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Verhaftung von Top-Taliban: Was Pakistan im Schilde führt

Pakistan spielt die wohl wichtigste Rolle im Afghanistankrieg. Die Festnahme von mehreren Top-Taliban dort war aber kein Erfolg gegen den Terror. Denn Pakistan verfolgt ganz andere Interessen.

Von Christoph Reuter, Kabul

Es ging Mitte Februar eine Welle triumphaler Erleichterung durch die Medien, vor allem den amerikanischen. Innerhalb von nur zwei Tagen wurden in Pakistan gleich eine ganze Reihe von Taliban-Führern verhaftet: Zunächst die Nummer zwei, Mullah Baradar, und kurz darauf zwei weitere berüchtigte Provinzkommandeure.

Dies sei, verkündeten Politiker und Terrorexperten, nun die Gezeitenwende in Pakistans Politik. Dessen Führung habe endlich erkannt, auch gegen die afghanischen Taliban kämpfen zu müssen! Im Westen schien sich die Vermutung zu bestätigen: Die Politik Pakistans nimmt nun den Kampf gegen den Terrorismus auf.

Es wäre eine 180-Grad-Wende der pakistanischen Politik: Vor 30 Jahren hatte das Militär des Landes den Kampf der Mudschaheddin gegen die sowjetischen Besatzer organisiert und in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten die Taliban aufgebaut. Und nun diese spektakulären Festnahmen. Doch die Hoffnung, Pakistan werde nun ihre Zöglinge künftig zu Feinden erklären, ist mehr Wunsch als Wirklichkeit.

Die Festnahme ihrer Spitze wird die Taliban schwächen

Dass jetzt mindestens ein halbes Dutzend Mitglieder der sogenannten "Quetta-Schura", dem Führungsgremium der afghanischen Taliban, im Gefängnis sitzen, wird die Aufständischen zweifelsohne schwächen. Allerdings deuten Indizien und Aussagen des pakistanischen und afghanischen Geheimdienstlern gegenüber stern.de auf ein anderes Ziel hin: Pakistan will die afghanischen Taliban nicht zerstören - sondern sie zurück unter seine Kontrolle bringen.

Pakistans extrem mächtiger Geheimdienst "Inter-Services Intelligence" (ISI) war seit Jahren dem Top-Taliban Mullah Baradar auf der Spur. Hatte ihn überwacht, seine Übersiedelung von Quetta nach Karachi registriert, seine dortigen Tätigkeiten im Auge gehabt - aber nie eingegriffen. Es ist zu vermuten, dass die pakistanischen Agenten die gesamte Taliban-Führung unter genauer Beobachtung haben. Und plötzlich diese Verhaftung von Baradar - warum jetzt?

Neuer Kurs unter Baradar

Unter Baradars Führung hatten die Taliban im vergangenen Jahr einen neuen Kurs eingeschlagen: Es sollten "Herz und Hirn" der Afghanen erobert werden. Die Nummer zwei initiierte ein Regelwerk, nach dem zivile Opfer beim Kampf gegen die Besatzer möglichst vermieden werden sollten. Es gab auch keine martialischen Hinrichtungsvideos mehr, Schmähungen gegen die oft als Ungläubige verfemten schiitischen Muslime blieben aus. Zudem sollte der Einfluss von al Kaida und des ISI minimiert werden. Und schließlich war es Baradar, der seit zwei Jahren die regelmäßigen Verhandlungen mit Emissären von Karsais Regierung vorangetrieben haben soll.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Was die Taliban in Afghanistan mit Pakistans Erzfeind Indien zu tun haben und warum sich die Verhaftungen zum Bumerang im Anti-Terrorkampf entwickeln könnten

Baradar war davor ein Friedensabkommen auszuhandeln

Baradar war, ob mit Mullah Omars Segen oder ohne, dabei gewesen, die Grundlagen für ein Friedensabkommen mit Karsais Regierung vorzubereiten - und hatte dabei den pakistanischen Geheimdienst außen vor gelassen. Doch nichts fürchten die Machthaber in Islamabad mehr, als dass die USA, Karsai und die Taliban (unter Baradars Vermittlung) zu einer Einigung kommen, ohne einbezogen zu werden. Dabei geht es den pakistanischen Generälen gar nicht in erster Linie um Afghanistan - der Nachbarstaat dient als Nebenkriegsschauplatz für ihre eigentliche Besessenheit: der Erbfeindschaft mit Indien. Was immer die Militärs, die seit Jahrzehnten damit zugange sind, zivile Regierungschefs wahlweise zu dulden oder abzusetzen, auch tun - Hilfe für die Taliban, Hilfe für die Dschihadisten im eigenen Land, Kooperation mit den USA, folgt stets der Frage: Hilft es im Kampf gegen Indien?

Um den Einfluss des Karsai-freundlichen Indiens zurückzudrängen, wurden und werden die afghanischen Taliban massiv unterstützt und in Pakistan geduldet. "Strategische Tiefe" nennen die Pakistaner dieses Konzept. Selbst lokale Entscheidungen und Zwistigkeiten der Taliban in Afghanistan werden telefonisch mit den jeweiligen Kommandeuren in Pakistan geklärt. Die jetzt offiziell festgenommen Taliban-Führer sind nicht die radikalsten, sondern jene, die sich allzu selbstständig gebärdeten.

Aus Gesprächen mit afghanischen und pakistanischen Geheimdienstlern, Taliban und Militärs geht hervor, dass Pakistans Militär zwei Ziele kombinieren will: Zum einen, sich weiterhin die finanzielle Unterstützung aus Washington zu sichern. Mit der Zusage des US-Sonderbotschafters Richard Holbrooke, bisher blockierte US-Militärhilfe in Höhe von 349 Millionen US-Dollar nun freizugeben, scheint ein Ziel erreicht worden zu sein.

Kontrolle über afghanische Taliban zurückgewinnen

Das andere, noch wichtigere: Die afghanischen Taliban wieder unter die eigene Kontrolle zu bringen. Mittelfristig, nach Abzug der internationalen Truppen, soll in Kabul eine Islamabad genehme Regierung sitzen, Pakistan gegenüber freundlich und Indien gegenüber feindlich gesinnt. Kamran Bokhari, Pakistan-Experte des Think Tanks Stratfor, sagt: "Die Pakistaner versuchen ihren Einfluss auf die afghanischen Taliban wiederzugewinnen, gleichzeitig mit den USA zu kooperieren und ihnen jene Elemente auszuliefern, die nicht unbedingt mit ihren eigenen Interessen harmonieren."

Dazu gehört offenbar auch Sirajudin Haqqani, der militärische Führer einer teilweise unabhängig von der "Quetta-Schura" operierenden, großen Kampftruppe, die vor allem den Osten Afghanistans kontrolliert. Nach voneinander unabhängigen Aussagen hat ISI ihn bereits vor drei Monaten für mehrere Wochen festgesetzt. Seine Leute sind radikaler als Baradars Kämpfer, und deren Führung steht ganz oben auf der US-Fahndungsliste. Die Amerikaner machen Haqqani verantwortlich für viele verheerende Anschläge auf Isaf-Truppen rund um Kabul sowie für Kooperation mit al Kaida. Auch andere Taliban-Führer sollen sich in pakistanischer Haft befinden - darunter der berüchtigte Kommandeur für die Provinz Kunar, Maulawi Fazil Rabi. Noch, so heißt es, sei nicht entschieden, ob man sie auch "offiziell" verhaftet oder wieder laufen lässt.

Alle Akteure wollen dasselbe

Letztlich wollen alle drei großen Akteure in der Region annähernd dasselbe: Nämlich einen Deal mit den Taliban eingehen und die Kämpfe beenden. Die Amerikaner wollen es, um gesichtswahrend abziehen zu können; Karsai, um an der Macht zu bleiben; die Pakistaner, um mit den Taliban einen Fuß in der Tür zu haben und so ihren Stellvertreterkrieg gegen Indien in Afghanistan weiterführen können. Das kuriose dabei: Die Pakistaner wollen mit aller Macht verhindern, dass ein solcher Deal ohne sie zustande kommt.

Es könnte schließlich irgendwann der Fall eintreten, dass den afghanischen Taliban der ewige Konflikt zwischen Pakistan und Indien egal sein wird; sie könnten sich der Benutzbarkeit entziehen wollen, und Baradars Aktivitäten waren ein erster Schritt in diese Richtung. Dem wurde mit seiner Verhaftung nun ein Riegel vorgeschoben. Oder wie vor Tagen ein hoher pakistanischer ISI-Offizier dem stern sagte: "Diese Leute (die festgenommenen Taliban-Führer), die hier auf Pakistans Boden leben, träumten schon davon, mit Karsai im Kabuler Präsidentenpalast zu dinieren. Jetzt werden sie stattdessen auf dem Beton von Bagram (dem größten amerikanischen Gefängnis in Afghanistan, nördlich von Kabul) essen können."

Langfristig könnte es eine neue Taliban-Führung geben

Die Verhaftungswelle aber könnte sich ins Gegenteil dessen verwandeln, was sich Washington und Kabul erhoffen: Zwar werden die Taliban kurzfristig geschwächt, aber langfristig gibt es keine Verhandlungslösung, sondern eine neue Taliban-Führung. Eine, die weniger afghanischen Interessen folgt, sondern den Weisungen ihrer ISI-Führungsoffiziere. Welche wiederum weniger Interesse an einer friedlichen Lösung in Afghanistan hat, als an der Wahrung ihrer Interessen - was eine Brutalisierung der Kämpfe auf Kosten der afghanischen Bevölkerung nach sich ziehen könnte.