Washington Memo Wenn ein Orakel Tacheles spricht


Alan Greenspan war ein mächtiger Mann. Als Chef der US-Notenbank hat er Märkt bewegt, Politiker und Anleger hingen an seinen Lippen. Berühmt wurde der Mann mit den vielen, kleinen Eigenheiten aber auch, weil er sich gezielt diffus ausdrückte. Jetzt darf er Tacheles reden - und wieder hängt ganz Amerika an seinen Lippen.
Von Katja Gloger

Offenheit lautet die Devise. Geradeaus sein, offenherzig, regelrecht authentisch. Und es scheint ihm sogar Spaß zu machen. Da sitzt Mr. Alan Greenspan in seinem hellen, holzgetäfelten Büro, auf dem Sideboard neben sich ein paar Bände der "Historischen Statistiken Amerikas", und philosophiert über die Kunst des Schreibens. Wie schwer es ihm gefallen sei, in der Ich-Form zu schreiben. Er, der als Kind einst die Fahrpläne der amerikanischen Bahn auswendig lernte, um sich damit in die Welt zu träumen. Er, der eigentlich nur in Zahlen denkt, in Statistiken, Wahrscheinlichkeiten. Jetzt aber, im zarten Alter von 81, sollte er die eigene Sicht auf die Welt darstellen, und, huch, seine eigene Meinung vertreten. "Früher war ich ja eher umständlich", erklärt er. "Einfach geradeaus zu sein, dazu brauchte ich eine Weile. Aber ich habe feststellen müssen, dass dies eine sehr überlegene Form der Kommunikation ist."

Harte Kritik an Präsident Bush

Sagt er, das wandelnde Mysterium. Dr. Alan Greenspan. Das lebende Rätsel. Die Sphinx von Washington. Er, DER Zentralbanker der USA, "Maestro" der Weltökonomie. Fast 20 Jahre lang wusste man so gut wie nichts über ihn, als Chef der Zentralbank konnte, wollte er keine Interviews geben. Seine regelmäßig vor dem US-Kongress vorgetragenen Äußerungen zur Ökonomie waren gefürchtet, denn niemand verstand sie.

Und jetzt? Können sich die Amerikaner vor lauter Selbstbefreiung kaum noch retten, ein regelrechtes Outing findet da gerade statt. "Die Welt, wie sie Greenspan sieht", titelt das Magazin Newsweek. "Das Orakel enthüllt Alles!" Der Fernsehsender CBS stellte dem 81 jährigen 60 Minuten seiner renommierten Sendung "60 Minutes" zur Verfügung. Interviews in allen großen Tageszeitungen, sogar zu Hause, ohne Krawatte, vor sich ein leeres Blatt Papier. Und natürlich Kommentare zu seinen Kommentaren - vor allem über Greenspans harte Kritik an Präsident Bush und den desaströsen Fehlern seiner Wirtschaftspolitik. Kein Wunder, denn Greenspan gilt als überzeugter Republikaner. Jetzt aber gesteht er selbst der Demokratin Hillary Clinton - Todfeindin eines jedes Republikaners zu, dass sie für den Job der US-Präsidentin "fraglos befähigt" sei. Der Mann, so scheint es, sagt wirklich, was er denkt.

Er hätte sich keine bessere Woche aussuchen können

Bei soviel Bush-Bashing aus berufenem Mund konnte auch das konservative "Wall Street Journal" nur noch hilflos kontern: "Greenspan kritisiert auch Demokraten!" Klar, der Mann hat ein Buch geschrieben. Halb ökonomischer Baedecker, halb Biographie. So wie sie eigentlich alle Memoiren schreiben, die ehemaligen Präsidenten, First Ladies, CIA-Chefs und Außenminister. Und sie sind mitnichten krönender Abschluss eines Lebens. Man schreibt sie, nachdem man aus einem öffentlichen Amt ausscheidet, füllt so die Schamfrist, bevor man dann auf den "circuit" geht, wie es in Washington heißt. Aufs überaus lukrative Vortrags-Karussell.

Memoiren bringen gewöhnlicherweise ziemlich viel Geld aufs Konto. Mit 8,5 Millionen Dollar Vorschuss für sein 500-Seiten-Werk, das auf Englisch "Zeitalter der Turbulenz" heißt, findet sich Dr. Greenspan dabei in guter Gesellschaft: In den vergangenen Jahren hat nur der von ihm so geschätzte Bill Clinton ("einer der intelligentesten Präsidenten, mit denen ich gearbeitet habe") eine gute Million Dollar mehr bekommen. Hillary musste sich mit ungefähr sechs Millionen begnügen, wie es heißt, der ehemalige CIA-Chef George Tenet soll gar "nur" vier Millionen bekommen haben, um sich für seine Rolle bei der Vorbereitung des Irak-Krieges zu rechtfertigen.

Schwindelerregende Honorare werden gezahlt, da soll es helfen, den Buchverkauf mit flächendeckenden PR-Kampagnen ordentlich anzukurbeln. Fernsehauftritte, Interviews, Signierstunden. Und Greenspan hätte sich keine bessere Woche aussuchen können: Fallende Preise auf dem Häusermarkt. Die platzende "Immobilienmarkt-Blase". Angst vor einer Rezession in den USA. Gespanntes Warten auf eine Zinsentscheidung der Fed unter Greenspans Nachfolger Ben Bernanke. Da drängten sich Aberhunderte auf Greenspans ausgesuchten Lesungen in New York und im - eher linken - Buchladen "Politics and Prose" in Washington. Und was wollten sie hören? Eine Prognose über die Zukunft. Doch die strengen Zerberusse des Verlages gestatteten maximal zehn Minuten Fragezeit. Ein bisschen Ökonomie, ein bisschen Politik, Anekdoten eines wunderbar amerikanischen Lebens. Der ehemalige Jazzmusiker, der Mann mit dem Morgenritual in der Badewanne, der Liebhaber "starker Frauen", wie er sagt. Und als Höhepunkt in dieser Woche gar ein Life- Gespräch mit einer ziemlich berühmten Reporterin des TV-Senders NBC. Sie heißt Andrea Mitchell. Und ist Greenspans Frau. Ja, es ist die Frau, die mehrere seiner insgesamt fünf Heiratsanträge nicht verstand, weil sie so kompliziert formuliert waren.

Im Prinzip sind Vorhersagen bedeutungslos

"Greenspanomania" allenthalben. Und den Amerikanern präsentiert sich ein neugieriger, durchaus hintergründiger älterer Herr, dem seine neue Rolle als offenherziger Kritiker und politischer Philosoph offenbar gut gefällt. So sehr, dass er über die Zukunft auf dem Immobilienmarkt wahrhaftig eine ziemlich präzise Prognose erstellt: "Die Preise werden noch sehr viel tiefer fallen."

Da versuchten Experten rund um die Welt fast 20 Jahre lang verzweifelt, die kryptischen Äußerungen des obersten Zentralbankers zu verstehen. Seine aus Prinzip widersprüchlichen Prognosen klangen stets wie das Gestammel eines weltfremden, zahlenverliebten Intellektuellen. In Wahrheit, so erfährt man jetzt, feilte er jedes Mal penibel an seinen Sätzen: "Ich gab mich einer bewussten Verstümmelung der Syntax hin." Wählte jedes Wort peinlich genau, absichtlich missverständlich. Als ob er, oberster Vorhersager der Welt, dem Rest der Welt zeigen wollte: Im Prinzip sind alle Vorhersagen bedeutungslos. Und dass es dabei in Wahrheit auf einen wie ihn gar nicht ankommt. Noch nicht einmal auf ihn, das "Orakel" Dr. Alan Greenspan. Auf ihn, der sich bis heute einen "objektiven Beobachter" nennt. Und was sagt er? "Man kann vielleicht Wahrscheinlichkeiten aufstellen, eine grobe Richtung angeben. Alles andere liegt letztlich jenseits unserer Möglichkeiten."

Zweifel? Keine Spur.

In Wahrheit kommt es in der Welt des Alan Greenspan nämlich auf den Markt an. Der Kapitalismus ist der eigentliche Held seines Buches. Er lobt die Kraft der "kreativen Zerstörung", mit der Menschen stets nach Neuem streben. Preist die Macht der "unsichtbaren Hand" des alten Adam Smith, der glaubte, dass das eigennützige Streben der Menschen zum Wohl der gesamten Gesellschaft beiträgt. Und warum? Greenspan hat die Antwort: Es ist die Natur des Menschen! Egoistisch seien wir nun mal, sagt er, handelten stets nach Eigennutz. "Wir haben keine Alternative!", eiferte er im Interview mit den Reportern des stern. "Sonst wird die menschliche Spezies nicht überleben".

Der ewige Überlebenskampf der Spezies Mensch, das klingt nach Darwin, für ihn aber ist es der ultimative Beweis: Der Kapitalismus ist die passende Wirtschaftsform für uns. Was sind wir? Egoisten von Natur aus. Sagt's und lächelt gütig wie ein netter Opa. Zweifel? Keine Spur.

Er blickt in die Zukunft, die gestaltet er nach kapitalistischem Prinzip. Hat vor zwei Jahren eine Beratungsfirma gegründet, auch die Deutsche Bank gehört zu seinen Kunden. Er hält Vorträge vor ausgesuchtem Publikum, die vornehm "Gespräche mit Alan Greenspan" heißen. Keine Presse, keine Aufnahmegeräte, alles strikt vertraulich. Es heißt, sein Honorar pro Auftritt betrage mindestens 100.000 Dollar. Und was wollen die Gäste von ihm hören? Prognosen. Ganz und gar eigennützig.


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