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stern-Gespräch mit Pussy Riot: "Laut Putin leben in Europa nur Monster"

Der stern bat vier russischen Dissidentinnen aus drei Generationen zum Gespräch: über staatliche Propaganda, das System Putin und die Folgen der Ukraine-Krise.

Drei Generationen Kritik am russischen System: Journalistin Jewgenija Albaz, Pussy-Riot-Aktivistin Marija Aljochina, Pussy-Riot-Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa und Dissidentin Ljudmila Alexejewa (v.l.)

Drei Generationen Kritik am russischen System: Journalistin Jewgenija Albaz, Pussy-Riot-Aktivistin Marija Aljochina, Pussy-Riot-Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa und Dissidentin Ljudmila Alexejewa (v.l.)

Es war ein Treffen mit vier regimekritischen russischen Frauen aus drei Generationen in einer Privatwohnung in Moskau: Zwei Vertreterinnen der Punkgruppe Pussy Riot (24 und 26 Jahre), die im Straflager gesessen haben, eine Journalistin (55) und eine Dissidentin (87) diskutierten mit dem stern über ihr Land, das System Putin und die Folgen der Ukraine-Krise.

Dass die Russen seit der Annexion der Krim und selbst nach dem Flugzeugabschuss Wladimir Putin huldigen, wundert die Journalistin Jewgenija Albaz nicht. Sie nimmt als Beispiel ihre Zwillingsschwester, die ihr erklärt habe: "Was Putin verspricht, das hält er auch. Er versprach, dass die Russen die Olympischen Spiele gewinnen – und so war es. Er versprach, er werde die Krim zurückholen. Und er tat es. Putin löse wenigstens sein Wort ein, sagt meine Schwester. Deswegen glaubt sie an ihn." Die Propaganda der staatlichen Fernsehkanäle werde jeden Tag schlimmer, "diese perfide Macht, die sich in die Köpfe und Herzen der Menschen frisst".

Missgeburten und Monster aus Europa

Wie stark der Kreml-Chef das Denken der Menschen beeinflusst, erläutert Nadeschda Tolokonnikowa von Pussy Riot: "Putin spricht von dem angeblich besonderen Charakter der Russen, sogar von einem kulturellen und genetischen Code. Davon, dass der Tod für das Vaterland schön und ehrenhaft sei. Und in Europa leben ja angeblich nur noch amoralische Missgeburten und Monster."

Die Journalistin Albaz beschreibt eindrucksvoll, wie die staatlichen TV-Kanäle im Sinne Putins funktionieren. "Diese 'staatlichen Propagandisten', wie es früher hieß, haben sich für viel Geld verkauft. Einige Star-Moderatoren verdienen viele Zehntausend Dollar im Monat. Und jedes Mal, wenn sich die Propaganda-Vorgaben ändern, können sie eine Gehaltserhöhung verlangen. Und bekommen sie. Sie schämen sich noch nicht einmal."

"Der Elite geht es nur ums Geld"

Sie nennt als Beispiel einen Redakteur, der einen Film aus der Ostukraine liefern sollte: "Sein Chef aus Moskau rief ihn an, sagte, das Thema für heute lautet: 'Das ukrainische Militär erschießt jetzt auch Kinder!' Also machte der Korrespondent seinen Beitrag entsprechend. Obwohl er überhaupt nicht vor Ort war, keine überprüfbaren Informationen hatte."

Jewgenija Albaz ist überzeugt, dass die Sanktionen des Westens gegenüber Russland Wirkung zeigen. "Die Sanktionen treffen sehr wohl mitten ins Herz des Regimes, wenn es etwa um die Refinanzierung von Unternehmen im Westen geht. Denn der Machtelite um Putin herum geht es nur um eins: um ihr Geld. Sie wollen ihre Milliarden auf keinen Fall verlieren." Harte Wirtschaftssanktionen seien jetzt dringend nötig.

Dennoch müsse verhindert werden, dass eine neue Grenze zwischen Russland und Europa errichtet wird, appelliert Nadeschda Tolokonnikowa von Pussy Riot: "Die Unterstützung der Opposition durch den Westen ist nun sehr wichtig. Dass die Menschen uns nicht vergessen haben, half uns während unserer Zeit im Lager."

Polizeiuniformen nähen unter Schlafentzug

Tolokonnikowa und Marija Aljochina, beide Mütter kleiner Kinder, saßen knapp zwei Jahre lang "in der Zone", wie das Straflager in Russland heißt. "Vor dem Haftantritt war ich noch recht positiv eingestellt", sagt Tolokonnikowa. "Ich dachte: Überall gibt es auch Gutes, überall gibt es Menschen. Aber dann erkannte ich: Es gibt Orte, die nur schrecklich sind." Die Gefangenen mussten Polizeiuniformen nähen, bis zu 17 Stunden am Tag. "Oft konnten wir nicht länger als vier Stunden am Stück schlafen. Es gab einen freien Tag im Monat. Das ist Sklavenhalterei", sagt Tolokonnikowa.

Marija Aljochina wurde von anderen Häftlingen so bedroht, dass sie um Einzelhaft bat, den sogenannten Isolator. "Wenn man im Lager die Worte 'Gesetz' oder 'Rechte' ausspricht, bekommt man ernste Probleme – auch mit den Mitgefangenen", sagt die 26-Jährige. "'Was spielst du dich hier auf?', schrien die Frauen. Denn wer es wagt, auf sein Recht zu beharren, muss dafür bitter bezahlen."

Als Konsequenz haben die beiden Pussy-Riot-Musikerinnen nach ihrer Freilassung die Organisation "Zone des Rechts" gegründet, mit der sie weiblichen Gefangenen helfen wollen. "Wir würden gerne die Gesetze ändern, um den Frauen in den Strafkolonien das Leben zu erleichtern", sagt Tolokonnikowa. "Das ist natürlich völlig aussichtslos. Aber wir versuchen es trotzdem."

Das Gespräch moderierten die stern-Redakteurinnen Katja Gloger und Bettina Sengling.

Das gesamte Gespräch ...

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Joachim Reuter