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"Die Welt verstehen": Was ist eigentlich Putins Rolle im Syrien-Krieg?

Russland ist das größte Land der Erde und will auch das mächtigste sein. Deshalb braucht Kremlchef Wladimir Putin den Krieg in Syrien. Das Schicksal des Landes schien allein in den Händen der autoritär regierten Staaten. Doch dann griff Trump ein.

Wladimir Putin

Wladimir Putin nutzt Krieg als taktisches Mittel

"Wenn die grausame Zerstörung so weitergeht, könnte der Osten Aleppos in zwei Monaten komplett zerstört sein", sagte der UN-Syrien-Gesandte Staffan de Mistura im Oktober vergangenen Jahres. Im Dezember 2016 war Aleppo tatsächlich ein Trümmerfeld und tausende Zivilisten tot. Die Ausradierung großer Teile Aleppos, Streubomben-Angriffe, die Bombardierung von Krankenhäusern: Die militärische Strategie Moskaus nimmt keine Rücksicht auf Zivilisten oder Genfer Kriegs-Konventionen.

Krieg ist ein Mittel von Putins Außenpolitik. Vor dem Eingreifen in Syrien hatte Moskau seit dem Afghanistan-Krieg kein Gebiet außerhalb der Ex-Sowjetunion angegriffen. In Syrien bombte sich Russland, so die Sicht Putins, wieder zur Großmacht: Durch die russische Luftunterstützung fiel im Dezember vergangenen Jahres Ost-Aleppo zurück in die Hände des Regimes in Damaskus. Und es war auch Russland, das mit der Türkei und dem Iran danach den (brüchigen) Waffenstillstand verhandelte. Der Westen war nicht beteiligt. Das Schicksal Syriens und damit Assads schien – bis zum Eingreifen Trumps in dieser Woche – allein in den Händen der drei autoritär regierten Staaten. Putins Strategie hat jedoch eine Sollbruchstelle: eben diesen Diktator Bashar al-Assad.

Für Russland ist Syrien heiliges Land

Um seinem Land zu alter Größe zu verhelfen, glaubt Russlands Präsident offenbar, auf den kriminellen Staatschef eines mittelgroßen Drittweltlandes angewiesen zu sein. Noch dazu auf einen, auf den sich Russland kaum verlassen kann. Weil Assad keinerlei Interesse an einer Verhandlungslösung hat, die letztlich aber die Voraussetzung für ein erfolgreiches Ende der russischen Kampagne in Syrien wäre. Auch militärisch ist Assad ein schwacher Partner. Die syrische Armee sei ein "halb verrottetes Gebilde", schrieb der russische Oberst Michail Chodarjonok unlängst in einer Analyse für die russische Webseite Gazeta.ru. "Es ist unmöglich, mit so einem Verbündeten einen Krieg zu gewinnen." Doch solche Warnungen werden in Russland von dumpfen Blut-und-Boden-Parolen übertönt. "Syrien ist unsere Erde", erklärte der Politologe und russische Nahostexperte Semjon Bagdassarow kurz nach Beginn der russischen Intervention im September 2015 in einem Fernsehinterview. "Von dort kommt unsere Zivilisation." Heilig sei das Land für die Russen. Russische Kirchenführer sprachen gar von einem "heiligen Krieg".


Die wahren Gründe für den Feldzug dürften weit profaner sein. Und auch ambitionierter: Russland will wieder Weltmacht sein. Keine Regionalmacht mehr. Als die hatte Barack Obama das größte Land der Erde 2014 verspottet. Der Wunsch nach Vergeltung ist seit Langem wichtiges Triebmittel für die russische Außenpolitik: Der Präsident fühlt sich gedemütigt, missverstanden, ungeliebt. Mit dem Eingreifen der Amerikaner sieht sich der russischen Präsident nun einer schwierigen Situation gegenüber: Um seinen Partner Bashar al-Assad weiter zu stützen, wird er den aufwendigen Militäreinsatz weiter aufrecht erhalten müssen.

Doch eine Realität ist auch: Der gesamte russische Haushalt ist kleiner als allein das US-amerikanische Militärbudget, das Trump sogar noch weiter anheben will. Angesichts der seit Jahren schwelenden russischen Wirtschaftskrise schlägt die Syrien-Operation schon jetzt empfindlich zu Buche – zusätzlich zu den Ausgaben für die Krim, zu den Kosten der Sanktionen des Westens und zum Unterhalt des ostukrainischen Donbass. Schon das erste Kriegsjahr an Assads Seite kostete etwas weniger als eine Milliarde Euro. Russland hat sich in einen Militäreinsatz mit ungewissem Ausgang verstrickt. Bisher hat Putin – um die Unterstützung seiner Bevölkerung nicht zu verlieren – schnelle Fortschritte gesucht, auch um den Preis exzessiver Brutalität. Es bleibt abzuwarten, ob das seine Strategie bleiben wird.