Türkei Entführung überschattet Bush-Besuch


US-Präsident Bush traf vor Beginn des NATO-Gipfels mit dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan zusammen, die Gespräche drehten sich auch um die Lage im Irak. Der Besuch wird von der Entführung dreier Türken in Irak überschattet.

Themen des Gesprächs wenige Stunden vor Beginn des NATO-Gipfels in Istanbul werden nach Einschätzung der US-Delegation die türkischen Sorgen über kurdische Separatisten im Nordirak, der Kampf gegen den Terrorismus sowie ein stärkeres Engagement der NATO in Afghanistan und im Irak sein. Aus Furcht vor terroristischen Anschlägen hat die Türkei höchste Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Kurz vor der Ankunft von Bush am Samstagabend war es bei Demonstrationen von linksgerichteten Gruppen gegen die US-Politik in Ankara zu Ausschreitungen gekommen. Mehrere Polizisten wurden nach Angaben des türkischen Fernsehens verletzt. Die Polizei setzte Tränengas ein. Allein in Ankara sind zum Schutz des US-Präsidenten 13.000 Polizisten im Einsatz.

Wochenlange Proteste vor Bush-Besuch

Vor dem Hotel, in dem Bush übernachten sollte, war Mitte der Woche eine Paketbombe explodiert, wobei zwei Polizisten und ein Passanten verletzt worden waren. Bei der Explosion einer Bombe in einem Linienbus in Istanbul waren vier Menschen getötet und 18 verletzt worden. Schon seit Wochen gibt es in der Türkei Proteste gegen den NATO-Gipfel und die US-Politik im Nahen Osten. Bush sollte noch Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer treffen, bevor er nach Istanbul zur Teilnahme am NATO-Gipfel weiterreisen wollte.

Der NATO-Gipfel in Istanbul wird bereits heute (Sonntag) Abend mit einem Treffen der Verteidigungsminister aller Bündnisstaaten eröffnet. Zunächst ist ein Treffen des US-Präsidenten mit NATO-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer geplant, später wollte Bush gemeinsam mit den anderen Staats- und Regierungschefs zu einem Abendessen zusammenkommen. Die erste Arbeitssitzung war für Montagmorgen geplant. Morgen (Montag) kommen dann Staats- und Regierungschefs der Mitgliedsländer zusammen, um unter anderem über die Lage im Irak und in Afghanistan zu beraten. Die Botschafter des Bündnisses hatten sich unmittelbar zuvor in Brüssel darauf geeinigt, der irakischen Übergangsregierung bei der Ausbildung von Sicherheitskräften zu helfen. NATO-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer erwartet, dass die Gipfelteilnehmer diese Einigung billigen werden.

Erneut für türkischen EU-Beitritt geworben

US-Präsident George W. Bush hat sich während seines Besuchs in der Türkei erneut für eine Aufnahme des Landes in die Europäische Union ausgesprochen. Die türkische Regierung sollte ein Datum für die endgültige Mitgliedschaft in der EU erhalten, sagte Bush am Sonntag in Ankara. Bush lobte die Türkei als beispielhaft für die Region. Sie beweise, dass ein muslimisches Land demokratisch und rechtsstaatlich regiert werden könne, sagte der US-Präsident. Schon am Samstag beim EU-USA-Gipfel hatte Bush erklärt, die Türkei müsse in die EU aufgenommen werden, wenn sie die entsprechenden Bedingungen erfülle.

Etwa 20.000 Menschen demonstrierten am Sonntag in Istanbul gegen den Besuch Bushs. Die Anhänger zumeist linker Gruppen versammelten sich auf einem Platz auf der asiatischen Seite der Stadt und riefen "Nieder mit dem amerikanischen Imperialismus" und "Istanbul wird ein Grab für die NATO werden". Die Behörden hatten für den Gast die Sicherheitsvorkehrungen drastisch verschärft. So patrouillierten am Sonntag Kampfflugzeuge über Istanbul, AWACS-Aufklärungsflugzeuge der NATO überwachten die Flugverbotszone über der Stadt. Während des NATO-Gipfels sollten 23.000 Polizisten im Einsatz sein.

Festnahmen nach Anschlägen

Im Zusammenhang mit den Anschlägen vom Donnerstag gab es am Samstag zehn weitere Festnahmen. 40 Personen waren bereits am Freitag verhaftet worden. Zu dem Anschlag hatte sich eine marxistische Gruppierung bekannt. Auch für die Bombenexplosion in einem Bus in Istanbul machen die Behörden Linksextremisten verantwortlich. Unter den Festgenommenen waren nach Angaben aus Sicherheitskreisen aber auch Mitglieder militanter Gruppen, denen Verbindungen zu El Kaida nachgesagt werden.

Moslem-Extremisten haben nach einem Bericht des arabischen Nachrichtensenders El Dschasira drei Türken im Irak entführt und mit ihrer Ermordung gedroht, wenn die Türken mit der Zusammenarbeit mit den US-geführten Truppen im Irak nicht aufhören. El Dschasira zeigte am Samstag Bilder von drei Geiseln in Hockstellung vor drei bewaffneten und vermummten Männern. Der Sender berichtete, auch eine Mitteilung der Gruppe des mutmaßlichen irakischen El-Kaida-Verbündeten Abu Musab el Sarkaui erhalten zu haben, in der mit der Ermordung der türkischen Geisel innerhalb von 72 Stunden gedroht wird.

Entführungen an der Tagesordnung

Die Gruppe Dschama'at el Tauhid und Dschihad des Extremisten-Führers Sarkaui hatte in dieser Woche eine südkoreanische Geisel enthauptet, nachdem Südkorea ihrer Forderung nicht nachgekommen war, die südkoreanischen Truppen aus dem Irak zurückzuziehen. Die Gruppe hatte bereits vorigen Monat eine amerikanische Geisel enthauptet. Die Morde würden gefilmt und auf einer von Islamisten benutzten Internetseite gezeigt.

Die Gruppe hat auch die Verantwortung für Anschläge am Donnerstag übernommen, bei denen mehr als 100 Iraker und drei US-Soldaten getötet wurden. Zudem bekannte sich die Gruppe zu einem Anschlag auf den irakischen Vize-Innenminister vor einer Woche in Bagdad, bei dem der Minister selbst zwar überlebte, aber mindestens fünf Menschen starben. Die Türkei nimmt zwar nicht in den Koalitionstruppen im Irak teil. Viele Türken arbeiten aber als Vertragslieferanten der US-geführten Truppen. Nach dem Bericht von El Dschasira erklärte die Gruppe: "Die türkischen Truppen und Unternehmen, die die Besatzungstruppen unterstützen", müssten den Irak bis zum genannten Fristablauf verlassen. Sonst würden die drei türkischen Arbeiter getötet.

Die USA sehen in Sarkaui einen der Hauptdrahtzieher hinter der Gewalt im Irak und haben eine Belohnung von zehn Millionen Dollar für seine Ergreifung ausgesetzt. Im ganzen Land würden die Bewohner auf Plakaten und in Bekanntmachungen über die Kopfgeldprämie informiert, sagte Dan Senor, Sprecher der Verwaltung am Samstag in Bagdad. "Er bleibt unser Ziel Nummer Eins in diesem Land. Er ist ein sehr wirkungsvoller Terrorist", sagte Brigadegeneral Mark Kimmitt, der stellvertretende Leiter der US-Militäroperation in dem Golfstaat.

USA verstärken Suche nach Sarkaui

In der vergangenen Woche haben die US-Truppen drei Angriffe auf Häuser in der Stadt Falludscha geführt, in denen sie Anhänger Sarkauis vermuteten. Bei einem Angriff am Freitag dürfte Sarkaui nur knapp verfehlt worden sein, sagte Kimmitt. Zahlreiche Autos hätten sich nach dem Angriff von dem Gebäude entfernt. "Es ist die Einschätzung der Koalition, dass es Sarkaui und einige seiner wichtigsten Leute gewesen sein können." Dies stehe aber noch nicht fest.

Vier Tage vor der Machtübergabe an die irakische Übergangsregierung haben Extremisten wieder mehrere Anschläge im Irak verübt. In der südlich von Bagdad gelegenen irakischen Stadt Hilla ist am Samstag eine Autobombe explodiert und hat 17 Menschen getötet. Bereits in den frühen Stunden war in der nordirakischen Stadt Arbil eine Autobombe detoniert. Zehn Menschen wurden dabei verletzt. Das US-Militär rechnet mit weiteren Attentaten vor der für Mittwoch geplanten Machtübergabe an die irakische Übergangsregierung. Erst am Donnerstag waren bei einer ganzen Reihe von Anschlägen in Mossul, Bagdad, Bakuba, Ramadi und Falludscha etwa 100 Menschen getötet worden. Zu den Anschlägen am Donnerstag hatte sich eine radikale Gruppe um Abu Musab Sarkaui bekannt.

<em>mit Agenturen</em> DPA

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