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Islamisten in Afghanistan Gerüchte über Schießerei im Präsidentenpalast: Unter den Taliban wachsen die Spannungen

Taliban-Kämpfer posieren in Kabul für ein Foto
Taliban-Kämpfer posieren in Afghanistans Hauptstadt Kabul für ein Foto
© Rahmat Gul / AP / DPA
Die Übergangsregierung der Taliban zeigt: Die Islamisten halten noch immer nichts von Inklusion und setzen auf Köpfe aus den 90er-Jahren. Den Pragmatikern unter ihnen gefällt das gar nicht – und die Reibungen wachsen.

Nach der Machtübernahme in Afghanistan und der Einrichtung einer Übergangsregierung gibt es unter den Taliban offenbar wachsende Spannungen. Die Islamisten hatten vor gut einer Woche ein Kabinett präsentiert, das an ihre harte Herrschaft in den 1990er-Jahren erinnert. So machten sie überraschend den wenig bekannten Mullah Mohammed Hassan Achund – ein Gründungsmitglieder der Taliban – zum Regierungschef, und Mullah Jakub, den ältesten Sohn des berüchtigten, verstorbenen Taliban-Chefs Mullah Omar, zum Verteidigungsminister. Innenminister wurde Siradschuddin Hakkani, Chef des berüchtigten Hakkani-Netzwerkes, das für einige der grausamsten Anschläge in Afghanistan verantwortlich gemacht wird, und einer der meistgesuchten Männer der US-Ermittlungsbehörde FBI.

Mullah Abdul Ghani Baradar, der Vizechef der Taliban war und 2020 die Verhandlungen mit den USA über den Abzug der amerikanischen Truppen im katarischen Doha geleitet hatte, bekam dagegen nur einen von zwei Posten als Achunds Stellvertreter.

TV-Auftritt widerlegt Gerüchte über Baradars Tod

Die Regierungsbildung habe die Reibungen zwischen Pragmatikern und Ideologen in der Taliban-Führung verschärft, berichtet die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) unter Berufung auf zwei mit dem Machtkampf vertraute Afghanen. Das Gerangel habe hinter den Kulissen stattgefunden, aber schnell hätten Gerüchte über eine gewaltsame Konfrontation zwischen den beiden Lagern die Runde gemacht, darunter auch die Behauptung, der Führer der pragmatischen Fraktion, Baradar, sei bei einer Schießerei zwischen rivalisierenden Gruppen innerhalb der Taliban im Präsidentenpalast in Kabul tödlich verletzt worden.

Die Gerüchte erreichten eine solche Intensität, dass die Taliban sich am Montag genötigt sahen, eine Tonaufnahme und eine handschriftliche Erklärung von Baradar zu veröffentlichen. Darin bezeichnet der Vize-Regierungschef selbst die Berichte über sein Ableben als "Lügen" und "falsche Propaganda". Unabhängig verifiziert werden konnte die Audiobotschaft nicht.

Am Mittwoch jedoch erschien Baradar schließlich im nationalen Fernsehen des Landes und gab dort ein Interview. "Gott sei Dank geht es mir gut und ich bin gesund", sagte er in Hinblick auf die Gerüchte. "Ich war außerhalb von Kabul unterwegs und hatte daher keinen Medienzugang, um diese Nachricht zurückzuweisen."

Baradar war zuvor bei wichtigen Veranstaltungen abwesend gewesen, wie AP berichtet. Demnach fehlte er Anfang dieser Woche im Präsidentenpalast beim bislang höchsten ausländischen Besuch seit der Machtübernahme der Taliban, dem Empfang des stellvertretenden Premierministers und Außenministers von Katar, Scheich Mohammad bin Abdur Rahman. Badars Abwesenheit sei ungewöhnlich gewesen, da Katar ihn jahrelang als Leiter des politischen Büros der Taliban in der katarischen Hauptstadt Doha beherbergt hatte.

Islamisten in Afghanistan: Gerüchte über Schießerei im Präsidentenpalast: Unter den Taliban wachsen die Spannungen

In dem TV-Interview am Mittwoch erklärte Baradar auch sein Fehlen bei dem Empfang: Er habe nicht an dem Treffen teilgenommen, weil er nichts von dem Besuch des Außenministers in Kabul gewusst habe, sagte er. "Ich war bereits abgereist und konnte nicht mehr zurückkehren." Mehrere Taliban-Offizielle und Afghanen, die mit Baradar bekannt seien und in Kontakt stünden, hätten berichtet, dass er sich in der südwestlichen Provinzhauptstadt Kandahar zu einem Treffen mit Taliban-Führer Haibatullah Akhunzada aufgehalten habe, schreibt AP weiter. Einem anderen Taliban-Vertreter zufolge habe Baradar seine Familie besucht, die er seit 20 Jahren Krieg nicht mehr gesehen habe.

Taliban dementieren Führungsstreit

Kurz nach der Machtübernahme in Kabul war Baradar AP zufolge der erste hochrangige Taliban-Beamte gewesen, der in Aussicht gestellt hatte, dass die Einsetzung eine inklusiven Regierung möglich sei – was dann mit der Ernennung des ausschließlich aus Männern, Taliban und überwiegend Paschtunen bestehenden Kabinetts in der vergangenen Woche ja nicht geschah.

Ein weiteres Zeichen dafür, dass sich die Hardliner durchgesetzt hätten, sei das Ablösen der afghanischen Nationalflagge über dem Präsidentenpalast durch die weiße Taliban-Flagge, berichtet Associated Press. Einem Taliban-Offiziellen zufolge habe die Führung der Islamisten noch keine endgültige Entscheidung über die Flagge getroffen, wobei viele dazu neigten, beide Fahnen nebeneinander wehen zu lassen.

Der Offizielle äußerte sich nach Angaben der Nachrichtenagentur unter der Bedingung der Anonymität, da es ihm nicht gestattet sei, mit den Medien über interne Überlegungen zu sprechen. Auch die beiden mit dem Machtkampf vertrauten Afghanen wollten unerkannt bleiben, um die Vertraulichkeit derjenigen zu wahren, die ihre Unzufriedenheit über die Kabinettsaufstellung mitgeteilt hätten. Ein Kabinettsminister spiele sogar mit dem Gedanken, seinen Posten abzulehnen, da es ihn verärgere, dass in der Regierung die ethnischen und religiösen Minderheiten des Landes nicht berücksichtigt worden seien.

Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid bestritt dagegen, dass es in der Führung der Islamisten Unstimmigkeiten gebe. Auch der Außenminister der Taliban, Amir Khan Mutaqi, wies die Berichte am Dienstag als "Propaganda" zurück. Und Baradar versicherte am Mittwoch ebenfalls, dass es keinen Machtkampf innerhalb der Riege der neuen Machthaber gebe. Man habe über Jahre Leid und Schwierigkeiten ertragen, um die US-Besatzung zu beenden. All dies sei nicht für Macht oder Positionen gewesen. Einen großen Teil seiner Antworten las Baradar von einem Blatt ab.

Analysten zufolge stellen die mutmaßlichen Reibereien zumindest vorerst keine ernsthafte Bedrohung für die Taliban dar. "Wir haben im Laufe der Jahre gesehen, dass die Taliban trotz der Streitigkeiten weitgehend zusammenhalten und dass wichtige Entscheidungen im Nachhinein nicht ernsthaft infrage gestellt werden", zitiert AP Michael Kugelman, stellvertretender Direktor des Asienprogramms am Wilson Center in Washington. "Ich denke, dass die derzeitige interne Uneinigkeit in den Griff zu bekommen ist." Dennoch würden die Taliban unter großem Druck stehen, da sie versuchten, ihre Macht zu konsolidieren, Legitimität zu erlangen und wichtige politische Herausforderungen anzugehen, erklärte Kugelman. "Wenn diese Bemühungen scheitern, könnte es in einer gestressten Organisation zu weiteren und zunehmend ernsthaften Kämpfen kommen." Und ohne die strenge Herrschaft des Gründers der Gruppe, des verstorbenen Mullah Omar, der unbedingte Loyalität forderte, würden derartige Streitigkeiten schwerer zu lösen sein.


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