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Erdogan auf Konfrontationskurs Die Furcht vor dem nächsten Krieg: Wie sich der Streit zwischen der Türkei und Griechenland verschärft

Ein Kampfjet fliegt über ein Kriegsschiff, während die Türkei eine Militärübung abhält
Eine Militärübung der Türkei im September 2022. Erdogans gefährliche Kriegsrhetorik könnte zu einem militärischen Konflikt mit Griechenland führen.
© AA | Suleyman Elcin / Picture Alliance
Die Türkei untermauert ihre provokativen Aktionen im Mittelmeer zunehmend mit Drohgebärden gegen Griechenland. Präsident Erdogan hat es auf die griechischen Inseln abgesehen. Der Streit verschärft sich.

"Vergesst Izmir nicht, vergesst Zypern nicht", "Wir sind bereit, zu tun, was nötig ist", "Wir können plötzlich mitten in der Nacht kommen" – mit dieser Rhetorik richtet sich die Türkei immer öfter an ihr Nachbarland Griechenland. Letztere Aussage ist nun wiederholt vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu hören.

Zuletzt drohte er seinem Nachbarn vergangene Woche Donnerstag wieder mit den Worten: "Wir könnten zweifellos mitten in der Nacht kommen" – diesmal beim Gründungsgipfel der Europäischen Politischen Gemeinschaft in Prag, bei dem mehr als 40 Staats- und Regierungschefs anwesend waren. Die Türkei erhöht ihre Drohgebärden zunehmend und provoziert damit einen Krieg mit Griechenland – in einer Zeit, in der weiter nördlich Russland die Ukraine überfällt.

Türkei warnt vor "Katastrophe"

Schon seit Jahren kreisen türkische Kampfjets über griechische Inseln und liefern sich in der Luft riskante Konfrontationen mit griechischen Kampfflugzeugen. Inzwischen sind auch Drohnen im Einsatz. Und die türkische Marine patrouilliert in Gewässern, die außerhalb von ihrem Hoheitsgebiet liegen, wie in griechischen Medien zu lesen ist. Türkische Gas-Bohrschiffe nahe griechischer Inseln sorgen immer wieder für zusätzlichen Zündstoff. Athen reagiert mit der Mobilisierung seines Militärs. Als vor wenigen Tagen noch das türkische Schiff "Yunus" nahe der Insel Lesbos zu Forschungszwecken im Einsatz war, schickte Griechenland Kriegsschiffe und U-Boote in die Ägäis. Auch Militärübungen etwa mit Frankreich und den USA sollen den militärisch überlegenen Nachbarn abschrecken.

Nun hat es die Türkei auf die griechischen Inseln im östlichen Mittelmeer abgesehen – und ihren Umgang mit Athen bedrohend verschärft. Hauptvorwurf aus Ankara: eine angebliche Militarisierung der Inseln. Ende September kursierte ein Foto in den türkischen Medien, das angeblich ein griechisches Landungsschiff zeigen sollte, welches in einem Hafen Dutzende gepanzerte Militärfahrzeuge an Land lässt. Dabei sollte es sich um Panzer aus den USA handeln, welche auf Samos und Lesbos stationiert wurden. Athen verweist auf das Recht zur Selbstverteidigung. Die Türkei selbst hat an der Ägäisküste die größte Landungsstreitmacht im Mittelmeer stationiert, sieht in der vorgeworfenen Militarisierung der Inseln aber eine Verletzung internationaler Vereinbarungen.

Erdogan reagierte prompt: "Die Militarisierung wird nicht unbeantwortet bleiben." Er drohte weiter: "Wir raten der griechischen Regierung, sich von Provokationen fernzuhalten, die zu einer Katastrophe für sie selbst und ihr Volk führen würden." Und: "Wir werden gegenüber Griechenland die Rechte unseres Landes verteidigen." Wenn es nötig erscheine, "dann auch mit allen Mitteln und Methoden, die uns zur Verfügung stehen." Aufgrund der einst blutigen Konflikte zwischen beiden Ländern und der seit Langem anhaltenden Spannungen gibt Griechenland mehr Geld für Rüstung aus als jedes andere Nato-Mitglied. "Weil unser Nachbar die Türkei ist und nicht Dänemark", sagte der griechische Premier Kyriakos Mitsotakis einmal. 

Griechenland setzt auf Dialog, die Türkei lehnt ab

Athen bemüht sich darum, sich diplomatisch zu präsentieren. Mitsotakis sagte etwa auf dem Gipfel in Prag: "Wir schließen alle Fenster bei Provokationen, lassen aber die Türe für einen Dialog geöffnet." Nach dem schweren Minenunglück in der Türkei am Freitag, das 41 Bergleuten das Leben kostete, bot Griechenlands Premierminister auf Twitter Hilfe an.

Athen spricht sich für Deeskalation in dem Konflikt aus und ruft zu Verhandlungen auf. So appellierte Mitsotakis vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen Ende September an die Türken: "Griechenland stellt keine Bedrohung für euer Land dar." Zugleich stellte der griechische Premier jedoch klar: Wer die Landesgrenzen verletze, werde bestraft.

Noch im vergangenen März waren sich die beiden Nato-Partner einig, Konflikte bilateral zu lösen. Doch nach einem Treffen zwischen Erdogan und Mitsotakis sagte der türkische Präsident im Mai: "Mitsotakis existiert für mich nicht mehr." Grund war der Besuch des griechischen Premiers in Washington, bei dem es angesichts zunehmender Instabilität im östlichen Mittelmeerraum um Waffenverkäufe an Griechenland ging. Seitdem hat die Türkei ihre diplomatischen Beziehungen zu Athen abgebrochen.

Hinter Erdogans Kriegsrhetorik könnte der Wunsch einer Eskalation stecken

Wenn Erdogan nun davon spricht, dass das türkische Militär "mitten in der Nacht kommen" könnte, kann das zweifelsohne als Warnsignal verstanden werden. Laut Beobachtern könnte der türkische Präsident angesichts der bevorstehenden Präsidentschaftswahlen kommenden Juni bewusst von den innerpolitischen Problemen im eigenen Land ablenken wollen. Dass er mit seinem Konfrontationskurs nicht auf eine militärische Auseinandersetzung mit Griechenland hinarbeitet, ist aber keineswegs klar.

Erdogans Worte erinnern an die türkische Invasion auf Zypern 1974. Und auch, bevor die Türkei in Nordsyrien einmarschierte sowie vor ihren Militäroperationen im Nordirak verwendete Erdogan diese Formulierung. Und man kann Erdogans Aussage "niemand kann den Horizont der Türkei auf 780.000 Quadratkilometer begrenzen" auch so interpretieren, dass er eine Landesausdehnung anstrebt. Vor wenigen Tagen sprach er auf einer Veranstaltung von der Geschichte der Türkei und in diesem Zusammenhang von der Stadt Assos von Aristoteles und der Stadt Troja von Homer, beides Denker und Gelehrte aus dem antiken Griechenland. Der türkische Präsident führte fort: "Die Türkei ist nicht nur ein Land, das aus den Grenzen besteht, die auf den Landkarten dargestellt sind. Die Grenzen unseres Herzens haben eine Weite, die unsere Vorfahren als 'drei Kontinente, sieben Jahreszeiten' beschrieben."

Wie der griechische TV-Sender Skai berichtet, sagte der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar neulich in einer Rede vor Militärschülern: "1922 sind die Griechen ins Meer gefallen. Verlernt nicht das Schwimmen ... ihr sollt schwimmen können." Hiermit spielte Akar auf den Krieg von 1920 bis 1922 an. Damals eroberten Atatürks Truppen das griechische Smyrna. Mittlerweile wirft Erdogan Athen die Verletzung türkischen Hoheitsgebiets vor – und begründet so indirekt seine Provokationen.

Laut einem am Montag veröffentlichten Bericht der türkeikritischen Organisation "Nordic Monitor" plant Erdogan einen Sabotage-Akt, der die Spannungen mit Griechenland zur Eskalation treiben soll. Demnach soll eine speziell ausgebildete Einheit des türkischen Geheimdienstes türkische Fahnen auf griechischen Inseln hissen und möglicherweise sogar eine Operation unter falscher Flagge durchführen, um eine Reaktion der Türkei zu rechtfertigen. Das will "Nordic Monitor" aus vertrauten Quellen erfahren haben. Die Organisation hat ihren Sitz in Schweden und wird von zwei Journalisten betrieben, die nach eigenen Angaben unter anderem für türkische Medien gearbeitet haben. Einer der beiden war Chefredakteur einer Tageszeitung in der Türkei, die wegen Berichten über den türkischen Geheimdienst von der Regierung geschlossen wurde. Er lebt inzwischen im Exil. 

Washington und Brüssel verweisen auf Souveränität und territoriale Integrität

Washington und Brüssel reagieren zwar mit scharfen Ermahnungen auf Erdogans Kriegsrhetorik, etwa betonte das Außenministerium der Vereinigten Staaten: "Die Souveränität und territoriale Integrität aller Länder muss respektiert und geschützt werden. Die Souveränität Griechenlands über diese Inseln ist unbestritten." Ähnliche Äußerungen kommen auch aus Europa. Es bleibt aber bei Worten. Ein aktiver Deeskalationskurs, etwa durch die Vermittlung anderer Staaten, und mögliche Sanktionen gegen die Türkei bleiben bislang aus.

Quellen: Handelsblatt, Ant1 NewsTweet MitsotakisRND, CNN Greece (1), CNN Greece (2), Süddeutsche ZeitungIn, Kathimerini, Nordic Monitor, To Vima, mit Material der dpa

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