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Radikaler Wandel Einst knutschte sie auf der Bühne mit Mädchen — nun kandidiert ehemalige t.A.T.u-Sängerin für Putins Partei

Ehemalige t.A.T.u-Sängerin Julia Wolkowa kündigt mit einem Wahlwerbe-Video ihre Kandidatur für die Duma an
Ehemalige t.A.T.u-Sängerin Julia Wolkowa kündigt mit einem Wahlwerbe-Video ihre Kandidatur für die Partei von Wladimir Putin Einiges Russland an 
© Screenshot Youtube
Mit lesbischen Bühnen-Shows feierte das Duo t.A.T.u Anfang der 2000er weltweit Erfolge. Heute will Julia Wolkowa nichts von ihrer Vergangenheit wissen und will für Putins Partei Einiges Russland in die Duma. Eine Kandidatur, die viele Fragen aufwirft. 

Am 19. September stehen in Russland Duma-Wahlen an. 450 Abgeordnete sitzen im Unterhaus des russischen Parlaments – bis auf wenige Ausnahmen regimetreu. In der Theorie werden sie direkt vom Volk gewählt.

Auch Julia Wolkowa will in die illustren Kreise der Parlamentarier aufsteigen. Sie kandidiert für die Partei Einiges Russland, die Regierungspartei von Waldimir Putin. Bislang hat die 36-Jährige allerdings nicht als Politikerin von sich reden gemacht, sondern als Sängerin des Duos t.A.T.u. Anfang der 2000er feierte sie mit ihrer Kollegin weltweit große Erfolge (Das Kürzel steht für den russischen Ausdruck, das sich wie "Die eine liebt die andere" übersetzen lässt). Wild knutschend räkelten sich die damals blutjungen Mädchen im Regen und sangen dabei "All the Things She Said" – ein inszenierter Tabu-Bruch, wie sich später herausstellte.

20 Jahre später will Wolkowa nichts von ihrer Vergangenheit wissen, weder von ihren lesbischen Bühnen-Küssen noch von ihren Schwärmereien für die USA. Im heutigen Russland Putins können sich solche Freiheiten nur noch vermeintliche Verräter und "ausländische Agenten" leisten – wie alle regierungskritischen Personen und Organisationen betitelt werden. Stattdessen will Wolkowa nun das Leben der Menschen der Region Iwanowo verbessern, die "jeden Tag ums Überleben kämpfen müssen", erklärt sie. 

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"Ich schäme mich für alles, was um uns herum geschieht. Ich kandidiere, um das Verhältnis der Mächtigen zum einfachen Volk zu verändern", verspricht Wolkowa voller Pathos in einem Wahlwerbe-Video mit rauchiger Stimme. Insbesondere das Schicksal der Frauen, auf deren Schultern nicht nur die Region, sondern ganz Russland laste, bewege sie. Und die fürchterlichen Lebensverhältnisse, die sich dank der grassierenden Korruption unter den Beamten immer weiter verschlimmern würden – begünstigt von den früheren Gouverneuren der Region, wie Wolkowa weiter melodramatisch ausführt. 

Dass dieser Posten seit 2010 nur mit Männern besetzt war, die von Putin persönlich dazu auserkoren wurden, übergeht Wolkowa schlicht. Schließlich verbinde sie mit der Regierungspartei etwas ganz Wesentliches: "Ich kandidiere für Einiges Russland, weil ich nicht bloß mit Worten, sondern mit Taten dafür kämpfen will, dass Entscheidungen im Interesse der Mehrheit der Bürger des Landes getroffen werden. Was übrigens das Ziel von Einiges Russland ist", behauptet Wolkowa. 

Komiker überbieten sich in Parodien 

Die Kandidatur der ehemaligen t.A.T.u.-Sängerin stößt in Russland auf bloßen Hohn. Die Komiker des Landes überbieten sich in Parodien, bietet doch nicht nur Wolkowas fragwürdige Qualifikation für einen Sitz in der Duma reichlich Stoff, sondern auch ihr kaum wieder zu erkennendes Erscheinungsbild. Von dem Mädchen, das einst im Regen knutschte, ist kaum noch etwas übriggeblieben. Nun präsentiert sich Wolkowa mit überdimensionalen küntlichen Wimpern und noch überdimensionaleren Lippen.

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Sogar unter den Putin-Anhängern kann sich so manch einer nicht mit Spott zurückhalten. Maxim Schewtschenko, TV-Moderator beim Staatsfernsehen und Mitglied des Menschenrechtsrats des russischen Präsidenten, höhnte in seiner Sendung auf YouTube: "Das ist das Gesicht von Einiges Russland." Solche Kandidaten wie Wolkowa, die immer mehr in die Partei gelangen, hätten keine Ideologie. "Sie kennen ihre Heimat nicht, sie kennen Russland nicht." Es ein Irrglaube, dass Figuren wie die t.A.T.u.-Sängerin die Helden der Jugend sind und Wählerstimmen für Einiges Russland sichern könnten.

"Ich bin keine Patriotin meines Vaterlandes"

Schewtschenko erinnerte auch an das mittlerweile bekannte Interview Wolkowas im ukrainischen Fernsehen vor einigen Jahren, wo sie erklärt hatte. "Ich bin keine Patriotin meines Vaterlandes. Ich liebe die USA. Ich liebe alles, was dort geschieht."

Drei Sätze, die ihre Wahlwerbung noch unglaubwürdiger erscheinen lassen, als sie ohnehin von vielen empfunden wird. Wolkowa ist eine gebürtige Moskauerin, was traditionell bereits eine große Kluft zu den Bewohnern in den Regionen bedeutet. Zudem wurde sie in eine wohlhabende Familie von Geschäftsleuten hineingeboren und verdiente in ihrer Zeit mit t.A.T.u. Millionen. Das Duo hat in seiner Karriere über 27 Millionen Tonträger verkauft und ist damit die erfolgreichste Gruppe der russischen Musikgeschichte. Dass ausgerechnet eine Frau, die ihr ganzen Leben in Luxus verbracht hat, die Nöte der einfachen Menschen der Region Iwanowo kennen und verstehen will, nehmen ihr die Menschen nicht ab.

So einige fragen sich, ob sie denn überhaupt jemals dort gewesen ist. Iwanowo liegt rund 300 Kilometer nordöstlich von Moskau zwischen den Flüssen Wolga und Kljasma inmitten des russischen Tieflandes. Die Textilindustrie ist der wichtigste Wirtschaftszweig der Region, die in den letzten Jahren aber gravierende Einbußen erleiden musste. 

Duma-Sitz gekauft? Gerüchte um Julia Wolkowa

Ausgerechnet Wolkowa will der Wirtschaft der Region nun aus der Rezession helfen – und "den einsamen Frauen, deren Männer gezwungen sind durch das Land zu tingeln, um Geld zu verdienen". Auch gegen die verhasste letzte Rentenreform, die das Renteneintrittsalter hochsetzte, verspricht die 36-Jährige vorzugehen. Dass es Putin und seine Partei Einiges Russland waren, die diese Reform 2018 durchsetzen, scheint ihr auch entfallen zu sein.

Die Reaktionen auf Wolkowas Wahlwerbe-Video fielen so heftig aus, dass sie sich gezwungen sah, in einem zweiten Video, ihr Vorhaben zu verteidigen. Doch angesichts der Gerüchte, die sich um die ehemalige Sängerin ranken, scheitert auch dieser Versuch, das Image aufzupolieren.

In Kreisen des russischen Show-Business heißt es, Wolkowas Lebensgefährte sei in kriminelle Organisationen verstrickt und habe ihr mit dem Ziel, die Politik beeinflussen zu können, den Sitz in der Duma längst gekauft.

Ob Wolkowa eine Chance auf den Sitz in der Duma bekommt, entscheidet der Ausgang der Vorwahlen zwischen dem 24. und 30. Mai. Am 1. Juni wird mit einem Ergebnis der Abstimmung gerechnet, die in diesem Jahr vor allem online stattfindet. 


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