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WM-Gastgeber: Terror, Schüsse, Bus-Vorfall – was ist in Russland los?

In den vergangenen Tagen häuften sich die Schreckensnachrichten aus Russland, es gibt Tote und Verletzte zu beklagen. Was hinter den Ereignissen im Gastgeberland der Fußball-WM steckt und worauf Reisende jetzt achten müssen.

Vier Ereignisse in Russland, die jüngst international für Schlagzeilen sorgten

Vier Ereignisse in Russland, die jüngst international für Schlagzeilen sorgten: Explosion in einem Supermarkt, Schüsse in einer Fabrik, Bus-Vorfall in einer Unterführung, Festnahme mutmaßlicher Terroristen (von links oben im Uhrzeigersinn)

Explosion in St. Petersburger Supermarkt: 13 Verletzte. Schüsse in einer Süßwarenfabrik in Moskau: ein Toter. Vorfall mit einem Bus an einer Moskauer Fußgängerunterführung: vier Tote. Behörden verhindern Anschlag in St. Petersburg: glücklicherweise keine Opfer. Aus Russland erreichen uns in den vergangenen Tagen beunruhigende Nachrichten – knapp ein halbes Jahr vor dem Start der Fußball-WM. Der stern gibt einen Überblick und erklärt, was hinter den Vorfällen im größten Staat der Erde steckt.

27. Dezember, St. Petersburg: Explosion in Supermarkt

Das ist passiert: In einem Supermarkt im Nordosten der zweitgrößten Stadt Russlands detonierte am Mittwoch ein selbstgebastelter Sprengsatz mit rund 200 Gramm Dynamit und Metallteilen. Nach jüngsten Angaben der Behörden wurden 13 Menschen verletzt, acht von ihnen wurden ins Krankenhaus eingeliefert. Die Bombe sei in einem Schließfach explodiert, berichtete ein Augenzeuge der russischen Nachrichtenagentur Tass. Bilder aus der Überwachungskamera des Marktes zeigen einen Mann mit Kapuzenjacke und einem offenbar schweren Rucksack, der den Ort der Explosion anschließend ohne sein Gepäckstück verließ.

Das steckt dahinter: Nachdem die Behörden zunächst einen Terroranschlag ausschlossen und eine Erpressung oder organisierte Kriminalität als Hintergrund für die Tat für möglich hielten, machte Russlands Präsident Wladimir Putin am Donnerstagmorgen eine klare Ansage: "In St. Petersburg ist eine terroristische Tat verübt worden", sagte er in Moskau. Der Geheimdienst FSB sei angewiesen, bei der Festnahme "solcher Banditen" zwar nach dem Gesetz vorzugehen, so Putin. Jedoch: "Bei Gefahr für Leib und Leben unserer Mitarbeiter, unserer Offiziere muss entschieden gehandelt werden, keine Gefangenen, die Banditen werden sofort liquidiert." Das Nationale Antiterror-Komittee übernahm die Ermittlungen.

Nach einem Bombenanschlag auf die St. Petersburger U-Bahn im April bezichtigten sich Unterstützer des Terrornetzwerks Al-Kaida selbst der Tat. Ob die Täter von Mittwoch auch in deren Reihen zu finden sind, ist aber noch völlig unklar.


27. November, Moskau: Tödliche Schüsse in Fabrik

Das ist passiert: In einer Süßwarenfabrik in der russischen Hauptstadt fielen am Mittwochmorgen mehrere Schüsse. Ein Wachmann wurde tödlich getroffen. Die Polizei riegelte das Gelände stundenlang weiträumig ab und durchsuchte es mit schwer gesicherten Beamten. Die Polizisten fanden in der Fabrik letztendlich die Tatwaffe, ein halbautomatisches Jagdgewehr, wie ein Polizeisprecher einem Fernsehsender sagte. Vom Todesschützen fehlt trotz eingleiteter Großfahndung in der Millionenmetropole bislang jede Spur.

Das steckt dahinter: Die Polizei vermutet den früheren Besitzer der Süßwarenfabrik hinter der Bluttat. Sie ereignete sich offenbar, als der neue Inhaber und Gerichtsvollzieher zu dem Betrieb kamen. Ein Moskauer Radiosender will mit dem Schützen telefoniert haben und zitierte ihn mit der Aussage, man habe ihm die Firma in einer feindlichen Übernahme mit gefälschten Dokumenten weggenommen.

25. Dezember, Moskau: Bus kracht in Unterführung

Das ist passiert: Am Montag fuhr im Westen der russischen Hauptstadt ein Bus der Verkehrsbetriebe in eine Fußgängerunterführung und überrollte mehrere Passanten, bevor er zum Stehen kam. Vier Menschen seien sofort tot gewesen, elf weitere verletzt worden, teilte die Stadtverwaltung mit. Auf Fernsehbildern ist zu sehen, wie der Bus bei starkem Schneefall in die Unterführung rollte. Ein weiteres Video zeigt, wie das Fahrzeug zuvor ins Schlingern geriet.

Das steckt dahinter: Die Moskauer Behörden gehen von einem Fehler des Fahrers oder einem technischen Defekt aus, die winterlichen Wetterverhältnisse schlossen sie als Ursache aus. Einen möglichen terroristischen Hintergrund erwähnten sie nicht.

Laut dem russischen Ermittlungskomitee, das bei größeren Straftaten eingeschaltet wird, berichtete der Fahrer, dass der Bus geparkt war und sich plötzlich von selbst in Bewegung setzte. "Es gelang ihm nicht, ihn zum Stehen zu bringen, das Bremssystem hat nicht funktioniert und der Bus bewegte sich weiter fort", hieß es in einer Mitteilung. Ein Vertreter des Verkehrsministeriums sagte der Agentur Ria Nowosti, der Bus sei vor der Fahrt überprüft worden und es sei kein technischer Mangel festgestellt worden.

Der seit 17 Jahren für die Verkehrsbetriebe arbeitende Fahrer wurde festgenommen, es laufen Ermittlungen wegen Missachtung der Sicherheitsvorschriften und Verstoßes gegen die Verkehrsregeln.


17. Dezember, St. Petersburg: Anschlag verhindert

Das ist passiert: Nach Darstellung von Russlands Präsident Putin nahmen russische Sicherheitskräfte Mitte Dezember mit Hilfe von US-Geheimdiensten sieben mutmaßliche Terroristen fest. Informationen der CIA hätten ausgereicht, um die Verdächtigen aufzuspüren, teilte der Kreml mit. Bei ihnen seien Teile zum Bombenbau, Waffen und Munition und sichergestellt worden. Die Festgenommenen sollen Anschläge in St. Petersburg geplant haben, unter anderem auf die auch bei Touristen beliebte Kasaner Kathedrale im Zentrum der Millionenstadt.

Das steckt dahinter: Nach Behördenangaben stammen die Verdächtigen teils aus dem islamisch geprägten Nordkaukasus, teils aus Zentralasien. Sie sollen Anhänger des selbst ernannten Islamischen Staates (IS) sein. Der Austausch zwischen russischen und US-amerikanischen Behörden habe geholfen, "viele Leben zu retten", so die Regierung in Moskau. Präsident Putin bedankte sich bei seinem US-Amtskollegen Donald Trump für die Unterstützung.

Der Geheimdienst FSB veröffentlichte Fotos von der Festnahme der mutmaßlichen Terroristen

Der Geheimdienst FSB veröffentlichte Fotos von der Festnahme der mutmaßlichen Terroristen


Hinweise für Russland-Reisende

Russische Behörden haben sich in den vergangenen Monaten gescheut, Terroranschläge als solche einzustufen, auch wenn es klare Hinweise dafür gab. Allerdings hatte Alexander Bortnikow, der Chef des Geheimdienstes FSB, erst kürzlich von einer erhöhten Terrorgefahr gesprochen. Er bezog sich dabei darauf, dass sein Land im Sommer die Fußball-Weltmeisterschaft ausrichtet und im März Präsidentschaftswahlen abhält.

Beide Ereignisse rücken Russland zwangsläufig in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit und machen es damit in der kruden Logik von Terroristen auch für Anschläge interessant. Das Engagement der russischen Armee im syrischen Bürgerkrieg gegen den IS macht das Land zusätzlich zur potenziellen Zielscheibe von Fanatikern.

So beunruhigend die jüngsten Meldungen aus Russland auch sind, eine neue Terrorwelle ist in dem Land zurzeit offenbar nicht im Gange. Es gibt nach derzeitigem Stand einen Terrorverdachtsfall, eine aufgeflogene Terrorgruppe, einen unglücklichen Unfall und eine wirtschaftlich oder privat motivierte Tat. Doch zumindest die Explosion in dem St. Petersburger Supermarkt zeigt, dass auch Russland einer terroristischen Bedrohung ausgesetzt ist – so wie viele Staaten weltweit. Vor diesem Hintergrund haben die russischen Behörden ihre Warnung vor Attentaten bekräftigt und rufen zu besonderer Vorsicht auf.

Grundsätzlich gelte es für Touristen, bei Menschenansammlungen und der Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel besondere Aufmerksamkeit walten zu lassen, teilt das Auswärtige Amt in Berlin mit. Darüber hinaus sollen sich deutsche Russland-Reisende in die Krisenvorsorgeliste eintragen, um im Notfall eine schnelle Kontaktaufnahme zu ermöglichen. Die Reisehinweise für Russland wurden nach der Explosion in St. Petersburg nicht verschärft.

mit Material von AFP und DPA