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TV-Kritik

Maybrit Illner: Syrien, Putin, Trump, Skripal: "Die Welt ist doch verrückt geworden"

Die Weltlage ist vertrackt, die Kriegsangst wächst. Wer trägt die Schuld daran? Allein Wladimir Putin? Oder auch der Westen? Endgültige Antworten gab es auch bei Maybrit Illner nicht. Wie auch? Aber es hilft, zu reden. 

Letztgültige Antworten zum Thema Syrien und den eskalierenden Konflikt zwischen den USA und Russland hatte auch die Runde bei Maybrit Illner nicht - aber es hilft, zu reden in diesen unsicheren Zeiten

Letztgültige Antworten zum Thema Syrien und den eskalierenden Konflikt zwischen den USA und Russland hatte auch die Runde bei Maybrit Illner nicht - aber es hilft, zu reden in diesen unsicheren Zeiten

Es fühlt sich nicht gut an: die gegenseitigen Schuldzuweisungen, die Drohungen, die gegenseitige Blockade im UN-Sicherheitsrat, der schlimme Bürgerkrieg in Syrien, der zum Stellvertreterkrieg der Weltmächte wurde und zur direkten Konfrontation zu werden droht. Der ungeschickt polternde US-Präsident Donald Trump hier, der gewiefte und machthungrige russische Präsident Wladimir Putin dort. Wohin soll das alles führen?

Die da bei Maybrit Illner die aktuellen Konfliktherde ("Skripal, Syrien, Sanktionen") sowie die Schuldzuweisungen ("Putin unter Generalverdacht?") diskutierten, hatten auch keine letztgültigen Antworten. Aber es hilft ja, zu reden in diesen unsicheren Zeiten. Würden doch auch die diese Erkenntnis beherzigen, die derzeit die Weltgeschicke in ihren Händen halten, lautete ein Wunsch des Abends. "Wir müssen jetzt mal einen Neuanfang machen", forderte daher Linken-Ikone Gregor Gysi - und empfahl der Bundesregierung die Vermittlerrolle gleich dazu. Damit war er nicht allein.

Wer hat diskutiert?

Norbert Röttgen (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags.

Katja Gloger, jahrelang stern-Korrespondentin sowohl in Moskau als auch in Washington, Autorin des Buches "Fremde Freunde. Deutsche und Russen - die Geschichte einer schicksalhaften Beziehung".

Putin-Biograf Alexander Rahr, Politologe und Politikberater, unter anderem Projektleiter des Deutsch-Russischen Forums und Gazprom-Berater in Brüssel.

Gregor Gysi sitzt für die Linke im Bundestag und ist Präsident der "Europäischen Linken".

Sandra Navidi, die Juristin und Finanzexpertin ist Gründerin und Chefin der Unternehmens- und Strategieberatungsfirma BeyondGlobal in New York. Sie ist Autorin des Buches "Super hubs. Wie die Finanzelite und ihre Netzwerke die Welt regieren".

Wie lief die Diskussion?

Als Gastgeberin Maybrit Illner nach 60 Minuten fast gewaltsam "einen Punkt setzte, obwohl man keinen Punkt setzen will", war zu spüren, was eigentlich von vornherein klar war: Die aktuelle Weltlage ist längst dem Format entwachsen. Der Syrien-Konflikt und seine Ursachen, die Situation Trumps und sein Verhalten, die Rolle Putins in einem vermeintlich neuen Kalten Krieg, die Motivsuche für den Giftanschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal in Großbritannen - jeder der Aspekte hätte allein eine Sendung gefüllt.

So kratzten die Experten weitgehend an der Oberfläche, ohne oberflächlich zu sein. Immerhin: An eine akute Gefahr eines "heißen Krieges" glauben trotz allem weder Putin-Biograf Alexander Rahr noch stern-Autorin Katja Gloger. "Ich sehe eine Deeskalation in den letzten Stunden", so Rahr, "auch die Russen schalten auf Diplomatie". Allerdings, ergänzt Katja Gloger, "die Unberechenbarkeit ist im Moment größer als im Kalten Krieg. Da wusste man wenigstens, woran man ist."

Von der allgemeinen Verunsicherung, die heutzutage herrscht, konnten sich dagegen auch die Illner-Gäste nicht freimachen. Während Rahr eher die russische Seite für glaubwürdig hielt, betonte Finanzexpertin Sandra Navidi, dass Desinformation und Cyberkrieg eher das Erfolgsrezept der Russen sei. Indizien konnten beide reichlich vorbringen, doch zweifelsfreie Belege hatten auch sie nicht. "Jegliches Vertrauen untereinander ist verloren", beklagte Rahr. Dementsprechend wird gehandelt - vor allem in Syrien, wo die einzelnen Machtinteressen immer heftiger aufeinanderprallen. "Die Welt ist doch verrückt geworden", entfuhr es Gregor Gysi.  

Der besondere Moment

Verrückt auch das Agenten-Stück im britischen Salisbury. Auftritt Christopher Nehring. Der Geheimdienstexperte vom deutschen Spionagemuseum sorgte als Seitengast der Diskussion für Spannung, indem er den Blick weitete für die Motivsuche im Fall der Nowitschok-Vergiftung des früheren Doppelagenten Sergej Skripal und seiner Tochter. Die früheren Aktivitäten Skripals würden kein Tatmotiv hergeben. Sinn würde der Anschlag nur machen, wenn Skripal noch aktiv sei und in jüngster Zeit Kontakte zum britischen Geheimdienst MI6 gehabt habe. In diesem Fall hätte Russland ein aktuelles Interesse, einen durch Skripal drohenden Geheimnisverrat zu verhindern. Allerdings sei der Anschlag misslungen, was sich zum Beispiel an der großen Zahl betroffener Unbeteiligter zeige. Nehring: "Auftragsmord ist eben kein leichtes Geschäft."

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Die Erkenntnisse

  • Ex-US-Präsident Barack Obama hat erheblichen Anteil an der aktuellen Lage. Er verspottete Russland während seiner Amtszeit als "Regionalmacht". Und er zog eine "rote Linie" für den Fall eines Giftgaseinsatzes im syrischen Bürgerkrieg, setzte diese gegenüber Machthaber Baschar al-Assad aber nicht durch. "In dieses Machtvakuum ist Putin gestoßen", so Katja Gloger.
  • "Der Westen besteht darauf, dass Assad weg muss", sagt Alexander Rahr. Doch eine Ordnung nach westlichem Vorbild wird es für Syrien nicht geben. Deshalb müsse man gemeinsam mit den Kriegsparteien Russland und Türkei nach einer Lösung suchen, die den Syrien-Krieg beendet.
  • Russland, Türkei und Iran verfolgen machtpolitische Interessen in Syrien und sind nicht an einer Lösung interessiert, analysiert Norbert Röttgen dagegen. Der Konflikt könnte sich auf Israel und den gesamten Nahen Osten ausdehnen. "Das ist dann wirklich die Kriegseskalation", so Röttgen - und eine Quelle weiterer Flüchtlinge dazu.
  • Russland ist in Syrien, "weil sich im mittleren Osten die künftige Weltordnung entscheidet - hin zu einer 'multipolaren Welt', die sich nicht nur an den westlichen Werten orientiert." (Alexander Rahr)
  • "Putin hat Erfolg im eigenen Land, das er als vom Westen belagerte Festung darstellt und so die Menschen hinter sich versammelt", ergänzt Katja Gloger. So hat sich Russland aus Europa verabschiedet und sich in eine "postwestliche Welt" aufgemacht; weg von einer liberal-demokratischen Ordnung.
  • Donald Trump befindet sich innerhalb der USA wegen der Ermittlungen zu angeblichen Russland-Beziehungen im Überlebenskampf. Deshalb ist er nervös und neigt zu drastischen und unbedachten Schritten - zumal er keine Strategie hat. (Analyse Sandra Navidi) Wegen Trump sind die USA geschwächt, dennoch sind sie als Partner für den Westen unersetzbar. (Norbert Röttgen)
  • Der letztlich fehlgeschlagene Giftanschlag auf den früheren Doppelagenten Sergej Skripal hat nur einen Sinn, wenn Skripal noch aktiv ist und ein Geheimnisverrat droht. Die früheren Aktivitäten bieten kein Motiv für das Attentat. (Analyse Christopher Nehring)
  • "Fest steht, dass das verwendete Gift Nowitschok ist. Dies ist ein sowjetisches Produkt. Es wurde dort auch produziert. Das bedeutet: Das Gift wurde unter russischem Einfluss verwendet oder Russland ist ohne Kontrolle. In beiden Fällen hätte Russland kooperieren müssen. Das hat Russland nicht getan." (Norbert Röttgen) 

Fazit

Dringend gesucht wird ein Vermittler "in dieser gefährlichen Zeit" (Gloger). Jemand, der kühlen Kopf behält, zur Selbstkritik fähig ist und Fakten sprechen lässt statt des "emotionalen Mischmaschs". Eine Rolle, die Deutschland durchaus übernehmen könnte. Das glaubt zumindest die Experten-Runde.

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