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COP26-Zwischenbilanz Der Weltklimagipfel steuert auf 1,8 Grad Erwärmung zu – und erste Versprechen werden aufgeweicht

Aktivisten in Glasgow: COP26 act now
Die Anforderung an die Weltklimakonferenz: "Handelt jetzt!"
© Peter Summers / Getty Images
Versprechen, Ankündungen, Vorhaben: Nach einer Woche liegt der Weltklimagipfel auf Kurs in Richtung einer globalen Erwärmung von 1,8 Grad im Vergleich zu vorindustrieller Zeit. Ein Fortschritt, heißt es, doch schon gibt es Relativierungen.

Eine Woche voller Ankündigungen auf dem Weltklimagipfel ist vorbei, eine weitere folgt. Erst am kommenden Freitag oder – wie bei den meisten Gipfeln der Vergangenheit – nach Überstunden am kommenden Samstag müssen die Delegierten Ergebnisse vorlegen. Nimmt man die diversen bisher in Glasgow Versprechungen der Staaten zusammen, würde dies auf eine Erderwärmung um 1,8 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit hinauslaufen. Das zumindest hat die Internationale Energieagentur errechnet.

Neue Analysen der Agentur zeigten, dass der Pakt zur Reduktion des klimaschädlichen Treibhausgases Methan und die neuen Netto-Null-Ziele auf diesen Wert hinauslaufen würden, erklärte der Chef der Behörde, Fatih Birol, in Glasgow. "Das ist ein großer Schritt nach vorne, aber es braucht noch viel mehr", schrieb Birol auf Twitter.

Nichts zu feiern, bevor Weg zu 1,5 Grad nicht gegangen wird

Als Ziel der COP26 gilt nach wie vor, das im Pariser Klimaabkommen festgeschriebene 1,5-Grad-Ziel im Rahmen des Möglichen zu halten. Die Staaten hatten sich seinerzeit verpflichtet, in Glasgow Bilanz zu ziehen und nachzusteuern. Klimaforschern zufolge reicht das weniger ambitionierte "Deutlich-unter-zwei-Grad"-Ziel nach neueren Erkenntnissen nicht mehr aus, um katastrophale Schäden abzuwenden. Vor der COP hatten die Vereinten Nationen Alarm geschlagen: Demnach führten die bisher existierenden Pläne der Staaten die Welt zu einer Erderhitzung von 2,7 Grad. Welche Auswirkungen eine solches Aufheizen der Welt haben würde, lässt sich laut Experten kaum abschätzen.

Selwin Hart von den Vereinten Nationen warnte, es sei noch immer ein "sehr langer Weg" nötig, um das 1,5-Grad-Ziel zu schaffen. "Wir können nicht feiern, bevor wir den Weg nicht gegangen sind. Ich fordere alle auf, weiter zu kämpfen." Greenpeace wies darauf hin, dass die Berechnungen auf Versprechen beruhten, bei denen alles andere als klar sei, ob diese auch eingehalten würden. So hätten Länder wie Saudi-Arabien noch keine konkreten Maßnahmen für ihre Ziele auf den Weg gebracht, sagte der Leiter der Greenpeace-Delegation Juan Pablo Orsornio. "Das ist, als wenn ich sage, ich laufe irgendwann einen Marathon, dann aber nie trainiere und Leuten trotzdem erzähle, ich sei ein Marathonläufer."

Stopp der Entwaldung: Indonesien relativiert bereits

Wie zum Beweis hat Indonesien nur zwei Tage nach der Einigung zahlreicher Staaten auf ein Abkommen zum Entwaldungsstopp bis 2030 die Tragweite der Vereinbarung relativiert. Das Abkommen als Vereinbarung über einen vollständigen Entwaldungsstopp zu beschreiben, sei "falsch und irreführend", erklärte Indonesiens Vize-Außenminister Mahendra Siregar bereits am Donnerstag. Die Umweltministerin des Landes, Siti Nurbaya Bakar, erklärte, es sei "eindeutig unangemessen und unfair", Indonesien zum vollständigen  Stopp der Entwaldung bis 2030 zu "zwingen".

Die Erklärung zum besseren Schutz von Wäldern war am Dienstag unterzeichnet worden. Mehr als hundert Staaten, darunter auch Indonesien, schlossen sich der Erklärung an. Es gebe verschiedene Definitionen für Entwaldung, sagte Umweltministerin Bakar. Klimaschutz-Vereinbarungen dürften sich zudem nicht negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirken. Die "massive Entwicklung" Indonesiens unter Präsident Joko Widodo dürfe nicht "im Namen der CO2-Emissionen oder der Entwaldung gestoppt" werden, betonte sie.

Kohleausstieg: Wichtige Länder fehlen bei neuen Allianzen

Auch was die großen Versprechungen zum Ausstieg aus der Kohleverstromung angeht, gibt es erhebliche Zweifel an der Wirksamkeit. Zwar wollen mehr als 40 Länder in den 2030er- oder spätestens 2040er-Jahren aussteigen – 23 dieser Staaten bekennen sich zum ersten Mal zu einem solchen Schritt –, doch zur Wahrheit gehört auch: Großemittenten wie China und die USA, aber auch Indien oder Australien sind nicht dabei. Der Jubel von Gipfel-Präsident Alok Sharma ("Das Ende der Kohle ist in Sicht") dürfte daher verfrüht sein. Nach wie vor ist die Energiegewinnung durch Kohle der größte Einzelfaktor für die Erderwärmung.

Von Greenpeace kam Kritik an den Kohle-Versprechungen: "Das Kleingedruckte scheint den Ländern erheblichen Spielraum zu geben, um ihr eigenes Ausstiegsdatum zu wählen, trotz der schillernden Überschrift", sagte Delegationsleiter Osornion der BBC. Ländern drohen bislang keine Sanktionen, wenn sie ihre Absichtserklärungen nicht einhalten. Immerhin: Deutschland liegt mit seinen Plänen im Zeitplan der Allianz - sowohl mit dem von den potenziellen Ampel-Koalitionspartnern für 2030 angepeilten vorgezogenen Kohleausstieg als auch mit dem bislang beschlossenen bis spätestens 2038.

"Wir müssen dekarbonisieren!"

Bei einer anderen Kohle-Allianz ist die Bundesrepublik dagegen nicht an Bord: Darin bekennen sich 25 Länder und mehrere Banken dazu, die Finanzierung fossiler Brennstoffe bis Ende 2022 zu beenden und stattdessen in grüne Energien zu investieren. Dieses Abkommen haben auch die USA unterzeichnet. Weshalb Deutschland nicht beigetreten ist, blieb unklar. Das Bundesumweltministerium teilte dazu lediglich mit, dass sich die Bundesregierung "noch über den Beitritt zur Erklärung" abstimme.

Dass es bei den Bemühungen um das Erreichen des 1,5-Grad-Zieles nicht um bloße Zahlen hinter dem Komma geht, brachte Aminath Shauna auf den Punkt: "Der Unterschied zwischen 1,5 und zwei Grad ist für Länder wie die Malediven ein Todesurteil", sagte die Umweltministerin der Inselgruppe. Er appellierte eindringlich: "Wir müssen dekarbonisieren."

dho DPA AFP

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