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Schlacht um syrische Stadt Aleppo Armee greift am Boden und aus der Luft an

Der Bürgerkrieg in Syrien kennt nun einen neuen Schauplatz der Kämpfe: Die Armee hat eine Großoffensive auf Aleppo begonnen, angeblich 5500 Rebellen wollen die Regierungstruppen zurückschlagen.

Mit einem Großaufgebot an Panzern und Kampfhubschraubern hat die syrische Armee ihre Offensive zur Rückeroberung der Stadt Aleppo begonnen. Regierungssoldaten umzingelten das von Aufständischen gehaltene Viertel Salaheddin und attackierten es mit schwerer Artillerie, wie ein AFP-Reporter aus der Stadt berichtete.

Die Regierungstruppen begannen um 08.00 Uhr morgens (07.00 Uhr MESZ), Salaheddin und andere von den Rebellen gehaltene Stadtteile Aleppos anzugreifen. Schwere Artillerie ging auf die Viertel nieder, während die Soldaten am Boden vorrückten. Zwei Tage lang hatte die syrische Armee Soldaten, Panzer und schwere Waffen rund um die zweitgrößte Stadt Syriens zusammengezogen, während sich die Aufständischen mit leichten Waffen und einigen Panzerabwehrraketen wappneten.

Der örtliche Rebellenkommandeur Abu Omar al Halebi sagte der Nachrichtenagentur DPA vor Beginn der Kämpfe am Telefon, dass zu den 2500 Kämpfern in der Stadt noch einmal 3000 aus anderen Landesteilen zur Verstärkung angerückt seien. "Wir sind bereit für die Mutter aller Schlachten", sagte al Halebi.

Erster Angriff angeblich abgewehrt

Ein erster Angriff auf Salaheddin sei abgewehrt worden, sagte Abdel Dschabbar al Okaidi, ein Oberst der Freien Syrischen Armee (FSA), AFP. "Wir haben acht gepanzerte Fahrzeuge zerstört", sagte al Okaidi. Rund um das Viertel habe die Armee etwa hundert Panzer auffahren lassen. An der Seite der Rebellen kämpfen zunehmend auch ausländische Dschihadisten. Eigenen Angaben zufolge stammen sie unter anderem aus Tschetschenien und Algerien. Nach Angaben der in London ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden in den ersten Stunden der Offensive mindestens zehn Soldaten und drei Rebellen getötet.

In der Weltkulturerbe-Stadt Aleppo droht ein Häuserkampf. "Die Rebellen haben sich in den engen Gassen positioniert, was die Kämpfe erschwert", sagte ein Vertreter der syrischen Sicherheitsbehörden AFP. "Tausende Menschen fliehen vor dem Bombardement durch die Straßen. Sie werden von Helikoptern terrorisiert, die in niedriger Höhe fliegen", berichtete ein Aktivist namens Amer. Die meisten der in der Stadt verbliebenen Zivilisten suchten Schutz in Kellerräumen. Die Lebensmittel wurden knapp. Die Angaben aus Syrien lassen sich kaum überprüfen, weil die Regierung unabhängigen Journalisten den Zugang weitgehend verweigert.

Es könnte die entscheidende Schlacht werden

Die Gefechte um die 2,5 Millionen Einwohner zählende Stadt im Nordwesten Syriens werden von der Führung um Präsident Baschar al Assad als womöglich vorentscheidend betrachtet. Regierungstreue Medien sprachen von der "Mutter aller Schlachten". Die Zeitung al Watan schrieb: "Aleppo wird die letzte Schlacht der syrischen Armee sein, um die Terroristen zu schlagen."

Die Offensive erfolgt mehr als eine Woche nach Ausbruch der Kämpfe in Aleppo. Zuvor war es der Armee nach blutigen Gefechten gelungen, die Kontrolle über die Hauptstadt Damaskus zurückzugewinnen. Angesichts der Verstärkung der Truppen in Aleppo äußerten mehrere westliche Staaten ihre Sorge um die Sicherheit der Zivilbevölkerung.

Um die wichtigste Stadt im Norden kämpfen Militär und bewaffnete Oppositionelle seit vergangenem Wochenende. Das Regime hat seit Mittwoch Tausende Soldaten in die Region verlegt. Nach Rebellenberichten ist die Stadt voller Flüchtlinge. Ein Apotheker aus Aleppo berichtete der Nachrichtenagentur DPA am Telefon allerdings, dass die Straßen in der Innenstadt wie ausgestorben wirkten: "Die Straßen sind leer, nicht ein Mensch ist zu sehen." Alle Läden, Banken, Werkstätten, Bäckereien und selbst Apotheken hätten geschlossen.

Angesichts der Lage in und um die Wirtschaftsmetropole Aleppo hat UN-Generalsekretär Ban Ki Moon die Regierung von Präsident Baschar al Assad zur Einstellung der Angriffe auf die Stadt aufgerufen. "Ich bin über die zunehmende Gewalt in Aleppo sehr besorgt", sagte Ban am Freitag nach einem Treffen mit dem britischen Außenminister William Hague in London.

Angst vor Einsatz von Massenvernichtungswaffen

Die Regierungstruppen müssten ihre Offensive stoppen. Beide Konfliktparteien müssten die Gewalt beenden. Ban verlangte von der syrischen Regierung erneut die Zusicherung, dass unter keinen Umständen chemische Waffen oder andere Massenvernichtungswaffen eingesetzt werden.

Dagegen hat der russische Außenminister Sergej Lawrow die Offensive syrischer Regierungstruppen verteidigt. "Wie kann man erwarten, dass in einer solchen Lage die Regierung einfach aufgibt und sagt: Das war's, ich hatte unrecht, los stürzt mich, Regimewechsel! Da ist doch unrealistisch", sagte Lawrow der Agentur Interfax zufolge.

Bei einem Treffen mit seinem japanischen Amtskollegen Koichiro Gemba warf Lawrow dem Westen vor, den bewaffneten Widerstand gegen Syriens Präsidenten Baschar al Assad anzuheizen. "Der Preis all dessen ist immer mehr Blut", sagte Lawrow.

Die französische Regierung warf dem Assad-Regime vor, in Aleppo ein weiteres Massaker anrichten zu wollen. Der Sprecher des Pariser Außenministeriums, Bernard Valero, sagte der Nachrichtenagentur AFP, "indem er schweres militärisches Gerät um Aleppo zusammenzieht, bereitet Baschar al Assad ein neues Blutbad am eigenen Volk vor". Er forderte die syrischen Regierung auf, den Einsatz schwerer Waffen einzustellen und die Gewalt zu beenden.

Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan forderte arabische Länder und den Sicherheitsrat als Reaktion auf die Kämpfe um Aleppo zur Zusammenarbeit auf. Erdogan zeigte sich zudem besorgt über die Drohung Syriens, chemische Waffen einzusetzen. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Erdogan sagte der britische Premierminister David Cameron, beide Länder fürchteten "wirklich entsetzliche Handlungen" der Regierungstruppen in und um die Metropole.

USA in höchstem Maße besorgt

Auch die USA trauten den Regierungstruppen zu, ein Massaker anzurichten. "Es sieht so aus, als ob das Regime sich dafür in Stellung bringt", sagte die Sprecherin des US-Außenministeriums, Victoria Nuland. "Wir sind in höchstem Maße besorgt, was sie in Aleppo zu tun in der Lage sind", sagte Nuland. Die Stadt sei sehr dicht besiedelt. Sie befürchte einen "weiteren Verzweiflungsakt eines Regimes im Niedergang, um die Kontrolle aufrechtzuerhalten". Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay, drängte Regierung wie Rebellen, die Zivilbevölkerung zu verschonen und die Menschenrechte zu achten.

Die Abgeordnete Ichlas Badawi, die Aleppo im syrischen Parlament vertritt, setzte sich unterdessen aus ihrem Heimatland ab. "Ich habe mich in die Türkei begeben, aus Protest gegen Unterdrückung und bestialische Folter gegen das Volk in Syrien", sagte die Politikerin am Freitag dem Nachrichtensender Sky News Arabia. Badawi, die für die herrschende Baath-Partei im Parlament saß, ist bislang die erste Abgeordnete, die dem Regime den Rücken kehrt.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle sagte, es sei offensichtlich, dass ein "Erosionsprozess" auch im Regime von Assad begonnen habe: "Wir sehen zunehmend Kräfte innerhalb des Militärs, die Assad den Rücken kehren." Er kündigte an, dass Deutschland seine humanitäre Hilfe für syrische Flüchtlinge um drei auf elf Millionen Euro aufstockt.

tkr/AFP/DPA/Reuters DPA Reuters

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