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Serbien unter Schock UNO bringt Pristina und Belgrad an einen Tisch


Nach Jahrzehnten der Uneinigkeit setzen sich der Kosovo und Serbien an einen Tisch. Serbien ist ob dieser überraschenden Kehrtwende von Staatspräsident Boris Tadic verstummt.

Mit der von der UN-Vollversammlung in New York verabschiedeten Resolution hat Serbien nach Jahrzehnten eine spektakuläre Kehrtwende in seiner abgefallenen früheren Provinz Kosovo vollzogen. Jetzt will sich Belgrad mit Pristina an einen Tisch setzen, um einen gleichberechtigten Dialog zu beginnen. Keine Rede mehr vom Unrechtsstaat Kosovo, der sich vor zweieinhalb Jahren zum jüngsten europäischen Staat erklärt hatte. Auch die Forderung, das fast nur noch von Albanern bewohnte Kosovo müsse wieder in den serbischen Staatsverband zurückkehren, wurde fallen gelassen.

Sprachlosigkeit und Schockstarre dominieren am Freitag das politische Leben in Serbien. Staatspräsident Boris Tadic hatte sich dem enormen Druck der EU gebeugt und die UN-Resolution bis zur inhaltlichen Beliebigkeit entschärft. Und das im Alleingang, an der eigentlich zuständigen Regierung und am Parlament vorbei. Niemand im Land weiß so recht, was von dieser 180-Grad-Wende des Landes zu halten ist: Schweigen in den Medien, Schweigen bei fast allen Politikern.

Die "heiligen Prinzipien" Serbiens in der Kosovo-Politik wurden allesamt über Bord geworfen. Statt einer internationalen Blockade des südlichen Nachbarn gibt es jetzt Verhandlungen. Und die werden nicht über die staatsrechtliche Zukunft Kosovos geführt, sondern über praktische Fragen: Zoll, Polizeiarbeit bei grenzüberschreitender Kriminalität, Versorgung mit Strom und Lebensmitteln, gegenseitige Anerkennung von Bildungsabschlüssen, Pässe, Autonummernschilder oder amtliche Entscheidungen von Behörden stehen auf der Tagesordnung.

Die EU hatte massiven Druck auf Serbien ausgeübt, von der drohenden Konfrontation in der UN-Vollversammlung Abstand zu nehmen. Bundesaußenminister Guido Westerwelle war zunächst ebenso in Belgrad abgeblitzt wie sein britischer Kollege William Hague. Doch am Ende hatte Staatschef Tadic offensichtlich doch eingesehen, dass er mit dem Festhalten an einer beinharten Kosovo-Resolution seinem Land für lange Zeit die Annäherung an Brüssel verbauen würde.

Die serbische Staats- und Regierungsspitze versucht noch halbherzig, der Bevölkerung die radikale Wende als Kontinuität zu verkaufen. Damit sei auf keinen Fall das Kosovo als Nachbarstaat anerkannt, heißt es gebetsmühlenartig. Aber genau das heißt die Umsetzung der UN-Resolution in die Praxis: Zwei selbstständige Staaten verhandeln über gute nachbarschaftliche Beziehungen. Trotzdem sprechen regierungsfreundliche Kommentatoren von einem "historischen" Durchbruch.

Die Kritik, es handele sich um den Bankrott der serbischen Außenpolitik, kann man noch als zu erwartenden Reflex der Opposition abtun. Doch die kritischen Kommentare der Bürger sind saftig. "Schande", "Kapitulation", "Niederlage", "Blamage", "Eigentor" und "De facto-Anerkennung Kosovos", hieß es in hunderten Kommentaren an den Belgrader TV-Sender B92. "Wir haben uns mal wieder selbst besiegt", was von den Politikern als internationaler Erfolg verkauft werden soll, hieß es.

DPA DPA

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