HOME

Swat Tal: Rückkehr des Steinzeitislams

Wie einst in Afghanistan werden Buddha-Reliefs und Mädchenschulen gesprengt, CD-Verkäufer hingerichtet, die Frauen unter Burkas versteckt. Im Norden Pakistans haben die Taliban das Swat Tal übernommen. Pervez Musharrafs Truppen haben in dieser unregierbaren Region keine Chance.

Von Nils Rosemann

Ausländern wird in Pakistans Hauptstadt Islamabad gerne ein kleines Geschenk mit einem Buch und einer CD in die Hand gedrückt. "Vielfältiges Pakistan", heißt diese Werbung des Ministeriums für Öffentlichkeitsarbeit und auf dem Titel ist unter anderem ein kleines Foto vom Swat Tal zu sehen. Jenem Tal im Norden des Landes, das sich als "Paradies auf Erden" bezeichnet und von Besuchern gern als die "Schweiz Asiens" bezeichnet wird. Ein glasklarer Fluss durchzieht das breite Tal. In seinen Auen wachsen Orangen und Aprikosen. Kontrastreich wechseln sich die Terrassenfelder bis an die tiefschwarzen Tannen und Pinien ab. Danach kommt die Baumgrenze und im Herbst auch schon die ersten weissen Gipfel.

Kontrastreich ist auch der Unterschied zwischen dieser Postkartenidylle und dem Granatbeschuss einzelner Häuser dort durch die pakistanische Armee. Wo einst die Holzfeuer in Schwaden den Abendnebel über das Tal legten, steigen nun Rauchsäulen des Artilleriebeschusses auf. Die Rotoren der Cobra-Kampfhubschrauber zerreißen die Stille, die sonst nur durch den zum Abendgebet rufenden Muezzin unterbrochen wird. Es herrscht Krieg im Swat Tal und es geht wie immer in Pakistan um Partikularinteressen die im Nahmen Gottes, des rechten Glaubens oder der nationalen Einheit ausgefochten werden.

80.000 Soldaten stehen bereit

80.000 Soldaten hat die pakistanische Armee an der Grenze zu Afghanistan positioniert, um den Taliban ihre Rückzugsgebiete in den pakistanischen Bergen abzuschneiden. Dass es sich bei dabei jedoch um junge Koranschüler aus den eigenen Dörfern handelt, wurde für Präsident General Pervez Musharraf erst deutlich, als diese bereits mit den lokalen Stammesführern den Kampf für das Kalifat - den Gottesstaat - Paschtunistan begonnen haben. Das Emirat Swat, weit weg von den ohnehin unkontrollierbar gewordenen autonomen Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan, soll nun dazu gehören.

"Ein Flächenbrand, der auch durch die blutige Erstürmung der Roten Moschee in Islamabad angefacht wurde", sagt Adam Malik von der Nichtregierungsorganisation ActionAid in Karatschi. Malik hatte gerade einen Friedensmarsch zur interreligiösen Harmonie organisiert, als im Swat die Kämpfe wieder ausbrachen. "Sie sprengen Buddhas in die Luft, verbrennen Fernseher, CDs und Musikkassetten, sperren ihre Frauen ins Haus und stecken ihre Mädchen unter Burkas. Wer nicht ihrer Meinung ist, wird öffentlich ausgepeitscht oder geschlagen", so Malik. Nach Malik geht die Saat des von den Mullahs vertretenen Steinzeitislam aber auch deshalb so gut auf, weil das Swat Tal lange vernachlässigt wurde und Rohstoffe, wie Holz und landwirtschaftliche Produkte, an der lokalen Bevölkerung vorbei ausgebeutet werden. "Ja, die Schulen sind leer und die Koranschulen voll. Aber warum denn?" fragt Malik und gibt die Antwort gleich selbst: "In Schulen ohne Elektrizität, Heizung, Wasser und Toiletten kann man zumindest lernen, aber in Schulen ohne Lehrer nicht".

Einfache Antworten auf komplexe Fragen

Und die Bilanz der Mullahs, mit ihren einfachen Antworten auf komplexe Fragen, ist erschreckend: Ihr Anführer Maulana Fazlullah befehligt eine mehrere Tausend Mann Starke Gruppe von lokalen Taliban, die er über einen eigenen Radiosender mobilisiert. Sein Spitzname "UKW-Mullah" ist dabei eine Untertreibung, denn er erhält auch Unterstützung durch usbekische, tadschikische und tschetschenische Freischärler. "

"Im Frühjahr hat er angefangen, ausländische Mitarbeiter von Entwicklungshilfeorganisationen unter Druck zu setzen. Im Frühsommer sprengten sie Mädchenschulen und Büros von Nichtregierungsorganisationen in die Luft. Nach dem Sturm auf die Rote Moschee in Islamabad mobilisierte Fazlullah seine Selbstmordattentäter und zwang die Polizei und Sicherheitskräfte in die Knie." Im Oktober kam es dann zu den ersten öffentlichen Auspeitschungen. Auch Hinrichtungen und Entführungen von Verkäufern von Musik-CDs und Fernsehapparaten oder Friseuren wurden berichtet.

Als Anfang des Monats dann ein über 1000 Jahre altes Wandrelief Buddhas gesprengt wurde, musste selbst die Armeeregierung in Islamabad ihr Versagen einräumen. Die Reaktion der Pakistanischen Armee ist die militärische Großoffensive. "Die staatliche Ordnung wiederherstellen", sei sein Ziel, erklärte Musharraf am Anfang des Granatbeschusses und Einsatzes von Kampfhubschraubern und rechtfertigte die Ausrufung des Ausnahmezustandes auch mit der "Talibanisierung" im Norden Pakistans.

Beobachter sind da skeptischer. Sie werfen Musharraf vor, mit dem Notstand eine politische Krise heraufbeschworen zu haben, die ihn als Politiker und Präsident bindet und so seine Funktionen als Oberbefehlshaber der Armee vernachlässigen lässt. Nach der endgültigen Bestätigung seiner Wahl zum Staatschef wird er aber wohl als Armeechef zurücktreten und als "ziviler" Präsident vereidigt werden.

"Wir kämpfen uns zurück"

"Wir kämpfen uns zurück. Sicherheitskräfte haben die Bergregionen bombardiert und eine Polizeistation zurück erobert. Dabei wurden 26 Aufständische getötet", sagt Generalmajor Wahid Arschad. Dabei herrscht Unklarheit über die Opferzahlen. Von mehr als 200 toten Taliban spricht die Regierung. Sirajuddin, ein Sprecher der Taliban erklärte, dass allein in dieser Woche mehr als 50 Soldaten und Kollaborateure getötet worden sein. "Überwiegend kontrollieren wir die Gegend und die Behauptungen der Sicherheitskräfte sind eine Lüge", so Sirajuddin Noch kontrolliert die Armee den Flughafen von Saidu Sharif, jedoch hört die Kontrolle an dessen Toren auf. Eine vereinbarte Waffenruhe hält nicht und während sich die Taliban in die Berge zurück und damit die Granaten der Armee auf sich ziehen, flieht die Bevölkerung in die Kleinstädte und die Provinzhauptstadt Peschawar.

Für hunderte Familien wurde mit dem Aufbau von vier Zeltstädten im Swat Tal begonnen. Aus dem Innenministerium der Grenzprovinz, zu der Swat gehört, wird berichtet, dass die Vorbereitungen für den Aufbau eines großen Flüchtlingslagers in Peschawar bereits begonnen haben. Die Ironie: Es soll an jener Stelle aufgebaut werden, an der bis vor kurzem afghanische Kriegsflüchtlinge versorgt wurden. "Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen ist ein steter Partner in Pakistan, der bereit ist, der Regierung bei der Betreuung Binnenvertriebener zu helfen, wenn es gefragt wird", so Babar Baloch, der Sprecher des Flüchtlingshilfswerks in Islamabad, gegenüber den pakistanischen Medien. Diese berichten, dass die Provinzregierung bereits mit dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen Kontakt aufgenommen haben, um die Versorgung der Flüchtlinge sicher zu stellen.

Während so die Kämpfe weiter eskalieren und Familien sich in Sicherheit bringen, verklären viele die Zeit vor den Kämpfen. "Normalerweise ist jetzt Hochzeitssaison und viel Pakistaner verbrachten ihre Flitterwochen im Swat Tal", sagt ein Hotelier aus einer Kleinstadt, dessen Hotel seit zwei Monaten geschlossen ist. Und mit dem bevorstehenden Winter haben viele auch auf die Eröffnung des einzigen Skilifts Pakistans gehofft. Finanziert von der österreichischen Entwicklungshilfe, wird er wohl diesen Winter vor sich her rosten.