VG-Wort Pixel

Zypern und die Schuldenkrise Aufruhr im Bankenparadies


Zypern muss sein Geschäftsmodell aufgeben. Die Eurogruppe betrachtet das Vorgehen als Blaupause für andere Staaten mit aufgeblähter Bankenlandschaft. Malta und Luxemburg kriegen das Zittern.
Von Thomas Schmoll

Der Poker um Zypern hat sich in das Gedächtnis von Maltas Finanzminister Edward Scicluna als Erlebnis voller Qualen eingebrannt, als eine Nacht der langen Messer, in der verbale Drohungen als Waffen eingesetzt wurden. "Beinahe zehn lange Stunden" dauerte es, bis "Körper und Seele" seines Kollegen aus Nikosia "ausgelaugt waren" und dieser zustimmte, Sparer mit Konten auf der Insel zur Kasse zu bitten. Michalis Sarris war, so beschrieb es der Malteser wenige Tage später, "mit einer Pistole am Kopf natürlich ungewöhnlich kooperativ".

Scicluna ist erst seit dem 13. März im Amt, also ein Neuling im Kreise der Euroretter, was der Grund für seine ungewöhnliche Offenheit sein dürfte. In einem Beitrag für die "Times of Malta" gestand er: "Es gibt nichts Unwürdigeres als der Anblick einer bankrotten Person, die um Hilfe bettelt." Der Minister offenbarte in dem Gastbeitrag auch, was ihm am Ende der Verhandlungen durch den Kopf ging: "Von so einer Erfahrung möchte man nicht träumen, geschweige denn, sie erleben."

Um ganz sicher zu sein, niemals im Kreis der anderen Finanzminister als Bettler dazustehen, sollte sich Scicluna den Rat von Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem zu Herzen nehmen: "Stärkt Eure Banken, repariert die Bilanzen und seid Euch im Klaren darüber, wenn Banken in Probleme geraten, kommen wir nicht automatisch, um sie zu lösen. Klärt das, bevor es zu Schwierigkeiten kommt." Hinter dem Hinweis steckt auch eine eindeutige Warnung: Ein Land mit aufgeblähter Bankenlandschaft muss davon ausgehen, dass es im Fall finanzieller Not wie Zypern dazu gezwungen wird, Anleger mit Riesensummen auf dem Konto zu schröpfen.

Auch wenn Dijsselbloem sich später bemühte, seine Aussagen zu relativieren, dürfte die Botschaft angekommen sein - und das nicht nur in Malta, sondern auch in Luxemburg und Irland. Auch dort spielt die Finanzbranche eine zentrale Rolle. Und genau das haben die Finanzminister der Eurozone im Fall Zyperns als nicht tragfähiges Geschäftsmodell betrachtet. Zypern hat die Risiken aufgezeigt. Droht der Untergang von Banken, sind die heimischen Mitbewerber oder der Staat nicht einmal ansatzweise in der Lage, zumindest die 100.000 Euro zu sichern, die jedem Sparer rechtlich garantiert werden.

Luxemburg ist kein Steuerparadies, Malta schon eher

Nicht erst seit Dijsselbloems verkappter Drohung haben zwei Wörter aus dem Vokabular der Euroretter absolute Hochkonjunktur: "Einzelfall" und "Sonderfall". Kein Statement, keine Rede, keine Pressekonferenz kommt ohne die zwei Begriffe aus. Manchmal werden sie noch durch einen Zusatz verschärft. Zypern? Ein absoluter Einzelfall. Die Beteiligung der Kontoinhaber an einer Bankenrettung? Definitiv ein Sonderfall. Doch Beobachter der Schuldenkrise wissen: Wann immer von einem Einzel- oder Sonderfall gesprochen wird, ist Gefahr im Verzug. Dann schrillen irgendwo Alarmglocken. In Luxemburg und Malta schlagen sie seit einer Woche. Irland ist längst dabei, seine Banken zu schrumpfen.

Wenn Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn neuerdings von Kritik am "Geschäftsmodell Zyperns" hört oder liest, kriegt er die Krise. "Ich kann das Wort 'Geschäftsmodell' sehr schwer ertragen", sagte er jüngst. "Ich komme auch aus einem ganz kleinen Land, da ist nicht nur der Bankplatz überdimensioniert, sondern auch die Satellitenindustrie zum Beispiel." Zypern habe "ganz legal" über Jahrzehnte etwas aufgebaut, das "man im Prinzip jetzt nicht herabwürdigen" sollte. Die lobenden Worte für Zypern erstaunen nicht, wenn man sich vor Augen führt, dass die Finanzbranche, insbesondere natürlich die Banken - ausgewiesen durch ihre Bilanzsumme - das Zwanzigfache der Wirtschaftsleistung Luxemburgs generiert. Doch diese Kennziffer taugt aus Sicht des Großherzogtums nicht als Kriterium für die "Verhältnismäßigkeit eines Finanzsektors".

In der Tat gibt es einen wesentlichen Unterschied: Das wirtschaftlich grundsolide Luxemburg bietet durchaus Steuervorteile für Unternehmen, wie das Beispiel Amazon zeigt, ist aber im Gegensatz zu Zypern keine Steueroase mit blinder Finanzaufsicht. Luxemburg setzt auf Stabilität und Seriosität. Zwielichtige Gestalten empfangen die Banken nicht mit offenen Armen. Es gibt weitere Unterschiede zu Zypern: Das Großherzogtum lockt nicht mit absurd hohen Zinsen und es verdient auch als Finanzdienstleister sein Geld. "Wir haben das Know-how, etwa um Kredite mit 100 beteiligten Banken zu koordinieren", sagte Bankenpräsident Ernst Wilhelm Contzen kürzlich dem "Handelsblatt".

Auch Slowenien muss handeln

Malta wiederum betrachten viele Experten als Steuerparadies, weil ausländische Unternehmen mit Niederlassungen auf der Insel ihre Steuerlast auf ein Minimum drücken können. Dazu zählen - man ahnt es schon - etliche Finanzunternehmen. Allerdings hält sich der winzige Inselstaat im Mittelmeer an alle EU-Regeln. Die Bilanzsummen der maltesischen Banken insgesamt machen rund das Achtfache der Wirtschaftsleistung aus - was den Wert Zyperns in dieser Statistik noch übersteigt. Malta ist stolz darauf, die Schuldenkrise besser als etliche andere Euroländer überstanden zu haben. Die Wirtschaft ist auf Wachstumskurs, die Arbeitslosigkeit mit sechs Prozent relativ gering, das Haushaltsdefizit im grünen Bereich. Und doch nennen Volkswirte Malta - ganz im Gegensatz zu Luxemburg, an dessen Bonität es bisher keine ansatzweisen Zweifel gibt - als Wackelkandidaten im Euroraum. Wichtiger Grund: die aufgeblähte Bankenlandschaft.

Der kleine Mittelmeerstaat ist für die gesamte Eurozone wirtschaftlich eher unbedeutend. Für den Erhalt des Währungsraums ist wesentlich entscheidender, dass Spanien seine Banken rasch und erfolgreich saniert. Die Finanzbranche des iberischen Landes "passt" größenmäßig zur übrigen Wirtschaft. Das Problem sind die Löcher in den Bilanzen als Folge der geplatzten Immobilienblase.

Und auch Slowenien muss handeln: Nach Feststellung des Internationalen Währungsfonds (IWF) stehen in den Büchern der Banken des Eurolandes etwa sieben Milliarden Euro an faulen Krediten - eine Summe, die 20 Prozent der Wirtschaftsleistung Sloweniens ausmacht. Das riecht durchaus nach Zypern.

Europa hat also insgesamt ein Problem mit den Banken. Aber: "Zypern war nun ein ganz besonderer Fall, das wusste jeder", sagt Finanzminister Wolfgang Schäuble. Die Kritik an ihm wegen seiner Haltung zu Luxemburg nennt er völlig unbegründet. Ob die Worte im Großherzogtum wie gewünscht ankommen, ist fraglich. Bankenpräsident Contzen erinnert Schäuble daran: "Es sagt ja auch niemand, dass die deutsche Autoindustrie im Vergleich zum Heimatmarkt überdimensioniert ist."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker