UN-Sonderermittler "Natürlich bleibt ein Mulmiges Gefühl"


Ein deutscher Staatsanwalt wurde im Libanon zum Helden. Nun ist UN-Sonderermittler Detlev Mehlis zurück in Berlin - und muss um sein Leben fürchten.

Herr Mehlis, wie viele Bodyguards haben Sie?

In Deutschland? Das darf ich nicht sagen. Im Libanon hatte ich zirka zehn UN-Leibwächter, dazu 20 bis 30 von der libanesischen Armee. Daran konnte ich mich nie so richtig gewöhnen. Als ich zwischendurch mal ein paar Tage Urlaub machte, hatte man zwei gepanzerte Limousinen und Beamte zu meinem Feriendomizil vorausgeschickt, die mich gleich am Flughafen in Empfang nahmen.

Wie groß erachten Sie die Gefahr eines Attentats auf Sie oder die UN-Kommission?

Durch unsere Arbeit haben wir ein hohes politisches Profil bekommen, nicht nur im Libanon. Die UN-Kommission und mein Name stehen, ob ich das nun mag oder nicht, auch für westliche Ideale. Und Symbole werden oft als Erstes zerstört. Unter diesem Aspekt würde ein Anschlag durchaus Sinn machen.

24 Stunden bevor Sie dem Weltsicherheitsrat Ihren Bericht zum Mord am libanesischen Ex-Präsidenten Rafik Hariri vorstellten, wurde in Beirut der Verleger Gebran Tueni Opfer einer Autobombe. Gibt es da einen Zusammenhang?

Bestimmt. Mit Gebran Tueni beseitigten die Täter ein Sprachrohr der Kritik an Syrien. Gleichzeitig haben sie damit Journalisten, Politiker und die Bevölkerung stark verunsichert. Der Anschlag hat den Libanon um Monate zurückgeworfen. Seit Beginn Ihres UN-Mandates Mitte Mai 2005 gab es eine ganze Reihe von Bombenattentaten. Aber der Tod von Tueni hat Sie offensichtlich besonders berührt? Ich habe während meines Berufslebens schon viele Morde und Attentate untersucht. Aber noch nie ist jemand umgebracht worden, den ich persönlich kannte. Tueni war einer der wenigen von über 500 Zeugen, die ich selbst vernommen hatte. Ich fand ihn sehr sympathisch.

Gab es Hinweise, dass Tueni gefährdet war?

Er war einer der drei meistgefährdeten Menschen des Libanon. Zeugen hatten uns von einer syrischen Todesliste berichtet und dass Tueni ganz weit oben stehe. Als ich davon erfuhr, habe ich sofort unseren libanesischen Verbindungsgeneral gebeten, Tueni zu informieren. Was passierte dann? Tueni brachte sich in Sicherheit. Er ging nach Paris. Monate später kam er zurück. Er war gerade einmal zwölf Stunden wieder im Lande, als der Anschlag auf ihn verübt wurde. Unfassbar.

Wann haben Sie von dem Anschlag erfahren?

Morgens im Hotel in New York. Im ersten Moment war ich einfach geschockt. Dann habe ich die zeitliche Nähe zur Veröffentlichung meines UN-Berichtes realisiert und mich gefragt: Warum macht das jemand? Die Antwort war einfach: Der Mord an Tueni war auch ein Signal an mich und die Kommission. Man wollte uns damit zu verstehen geben: Du kannst so viele Berichte schreiben, wie du willst! Wir machen trotzdem weiter!

Gab es Todesdrohungen gegen Sie persönlich?

Ja! Meine Sicherheitsleute schützen mich aber, so gut es geht. Ein mulmiges Gefühl bleibt natürlich. Wenn in Beirut am Straßenrand ein Tanklastwagen steht und ich daran vorbeifahre, frage ich mich schon, ob der nun vielleicht explodiert.

Mittlerweile sind Sie im Libanon so etwas wie ein Nationalheld, Babys erhalten den schönen Vornamen Mehlis.

Davon habe ich gehört, aber noch keins gesehen. Mir ist der ganze Wirbel um meine Person ein bisschen zu viel, auch wenn es sicher gut gemeint ist. Als ich mich mit dem libanesischen Justizminister zum Arbeitsessen in einem Restaurant traf, kam einer der Gäste sogar auf mich zu und sagte, ich solle Präsident im Libanon werden. Als der Minister und ich das Lokal verließen, applaudierten die Gäste. Mir war das schon etwas unangenehm.

Warum?

Einem Staatsanwalt applaudiert man nicht, und in der Politik des Libanon habe ich als Gast und UN-Beamter nichts verloren!

Syrien hat sich einiges einfallen lassen, um Ihre Popularität zu unterminieren.

Ich finde das eher lustig, was da einige Medien von sich geben. Ich hätte mich zu einem Ausflug auf eine Yacht einladen lassen, hieß es, mit 1200-Dollar-Wein, oder mein Vater sei bei der CIA oder meine Mutter sei Jüdin, begraben auf den Golan-Höhen, dem einstigen syrischen Gebiet, das seit 1967 von Israel besetzt ist. Das ist natürlich alles Blödsinn. Meine Mutter, eine Kirchensteuer zahlende Protestantin, lebt noch in Berlin und ist zum Glück wohlauf.

Bislang war der Terroranschlag auf die Berliner Discothek "La Belle" Ihr spektakulärster Fall. Kann man die Ermittlungen von damals mit denen im Libanon vergleichen?

1986 war die Ausgangslage ganz anders. US-Präsident Ronald Reagan hatte behauptet, US-Nachrichtendienste hätten Beweise, dass Libyen hinter dem Anschlag steckte, und ließ Tripolis bombardieren. Wir haben uns dann mit den Amerikanern angelegt und gesagt: Euer Präsident sagt, ihr habt Beweise, dann gebt uns mal die Beweise. Aber bekommen haben wir nichts. Also haben wir selbst ermittelt. Aber nach drei Jahren mussten wir das Verfahren einstellen, weil wir letztlich nichts in der Hand hatten, was eine Anklage rechtfertigte.

Wie konnten Sie den Fall dann aufklären?

Ein Überläufer der Stasi hatte bundesdeutschen Behörden nach dem Mauerfall Dokumente übergeben, woraus hervorging, dass die libysche Botschaft in Ost-Berlin in den Anschlag in West-Berlin involviert war. Es war ein Glücksfall: Die Stasi hatte die Täter observiert. Es hat dann noch ein paar Jahre gedauert. Als 2001 die Urteile gefällt wurden, hatte ich mich fast 15 und das Gericht sich mehr als vier Jahre mit dem Fall befasst. Aber das ist die Justiz Opfern und Hinterbliebenen schuldig.

In einem anderen spektakulären Fall hatten Sie sich schon einmal mit dem Regime in Syrien angelegt.

Ich lege mich mit niemandem an, ich ermittle. Sie meinen wohl den Anschlag auf das französische Generalkonsulat Maison de France in West-Berlin. Johannes Weinrich, Adlatus des damals meistgesuchten Terroristen Carlos, hatte den Anschlag organisiert, unter Mitwirkung der syrischen Botschaft in Ost-Berlin.

Wie kamen Sie den Syrern auf die Schliche?

Ähnlich wie im Fall "La Belle" bekamen die Polizei und ich erst nach dem Mauerfall mit Hilfe von Stasi-Unterlagen eine Ahnung davon, wer mit wessen Hilfe 1983 den Anschlag durchgeführt hatte. 1993 haben wir dann auch herausgefunden, dass sich Weinrich und Carlos in Syrien aufhielten. Das Regime dort hatte ihnen Unterschlupf gewährt.

Unseren Informationen nach war es der damaligen Bundesregierung peinlich, dass Sie Syrien als Terroristenzuflucht entlarvten.

So etwas hat natürlich politische Konsequenzen, die unangenehm sein können. Da kommen sich dann Diplomatie und Justiz notgedrungen mal in die Quere.

Gab es damals Versuche, auf Ihre Ermittlungen Einfluss zu nehmen?

Ich bin nie in irgendeiner Weise beeinflusst worden. Das kenne ich persönlich in Deutschland nicht.

Als bekannt wurde, dass Sie nur noch bis Mitte Januar die UN-Kommission zur Aufklärung des Hariri-Mords leiten wollen, soll US-Präsident George W. Bush den UN-Generalsekretär gebeten haben, Sie umzustimmen. Wer alles hat versucht, auf Sie einzuwirken?

Unter anderen Vertreter der USA, Frankreichs, Russlands, Großbritanniens. Und Kofi Annan, der UN-Generalsekretär.

Hat Herr Steinmeier angerufen?

Vertreter der alten und neuen Bundesregierung haben sich bei mir für die Arbeit der Kommission bedankt, auch beide Außenminister.

Die Ermittlungen werden wieder spannend. Gerade hat sich Abdul Khaddam zu Wort gemeldet...

...und Khaddam ist ja nicht irgendwer. Er war bis Juni 2005 Vizepräsident Syriens und verfügt dementsprechend über Insider-Kenntnisse. Mittlerweile habe ich ihn persönlich in Paris vernommen. Seine Angaben waren sehr glaubhaft und untermauern unsere Ermittlungsergebnisse.

In Interviews sagte er, Präsident Baschar Assad habe den Mord persönlich in Auftrag gegeben.

Diese Angaben bedürfen nun der Überprüfung.

Sie haben eine Reihe syrischer Geheimdienstler und Politiker vorgeladen, auch Assad. Wird er Ihrer Vorladung folgen?

Abwarten. Wir haben gebeten, den Präsidenten in Damaskus zu vernehmen. Das ist für ihn auch eine Möglichkeit, die eigene Sicht der Dinge in das Verfahren einzuführen.

Sie sagten in New York, die Ermittlungen im Hariri-Fall würden vermutlich noch Jahre dauern. Ihr Nachfolger, der belgische Staatsanwalt Serge Brammertz, wird die UN-Kommission nur sechs Monate leiten. Können Sie sich vorstellen, sich noch einmal um den Fall zu kümmern?

Erst einmal soll der Kollege in die Sache einsteigen. Dann muss man abwarten, ob und wann er wieder aussteigt. Vielleicht ist der Fall bis dahin schon restlos und schneller, als ich denke, aufgeklärt.

Interview: Peter Meroth, Oliver Schröm

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