keine  konkrete Ziele gekannt und nicht gewusst, warum der Krieg überhaupt stattfand. "Es dauerte Wochen, bis ich begriff, dass auf russischem Territorium gar kein Krieg stattfand und dass wir gerade die Ukraine angegriffen hatten", sagte er.

Soldaten durchwühlen Küchen nach Essen

Nachdem seine Einheit den Hafen von Cherson erobert hatte, hätten die Fallschirmjäger, die Elite der russischen Armee, sofort damit begonnen, "Computer und alle wertvollen Güter, die wir finden konnten" zu erbeuten. Dann hätten sie die Küchen nach Lebensmitteln durchwühlt. "Wie Wilde haben wir dort alles gegessen: Haferflocken, Brei, Marmelade, Honig, Kaffee ... Wir haben uns um nichts geschert, wir waren schon am Limit. Die meisten hatten einen Monat im Feld verbracht, ohne einen Hauch von Komfort, einer Dusche oder normalem Essen."

Filatjew berichtet auch von veralteter Ausrüstung der Armee. Das Gewehr, das ihm gegeben worden sei, sei rostig gewesen und der Riemen gerissen. "Wir waren einfach ein ideales Ziel", schreibt er laut "Guardian" und schildert die Fahrt nach Cherson in veralteten und ungepanzerten Lastwagen, die manchmal 20 Minuten lang an Ort und Stelle standen. "Es war unklar, was der Plan war – wie immer wusste niemand etwas." Mit wachsender Frustration mehren sich Bericht über Soldaten, die sich selbst anschießen, um der Front zu entkommen und drei Millionen Rubel (etwa 48.000 Euro) Entschädigung zu kassieren.

Filatjew zeichnet ein komplett anderes Bild der russischen Armee als der Kreml: "Die meisten Menschen in der Armee sind unzufrieden mit dem, was dort vor sich geht. Sie sind unzufrieden mit der Regierung und ihren Befehlshabern. Sie sind unzufrieden mit Putin und seiner Politik. Sie sind unzufrieden mit dem Verteidigungsminister, der nie in der Armee gedient hat."

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In seinem Buch spricht er laut "Guardian" auch davon, dass es "haufenweise Tote gibt, deren Angehörige noch keine Entschädigung erhalten haben". Das passt zu Medienberichten über verwundete Soldaten, die seit Monaten auf ihre Entschädigung warten. Viele Details von Filatjews Schilderungen lassen sich nicht überprüfen. Dem "Guardian" hat er jedoch Fotos und Dokumente vorgelegt, die seine Zugehörigkeit zur Armee und seine in der Ukraine erlittene Augenverletzung belegen.

Ihm drohen Anklage und Verhaftung

Nur eine Sache wundert ihn: Dass er noch nicht verhaftet worden ist. Er habe gehört, dass seine Einheit eine Anklage wegen Desertierens gegen ihn vorbereitet. Das könnte ihm im Falle einer Verurteilung mehrere Jahre Gefängnis einbringen. "Ich verstehe nicht, warum sie mich immer noch nicht geschnappt haben", sagt er beim Treffen mit dem "Guardian"-Redakteur. "Ich habe in den letzten sechs Monaten mehr gesagt als alle anderen. Vielleicht wissen sie nicht, was sie mit mir machen sollen."

Russland verlassen will er trotz der Gefahr seiner Verhaftung bislang nicht. "Ich gehe also nach Amerika, und wer bin ich dort? Was soll ich tun?", sagte er der Zeitung. "Wenn ich nicht einmal in meinem eigenen Land gebraucht werde, wer braucht mich dann dort?"

Quelle:"The Guardian"


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