VG-Wort Pixel

US-Wahl 2020 Wiederholt sich die Überraschung von 2016? Was Umfragen über die Präsidentschaftswahl verraten

Wie vor vier Jahren liegt Donald Trump in den Umfragen zurück – und dennoch gewann er damals. Könnte sich 2016 wiederholen? Auszuschließen ist das nicht, allerdings ist vieles anders als bei der vergangenen Präsidentschaftswahl.

Zu diesem Zeitpunkt vor vier Jahren schien Donald Trump erledigt zu sein. Das "Access-Hollywood-Tape", auf dem der Kandidat erzählt, dass er als Promi jeder Frau zwischen die Beine greifen könne, hatte seine Wirkung entfaltet: Die Menschen waren entsetzt. Hatte er kurz zuvor in den Umfragen seine Kontrahentin Hillary Clinton fast eingeholt, ging es nun wieder bergab für ihn. Teilweise mehr als zehn Prozentpunkte lag er plötzlich hinter der Demokratin – die Wahl ging dennoch zu seinen Gunsten aus.

Mehr als zehn Prozentpunkte ist auch der Vorsprung, den Trumps Gegner Joe Biden aktuell hat. Trump und seine Anhänger hoffen darauf, dass die Umfragen danebenliegen oder dass es wie 2016 wieder eine überraschende Wende geben wird. Doch der Blick auf Details enthüllt eine etwas andere Lage – eine, die dem US-Präsidenten und seinen Leuten nicht gefallen dürfte. Auch wenn für ihn die herkömmlichen Politgesetze nicht zu gelten scheinen, schwinden seine Erfolgschancen derzeit. Wahlstatistiker wie Nate Silver haben ausgerechnet, dass er nur in 14 von 100 Szenarien die Abstimmung für sich entscheiden kann.

Biden liegt in Swing States klar vor Trump

Die Swing-States: US-Präsidentschaftswahlen entscheiden sich in den so genannten Battleground-States. Im US-Wahlsystem gilt es, die meisten Stimmen in einzelnen Bundesstaaten und damit die dortigen Wahlleute zu gewinnen. Florida, Pennsylvania, Ohio und North Carolina zählen traditionell zu den umkämpften Staaten. Auch dieses Jahr gilt: Wer am 3. November als Sieger aus dem Rennen hervorgehen will, sollte mindestens drei der vier genannten Staaten gewinnen. Etwa Pennsylvania: 2016 holte Trump dort rund 43.000 Stimmen mehr als Clinton – bei rund sechs Millionen abgegebenen Stimmen. 

Obwohl Donald Trump dort in den ländlichen Gebieten immer noch beliebt ist, hat ihn Joe Biden in den Umfragen abhängt. Der Demokrat wird hier, anders als Hillary Clinton, schon allein deswegen gemocht, weil er selbst aus dem industriell geprägten Bundesstaat stammt. Auch in fast allen anderen Battleground States rangiert Biden als Herausforderer vor dem Amtsinhaber: In Wisconsin und Michigan zwischen fünf und sieben, im wichtigen Florida knapp vier, in North Carolina 1,4 und in Ohio hauchzarte 0,6 Prozentpunkte. Selbst in eigentlich konservativen Hochburgen wie Georgia könnte es dieses Jahr eng werden für den Republikaner. Kurzum: In den wahlentscheidenden Staaten sieht es derzeit nicht gut aus für Donald Trump.

Die Wählergruppen. Auch hier hat US-Präsident Nachholbedarf: Vor vier Jahren waren es neben den Älteren vor allem weiße Männer ohne Collegeausbildung (in Deutschland am ehesten vergleichbar mit Männern mit mittlerem Schulabschluss), die Trump gewählt haben. Doch bei diesen Wählergruppen verliert Trump zunehmend – und zwar zur gleichen Zeit, in der Biden bei den wahlentscheidenden Gruppen wie Frauen zulegen kann. Auch in eher Republikaner-freundlichen Umfragen liegt der Anteil weiblicher Trump-Wähler teilweise bis zu 20 Prozentpunkte hinter den männlichen Anhängern. 2016 hatten noch deutlich mehr Frauen den jetzigen US-Präsidenten gewählt. Ähnliches gilt auch für schwarze Wähler.

Joe Biden. Wie gesagt: In den USA ist es nicht entscheidend, welcher Kandidat landesweit die meisten Stimmen holt, sondern wer die meisten Wahlleute aus den Bundesstaaten zugeschlagen bekommt. Und doch macht ein Blick auf die durchschnittlichen Beliebtheitswerte weitere Unterschiede zu 2016 deutlich. Damals wie heute liegt der jeweilige demokratische Kandidat in den Umfragen vor Donald Trump. Während Joe Biden jedoch konstant und seit Beginn seiner Kandidatur deutlich in Führung lag, war Hillary Clintons Kurve ein ständiges Auf und Ab. Fünf Mal zwischen Anfang 2016 und der Wahl im November lag sie mit dem Republikaner auf Augenhöhe, einmal konnte er sie sogar für einige Tage als Wunschkandidat der Amerikaner für das Weiße Haus hinter sich lassen. Anders gesagt: Hillary Clinton war nie annähernd so beliebt wie es Joe Biden jetzt ist.

Trumps Politik. Die Zustimmungsraten zur Politik des Präsidenten sind wie ein langer ruhiger Fluss. Seit Amtsantritt unterstützen stets um die 40 Prozent der Amerikaner seinen Kurs – ein für US-Präsidenten nicht unbedingt hoher, aber ein erstaunlich konstanter Wert. Genau das aber wird für Trump gerade zum Problem: Denn diese Zustimmungsrate, aktuell sind es 44,5 Prozent, reicht nicht, um wiedergewählt zu werden. Konnte der US-Präsident bis Anfang des Jahres mit der Wirtschaft punkten, hat ihm die Corona-Pandemie diesen großen Trumpf aus der Hand genommen. Überhaupt lasten ihm viele Amerikaner die desaströse Virusbekämpfung persönlich an – erst recht, seitdem bekannt geworden ist, dass er sich selbst infiziert hat. 

Gibt es den "scheuen Trump-Wähler"?

Bis zur Wahl sind es noch drei Wochen und erst dann wird sich entscheiden, wen die Amerikaner als nächsten Präsidenten haben wollen. Möglicherweise gibt es den so genannten "scheuen Trump-Wahler" tatsächlich, der in Umfragen seine echte Wahlabsicht verheimlicht und am Wahltag für eine Überraschung sorgt. Nach aktuellem Stand aber spricht alles dafür, dass es der Amtsinhaber auf regulärem Weg eher schwer haben wird, wiedergewählt zu werden. 

Quellen: RealClearPolitics, FiveThirtyEight, Rutgers, "The Economist", US Election Atlas, Tagesschau


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker