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US-Wahl: Heiß umkämpfte Swing States Wo sich die Schlacht ums Weiße Haus entscheidet


Die US-Wahl entscheidet sich in ein paar Bundesstaaten. Vor allem in Ohio und dort im Landkreis Cuyahoga. Die Kandidaten werfen hier ihre letzten Reserven ins Rennen: Polit-VIPs und jede Menge Geld.
Von Katja Gloger

Nun also "the final push", die letzte große Schlacht um die letzten Wählerstimmen, die vielleicht wirklich allesentscheidend sind in diesem seit Monaten allesentscheidenden Wahlkampf. Die Fernsehdebatten sind geführt, die Talkshows besucht, die Anzeigen geschaltet. Mehr als 1,5 Milliarden - ja, MILLIARDEN - Dollar haben die beiden Parteien für diesen Wahlkampf ausgegeben. Es war schon wieder einmal der teuerste aller Zeiten - und darin sind die geschätzt 800 Millionen "dunklen" Dollar anonymer Werbung noch nicht einmal enthalten. Es war ein miserabler Wahlkampf, bestimmt von Negativwerbung, gemein und kreischend, und das ist kein gutes Zeichen: Denn mittlerweile scheint Amerika so tief gespalten, dass Wähler offenbar nur noch dann mobilisiert werden können, indem man den Gegner im medialen Dauerfeuer diffamiert.

Vor den Kandidaten liegen nun die letzten Auftritte dieses elenden Wahlkampfes, der vor allem die Aufholjagd des Herausforderers ist: Mitt Romney. Ihm gelang es, sich in den vergangenen Wochen zunehmend als Mann der rechten Mitte zu präsentieren, vor allem in der ersten TV-Debatte mit Barack Obama. Damit punktet er bei konservativen Wechselwählern - und disziplinierte so auch die Rechten seiner Partei, seine Kritiker, die wütenden Männer der Tea Party. Sie werden ihn jetzt wählen, jetzt, da ihr Sieg greifbar scheint.

Umfrage-Patt der Kandidaten

Barack Obama und Romney liegen in den Umfragen statistisch gleichauf, es ist eine klassische Patt-Situation: Mal 47:47, mal 48:47 Prozent, am vergangenen Donnerstag - zwei Tage nach dem Hurrikan Sandy - ergab der Mittelwert der wichtigsten landesweiten Umfragen 47,4 :47,4 Prozent - und das ist schlecht für einen Präsidenten, der normalerweise einen Amtsbonus genießt. Wenn es also um die Zahl der Wählerstimmen geht, muss Barack Obama um seine Wiederwahl fürchten.

Doch in Amerika gilt ein anderes Gesetz: Nicht die Mehrheit der Wählerstimmen sichert den Sieg, sondern die Mehrheit der Wahlmännerstimmen. Es ist ein merkwürdiges Verfahren, ein Relikt aus den Gründerjahren der amerikanischen Republik. Man wollte die Präsidentenwahl damals nicht dem US-Kongress überlassen. Allerdings sprachen sich die Gründerväter auch gegen eine Direktwahl durch das Volk aus. Man hätte damit ja Millionen "Negroes" ausgeschlossen, so nannte man damals die schwarzen Sklaven der jungen amerikanischen Republik. So waren Wahlmänner der Kompromiss. Seitdem gilt die Regel: Gezählt wird auf Landesebene. Der Kandidat, der die meisten Stimmen bekommt, erhält sämtliche Wahlmänner eines Bundesstaates. Und je größer die Bevölkerung dort ist, desto mehr Wahlmänner werden nach Washington geschickt.

Niederlage trotz Stimmenmehrheit

Wer ins Weiße Haus einziehen will, muss mindestens 270 der 538 Wahlmänner für sich gewinnen. Und dabei kann es geschehen, dass ein Kandidat verliert, obwohl er die Mehrheit der Wählerstimmen erringt. Zuletzt passierte dies 2000 dem Demokraten Al Gore - er hatte rund 400.000 Stimmen Vorsprung vor seinem Gegner George W. Bush - aber nur 266 Wahlmänner, ihm fehlten die des Bundesstaates Florida.

Die Wahlen werden also in den Swing States gewonnen, in jenen drei bis elf Bundesstaaten also, die nicht fest einer Partei zuzuordnen sind - aktuell gehören Virginia und Iowa dazu, Wisconsin, Colorado und Nevada - vor allem aber Florida und Ohio. Die beiden Bundesstaaten sind die größten Preise der Wahl, liefern sie doch 27 und 18 Wahlmänner. Beide gingen vor vier Jahren an Barack Obama, sie sicherten seinen Sieg.

Bundesstaat für Bundesstaat, Landkreis für Landkreis

In den Wahlkampfzentralen in Chicago (Obama) und Boston (Romney) tüfteln sie an Formeln für sichere Wege zur Mehrheit, es ist die Mathematik des Sieges. Noch in der vergangenen Woche waren Hunderte mathematischer Kombinationen möglich. Jetzt werden jeden Tag Bundesstaat für Bundesstaat, Landkreis für Landkreis, Stadt für Stadt, Straße für Straße gescannt, Wähleraktivitäten registriert, Anforderungen für Briefwahlen etwa. Lohnt es sich für Obama etwa noch, in Colorado zu investieren? Dort könnte sich ein Vorteil Romneys abzeichnen. Welche Städte in Virginia eignen sich besonders für einen letzten Besuch Romneys? Vielleicht dort, wo Erstwähler, Frauen und Latinos bei der letzten Wahl überraschend für Obama gestimmt hatten? In Florida gingen Soul-Legende Stevie Wonder und Latino-Star Marc Anthony auf Tour mit First Lady Michelle Obama - wahrscheinlich eher nicht, um die weißen Pensionäre im Norden des Bundesstaates zu mobilisieren.

Das Epizentrum der Wahl bleibt Ohio

Noch nie konnte ein republikanischer Kandidat die Wahl ohne Ohio gewinnen. In 25 der vergangenen 27 Präsidentschaftswahlen stimmte Ohio jeweils für den Sieger - und vielleicht hat das auch damit zu tun, das Ohio wie kaum ein anderer Bundesstaat die Vielfältigkeit, die Probleme des Landes spiegelt. Da ist etwa die Autoindustrie, 850.000 Jobs hängen daran, jeder achte Arbeitsplatz. Da sind die ländlichen Regionen des Südostens, sie gelten als republikanisch. Die Arbeiterstädte im Nordosten wiederum als demokratisch, die Universitätsstadt Columbus als umkämpft.

Die beiden Parteien haben 177 Millionen Dollar für Wahlwerbung allein in Ohio ausgegeben - mehr als in jedem anderen Bundesstaat.

Für den "final push" der letzten Tage setzten Obamas Strategen von Anfang an auf computergestützte Daten und die Freiwilligenarmee des letzten Wahlkampfes. Viele Obama-Büros blieben in den vergangenen vier Jahren geöffnet. Freiwillige führten Abertausende Telefonbefragungen durch. Erstellten in mühsamer Kleinarbeit Handbücher mit Anleitungen und allen öffentlich zugänglichen Informationen über Wähler, sie ließen kein Haus aus, keinen Hund, keine Automarke. Längst sind sie auf der eigens entwickelten iPhone App abrufbar, die Landkarten-Software liefert präzise Ortsangaben gleich mit. Und alles dient nur einem Ziel: Turnout. Wahlbeteiligung. "Get out the vote!" heißt das hier, holt die Wähler aus ihren Häusern, bringt sie in die Wahlkabine!

GM-Rettung bringt Obama einen Vorteil

In diesem Jahr soll der Landkreis Cuyahoga bei Cleveland als entscheidend gelten, hier sind ein paar Hunderttausend Stimmen zu holen. Vor vier Jahren gewann Obama den Kreis mit 69 Prozent. "Wenn hier jeder wählt", so ein demokratischer Wahlhelfer, "dann werden wir gewinnen."

Denn noch genießt Obama einen leichten Vorteil in Ohio: zu Beginn der großen Wirtschaftskrise vor vier Jahren rettete er mit Staatsgeldern die Autoindustrie in Ohio, GM etwa, General Motors. Die Wähler haben die sonst so verpönte Staatshilfe nicht vergessen und so sieht man mancherorts Plakate mit klarer, knapper Bewertung von Obamas erster Amtszeit: "GM lebt. Bin Laden ist tot."

Unlängst haben Obamas Leute den Gegner auch bei einer Schwindelei ertappt: Hatte Romney doch behauptet, Obama lasse zu, dass ein Teil der amerikanischen Autoproduktion nach China ausgelagert würde. Es mag nur eine kleine Lüge gewesen sein, ein Missverständnis - aber das kommt nicht gut an bei den Wählern hier im "rust belt", den Staaten des Rostgürtels mit seiner alten Industrie.

Wie "Sandy" Obama half

So hält Obama einen knappen Vorsprung in Ohio, der Mittelwert der wichtigen Umfragen steht bei gut zwei Prozent. Einen knappen Vorsprung hält er bislang auch in den Swing States Wisconsin, Colorado, Iowa, auch in Virginia und Nevada. Offenbar finden ihn die Wechselwähler sympathischer, ehrlicher und moderater als Romney. Vielleicht trägt auch Obamas neue Rolle als parteiübergreifender "Kümmerer-in-Chief" dazu bei: Besuchte er doch die vom Hurrikan verwüstete Ostküste, klopfte parteiübergreifend Schultern, ließ sich von einem republikanischen Gouverneur über den grünen Klee loben und versprach staatliche Hilfe - Obama, ein Präsident aller Amerikaner eben.

Die Republikaner wiederum setzen auf die "surge", eine langsam, aber stetig ansteigende "Welle" der Sympathie für Mitt Romney. Sie geben sich optimistisch, Romney liegt knapp vorn im wichtigen Florida, vielleicht ist auch Virginia noch zu holen. Ihre Umfragen weisen auf hohe Wahlbeteiligung der republikanischen Basis hin. Sie steige seit Monaten, heißt es. Auch steige die Zahl der Wechselwähler, die für Romney stimmen wollen. "Es ist wie in einem dieser Horrorfilme", so beschreibt es der republikanische Parteistratege Mike Murphy in der Zeitschrift "New Yorker". "Plötzlich erhebt sich eine Hand aus der Erde. Denn der Totgesagte, er lebt ..."

Ohio bleibt der große Preis

Ohio aber bleibt der große Preis. Romney setzte auf einen überwältigenden Auftritt, es wurde der größte seines Wahlkampfes. Begleitet von 100 republikanischen VIPs, von Senatoren, Gouverneuren, Bürgermeistern, Kongressabgeordneten kam er am Freitag nach West Chester im Südwesten Ohios. Es war ein gigantischer Auftritt, ein wichtiges Symbol: Die Partei steht vereint hinter ihm, lautet die Botschaft. In Ohio und anderswo.

Natürlich ist auch Obama in Ohio unterwegs, er absolviert mehrere Auftritte. Dazu schickt er einen ganz besonderen Wahlkampfhelfer, eine One-Man-Show, einen der ganz Großen, ein Mann mit Herz und Verstand, dem Amerika immer noch kaum widerstehen kann: Bill Clinton.

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