Weltbank Bush nominiert Wolfowitz


Der besonders in Europa umstrittene Pentagon-Vize Paul Wolfowitz soll nach dem Willen von George W. Bush Präsident der Weltbank werden. Von dem Falken der US-Regierung wird eine Führung "mit eiserner Faust" erwartet.

US-Präsident George W. Bush nennt Paul Wolfowitz meistens "Wolfie". Das klingt niedlich, aber auch Freunde des bisherigen Vize-Pentagonchefs räumen ein: Mit "Wolfie" ist nicht zu spaßen. Der 61-Jährige, der nach dem Willen von Bush nun an die Spitze der Weltbank rücken soll, gilt als einer der größten Falken der US-Regierung, als Zentrum eines intellektuellen Zirkels neokonservativer Politiker, ein Mann, der Kompromisse scheut und kein Blatt vor den Mund nimmt.

"Superhirn" der US-Regierung

Zugleich ist Wolfowitz als äußerst brillanter Kopf bekannt. Viele halten ihn sogar für das bisherige absolute "Superhirn" der US-Regierung, einen hochintelligenten strategischen Denker, der Ziele konkret anpeilt, wenn andere noch nicht einmal daran denken. So soll es auch im Fall Irak gewesen sein. Wolfowitz gilt als "Vater" des Krieges zur Entmachtung von Diktator Saddam Hussein und hat den Waffengang nach Angaben aus seiner Umgebung schon lange Jahre vor Bush ins Auge gefasst. Auch seine Gegner, die ihn als "schärfsten der Scharfmacher der Bush-Administration" einstufen, können manchmal ihre Bewunderung für diesen Mann nicht verbergen, der es im Laufe seiner Karriere bisher fast immer geschafft hat, das zu erhalten, was er will.

Vielleicht liegt es daran, dass sich die politische Härte von Wolfowitz hinter einem fast schüchtern wirkenden Auftreten verbirgt. Wolfowitz hat Charme, er zeigt sich meistens als ruhiger, nachdenklicher Analytiker und spricht fast immer mit leiser, sanfter Stimme - auch dann, wenn er wie häufig in der Vergangenheit im Auftrag von Bush unangenehme und undiplomatische Botschaften übermittelt, die der Präsident selbst nicht aussprechen will. So war es beispielsweise Wolfowitz, der seinerzeit knallhart sagte, dass sich Firmen aus Staaten der Anti-Irakkriegskoalition keine Hoffnung auf eine Beteiligung am Wiederaufbau des Irak machen könnten.

Wolfowitz ist Sohn eines polnischen Juden, der 1920 aus dem russisch besetzten Warschau in die USA flüchtete. Viele seiner in Europa gebliebenen Verwandten fielen dem Holocaust zum Opfer, und die frühen Erfahrungen mit den furchtbaren Auswirkungen totalitärer Regime erwiesen sich als prägend. Schon frühzeitig in seiner politischen Karriere war Wolfowitz von dem Gedanken beseelt, der möglichen Bedrohung durch Diktatoren durch vorbeugende Schläge zu begegnen. Folglich sah er auch in Saddam Hussein eine teuflische Gefahr für die USA, den gesamten Nahen Osten und insbesondere Israel.

Bedeutende Posten im Außenministerium und im Pentagon

Beruflich verschrieb sich Wolfowitz zunächst wie sein Vater der Mathematik und wechselte dann in die Politikwissenschaft. Nach Erwerb seines Doktortitels und dreijähriger Lehrtätigkeit an der Yale- Universität siedelte er dann in die US-Behörde für Rüstungskontrolle über. Danach folgten zunehmend bedeutende Posten im Außenministerium, im Pentagon und im Ausland, wo sich Wolfowitz unter anderem weit reichende Asien-Kenntnisse erwarb, etwa als Botschafter in Indonesien in den achtziger Jahren. 2001 rückte Wolfowitz zum Stellvertreter von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld auf. Zusammen mit seinem Chef steuert Wolfowitz einen Riesenapparat: Das Pentagon ist mit 700 000 zivilen Angestellten das größte US-Ministerium, und hinzu kommen die 1,3 Millionen Uniformierten. Die Management-Erfahrung wird Wolfowitz nach Einschätzung von Experten besonders zugute kommen, wenn er Weltbank-Präsident wird.

In liberalen Kreisen der Weltbank-Beschäftigten in Washington löste die Nachricht der Nominierung von Wolfowitz als Nachfolger des Ende Mai ausscheidenden James Wolfensohn unterdessen wenig Begeisterung aus. Hatte Wolfensohn nach Einschätzung von Experten versucht, der Weltbank durch eine Ausweitung der Schwerpunkte auf Entwicklung und Umwelt ein humaneres Gesicht zu geben, wird von Wolfowitz eine Führung "mit eiserner Faust" erwartet.

Die Fraktionschefin der oppositionellen US-Demokraten, Nancy Pelosi, erklärte, die Entscheidung für Wolfowitz sei schwer zu verstehen. Sie sehe bei ihm keinerlei Einsatz für die Vorstellungen der Weltbank. Der Direktor der Hilfsorganisation Oxfam International, Bernice Romero, sagte, es sei wichtig, dass sich die Weltbank auch unter ihrem neuen Chef weiter für die Bekämpfung der Armut einsetze. Die unter Wolfensohn begonnene Entwicklung zu einer Ausgabensteigerung bei Bildung und Gesundheit dürfe nicht gestoppt werden.

Die rot-grüne Koalition hatte bereits Anfang des Monats Bedenken gegen Wolfowitz geäußert. Der außenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag, Fritz Kuhn, sagte dem Tagesspiegel: "Das Vertrauen in die Weltbank würde man sicherlich nicht stärken, wenn man einen ausgewiesenen Neokonservativen nominieren würde." Die Glaubwürdigkeit von IWF und Weltbank hänge davon ab, dass ein Kandidat sowohl bei den reichen Industrieländern als auch bei Schwellen- und Entwicklungsländern Akzeptanz finde. Als weitere Kandidaten für den Weltbank-Chefposten galten bis zuletzt die Ex-Chefin des US-Computerkonzerns Hewlett Packard, Carly Fiorina, und Arbeitsministerin Elaine Chao.

Größter Kreditgeber für Entwicklungsprojekte

Die in Washington ansässige Weltbank ist der größte Kreditgeber für Entwicklungsprojekte weltweit. Sie vergibt langfristige Darlehen an Länder und soll den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt ihrer weniger entwickelten Mitgliedstaaten fördern. Die USA schlagen traditionell den Präsidenten der Weltbank und Europa den Chef des Internationalen Währungsfonds vor.

DPA/Reuters DPA Reuters

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