VG-Wort Pixel

"Anne Will" "Das ist keine Strategie, das sind Krücken" – Kopfschütteln vorm nächsten Lockdown

Anne Will und ihre Talkgäste am Vorabend des nächsten Corona-Gipfels in Berlin
"Hilft jetzt nur die Notbremse?“: Anne Will und ihre Talkgäste am Vorabend des nächsten Corona-Gipfels in Berlin
© NDR / Wolfgang Borrs
Während die ersten Flieger gen Mallorca abgehoben sind, sickern Details des kommenden Corona-Gipfels durch. Von Quarantäne für Reiserückkehrer, Schul- und Kitaschließungen und Ausgangssperren ist die Rede. Die Stimmung bei Anne Wills Gästen: zwischen angemüdet und erhitzt.

Impfstopp und Lieferschwierigkeiten, zu wenig Schnelltests, Impfzentrum, Hausärzte oder beides, so die chronisch zerfahrene Gemengelage. "Bürokratie, Impfdebakel und steigende Infektionszahlen – hilft jetzt nur die Notbremse?" lautete die Ausgangsfrage, die Talk-Gastgeberin Anne Will diesmal mit folgenden Gästen erörterte:

  • Manuela Schwesig (SPD, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern)
  • Wolfgang Kubicki (FDP, Bundestagsvizepräsident und stellvertretender Parteivorsitzender)
  • Janosch Dahmen (Bündnis 90/Die Grünen, Arzt und Bundestagsabgeordneter)
  • Ulrich Weigeldt (Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands e.V.)
  • Samiha Shafy (Redakteurin im Politik-Ressort der "Zeit")

"Mutanten auf Mallorca" – das ist weder ein Film mit Tom Gerhardt, der es einst nicht in die Kinos geschafft hat, noch die Bildunterschrift eines Fotos von einem der vollbesetzten Ferienflieger, die am Wochenende erste Kohorten Richtung Ballermann transportierten. Vielmehr ist es für Manuela Schwesig – und nicht nur sie – ein Aspekt, der den Wegfall der Reisebeschränkungen so fragwürdig macht: Warum ist der Aufenthalt im eigenen Ferienhaus vor Ort in Mecklenburg-Vorpommern untersagt, der Urlaub dort, wo mit der brasilianischen Mutante eine der schwersten überhaupt umgeht, auf Mallorca nämlich, jedoch plötzlich wieder möglich?

"Alles wieder zumachen"

Eine Frage, die umso berechtigter ist, da mit eventuellen Ausgangssperren und einer Lockdown-Verlängerung bis 18. April die nächste Notbremse unmittelbar bevorsteht. Für Janosch Dahmen von Bündnis 90/Die Grünen, Bundestagsabgeordneter und bis vor wenigen Monaten noch Notarzt bei der Berliner Feuerwehr, eine Entscheidung, die längst nicht konsequent genug ist: "Zu langsam, zu spät, zu zögerlich ist ein schlechter Berater", so Dahmen, der schnell auf Betriebstemperatur ist, und für den nur noch hartes Durchgreifen infrage kommt. Masken, Schnelltests, eine funktionierende Corona-App, all das sei im zwölften Monat der Pandemie immer noch nicht flächendeckend gewährleistet.

"Wenn wir nicht anfangen, konsequent und zielgerichtet zu handeln, werden wir nicht gewinnen", so Dahmen. Sollte es bei den derzeitigen Beschlüssen bleiben, sei das Ganze ein "ein Zug, der vor die Wand rollt". Seine Konsequenz: "Alles wieder zumachen – auch Baumärkte und Friseure. Schulen und Kitas sollten nur öffnen, wenn ausreichend Tests verfügbar sind und die Kontaktnachverfolgung gewährleistet ist."

Wolfgang Kubicki sieht derlei Forderungen kritisch: "Flächendeckende Ausgangssperren sind rechtswidrig." Die gestiegenen Inzidenzwerte seien auf die Mehrzahl an Testungen zurückzuführen. Eine Aussage, dem sich ein kurzes Ping-Pong mit Drittel-, Viertel-, Sonstwas-Anteilen zwischen Dahmen und Kubicki anschloss, dem man nur schwer folgen konnte. Ob es an den diffusen Zahlen lag oder dem latent abgerockten Verarbeitungspotential solcher Argumentationen, lässt sich schwer sagen.

Sehen Sie im Video: Kanzleramt will Lockdown bis 18. April verlängern und verschärfen.

Eine Radfahrerin fährt am Morgen am Bundeskanzleramt vorbei

Verwunderung über das Verblassen deutscher Effektivität

So ein bisschen geht es vielen Menschen wohl wie Samiha Shafy, Politik-Redakteurin der "Zeit", die bis Oktober 2020 noch in New York gelebt hat, und in dieser Runde ihren subjektiven USA/Deutschland-Vergleich lieferte. Anfangs hätte sie aus der Ferne noch neidisch auf das Corona-Management in der deutschen Heimat geschaut, mittlerweile sei da nur noch Verwunderung über das Verblassen deutscher Effektivität. "Ich war erstaunt und auch enttäuscht, das war alles mutlos, kopflos, konfus. Und dann werden Lockerungen angekündigt, während die dritte Welle anrollt." Ihre Meinung zur nächsten Notbremse: "Das ist keine Strategie, das sind Krücken. Wir müssen groß denken, nicht nur auf uns, sondern auf die Welt schauen, und alle impfen."

Eine Frau sonnt sich im Bikini auf einer blauen Strandliege mit dicker roter Auflage

Über das effektivste Mittel im Kampf gegen Covid-19  – Impfen, Impfen und nochmals Impfen – herrscht Einigkeit unter den Gästen, die Logistik jedoch treibt einem wie Ulrich Weigeldt, Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbands e.V., Furchen der Ratlosigkeit ins Gesicht. Die Bevölkerung halte das nicht viel länger durch, umso offensichtlicher seine Frage: "Warum legt man nicht sofort los? Warum muss man 40 Kilometer bis ins nächste Imfpzentrum fahren, wenn der Hausarzt seine Praxis um die Ecke hat und dort impfen könnte?".

So nachvollziehbar diese Frage ist, so ernüchternd die Zahlen: Etwa eine Million Imfpdosen sollen zunächst auf die Hausärzte verteilt werden, das sind etwa 20 Dosen pro Praxis. Vom "24/7-Modus", den Dahmen einfordert, ist das noch ein gutes Stück entfernt. Was für ihn jetzt passieren muss? "Wir müssen jetzt Tempo machen, auf Alltagsstrukturen setzen, weg vom Bürokratismus." Und natürlich, siehe oben: Erstmal alles dichtmachen.

Ob das juristisch haltbar wäre, sieht nicht nur Kubicki kritisch: "Wir wissen nichts, wir vermuten nur. Auf solcher Basis Grundrechte so massiv zu beschränken, ist nicht tragbar." Und der nächste Lockdown? "Der bringt uns nicht weiter". 

Fazit der Runde: Wenig Neues, ein bisschen Feuer unterm Dahmschen Kessel, das übliche "Wir in Mecklenburg-Vorpommern" von Frau Schwesig, Kubicki mit für seine Verhältnisse beinah gebremstem Schaum, Weigeldt und Shafy zwischen Erstaunen und Kopfschütteln – kurzum: eine fast schon routiniert gewordene Großthema-Verwaltung, der vor dem Hintergrund frisch veröffentlichter Details um Maskendeals mit Verbindungen zu Spahn-Ehemann Daniel Funke und Polizisten, die unmaskierten Corona-Leugnern auf einer Querdenker-Demo Herzchen zuwerfen, ein bisschen mehr Tagesaktualität sicher gutgetan hätte.

mad

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker