HOME

Tschetschenien: Referendum in Ruinen

Nicht nur auf den Straßen Grosnys, das wie Stalingrad im 21. Jahrhundert aussieht, herrschen Zustände wie unter Kriegsrecht. In den Trümmern Tschetscheniens leben tatsächlich noch Menschen. Sie haben nun die Vorlage Moskaus für eine neue Verfassung gebilligt.

Die einst stolze tschetschenische Hauptstadt Grosny sieht aus wie Stalingrad im 21. Jahrhundert. Die Gerippe ausgebombter Hochhäuser und die von Granaten aufgewühlten Plätze der Stadt verbreiten eine Totenstimmung. Doch in den Trümmern und Ruinen leben noch immer 200 000 Menschen. «Frieden und Wiederaufbau» versprechen Plakate im Zentrum. Präsident Wladimir Putin persönlich hat die tschetschenische Bevölkerung gedrängt, für die neue Verfassung zu stimmen, mit der die abtrünnige Republik wieder fest in die Russische Föderation einbezogen werden soll.

Das Verfassungsreferendum hat nach amtlichen russischen Angaben eine klare Mehrheit für den Moskauer Entwurf ergeben. Nach der Auszählung der Stimmen in 292 von 418 Wahlbezirken in der vom Bürgerkrieg weitgehend zerstörten Kaukasusrepublik ergab sich eine Zustimmung von 96,1 Prozent, wie die Zentrale Wahlkommission am Montag mitteilte. 2,6 Prozent stimmten mit Nein.

Gespaltene Stimmung

In den Warteschlangen für Trinkwasser war die Stimmung gespalten. «Dieses Referendum soll der Welt nur vorgaukeln, dass Friede und Ruhe bei uns herrschen», schimpfte eine Frau mit Kopftuch. Eine Nachbarin dagegen zeigte sich zuversichtlich. «Vielleicht bringt uns das Referendum etwas. Schlimmer kann es nicht mehr werden», sagte sie.

Auf den Straßen Grosnys herrschen weiterhin Zustände wie unter Kriegsrecht. Nach Anbruch der Dunkelheit darf niemand mehr sein Haus verlassen. Tagsüber gehört die Stadt den russischen Soldaten und tschetschenischen Polizisten. Nachts sind Schüsse zu hören, häufig werden Sprengsätze versteckt. Das Leben auf Grosnys Hauptstraßen erwacht erst gegen Mittag, wenn Spezialkommandos jede Ecke nach versteckten Bomben untersucht haben.

Hoffen auf Frieden

Im Flüchtlingslager Bart bei Karabulak in der Nachbarrepublik Inguschetien herrschte dagegen schon am Sonntagmorgen reges Treiben. Dort war großer Andrang vor den mobilen Wahlurnen. «Wir hoffen, dass uns das Referendum Frieden bringt», sagt Faina, die schon seit 1999 mit ihren sieben Kindern in dem Zeltlager lebt. «Wir würden uns wünschen, dass danach die russischen Truppen abziehen.» Letzten Endes aber liege diese Entscheidung bei Allah.

In vielen Dörfern Tschetscheniens, einem Gebiet kleiner als das Bundesland Hessen, soll große Verunsicherung herrschen. «Allen, die zur Abstimmung gehen, schneiden wir die Kehle durch», stand auf Zetteln, die nachts in die Höfe der Dorfbewohner geworfen wurden.

Was zählt, sind persönliche Beziehungen

Nach Jahren des Krieges, gewalttätiger Durchsuchungsaktionen durch russische Truppen und Racheakten der Rebellen gegen vermeintliche Kollaborateure glauben nur wenige an den Sinn einer Volksabstimmung. Kaum jemand sieht in der Abstimmung eine ernsthafte Willensbekundung. Zu viele Generäle, Beamte und auch Rebellenführer ziehen ihren persönlichen Nutzen aus dem Krieg. In Tschetschenien gelten keine Gesetze, nur persönliche Beziehungen.

Beobachter hatten erwartet, dass die vom Kreml prognostizierte Zwei-Drittel-Mehrheit für die Verfassung zu Stande kommt. Dabei dürfte es sich aber nur selten um Begeisterung für einen Verfassungstext handeln, den die wenigsten gelesen haben. Zu groß ist die Angst in der Bevölkerung, dass nach einem schlechten Ergebnis in einem Wahllokal das entsprechende Stadtviertel oder Dorf Ziel gefürchteter «Säuberungsaktionen» von Armee oder Geheimdienst wird.

Die Vision des Kreml

Glaubt man den Erklärungen des Kremls, ist die zerrüttete Republik auf bestem Wege zu einer geordneten, zivilisierten Zukunft innerhalb der Russischen Föderation. Dass in vielen tschetschenischen Familien der Hass auf alles Russische ungebrochen ist, kommt in Regierungserklärungen nicht zur Sprache.

Stefan Voß / DPA