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Interview

Mit Metallstange angegriffen: "Leute wünschen mir den Tod" - Jutta Ditfurth über die brutale Attacke im ICE

Vor wenigen Tagen wurde Jutta Ditfurth mit einer Metallstange attackiert – nichts Neues für die Linksaktivistin. Der stern hat mit ihr über den Angriff und Hass gegen sie gesprochen.

Jutta Ditfurth bei einer Buchvorstellung, 2013

Jutta Ditfurth wird immer wieder angefeindet und bedroht

Picture Alliance

Freitagnachmittag, 14:50 Uhr. Linksaktivistin und Politikerin Jutta Ditfurth sitzt in einem ICE von Frankfurt nach Freiburg. Plötzlich wird sie mit einer Metallstange attackiert. Zwei Mal schlägt ein Unbekannter ihr mit voller Wucht auf den Hinterkopf. Sie erlitt nach eigener Aussage eine Gehirnerschütterung. Der stern hat mit ihr über den brutalen Angriff, ihre Kopfverletzung und Anfeindungen gegen ihre Person gesprochen.

Frau Ditfurth, mit einem Aufruf suchen Sie in den sozialen Medien aktuell nach Zeugen des brutalen Angriffs. Waren Sie schon erfolgreich?

Vorab muss ich sagen, dass ich noch etwas neben mir stehe. Ich liege wegen der Gehirnerschütterung momentan im Bett und bin noch etwas matschig. Nun aber zu Ihrer Frage: Es gibt drei Arten von Feedback. Einerseits haben mich sehr viele freundliche Worte – Genesungswünsche und Mitleidsbekundungen – erreicht.

Andererseits habe sich leider auch viele Menschen bei mir gemeldet, die zum Beispiel schreiben: "Schade, dass Sie nicht totgeschlagen wurden" oder "Ich werde das beim nächsten Mal zu Ende bringen". Das ist schon nicht ohne. Mittlerweile hat sich auch die Bundespolizei bei mir gemeldet. Sobald ich wieder auf der Höhe bin und nicht mehr so schwach im Bett liege, soll ich mich dort melden. Zeugen haben sich bislang leider noch nicht gemeldet.

Der Täter soll nach dem Angriff gesagt haben, dass er Sie nicht leiden könne. Glauben Sie, dass die Tat politisch motiviert war?

Ich will nicht übertreiben oder spekulieren. An dem Tag war die Stimmung ohnehin gereizt. Ein ICE war ausgefallen und so wurden zwei Züge zusammengelegt. Wir standen alle eingepfercht im Flur, es war ein großes Gedränge. Ich hatte den Täter vorher schon im Vorbeigehen gesehen. Er hatte die Metallstange, von der ich dachte, dass sie ein Behindertenstock sei, neben sich stehen. Und dann auf einmal - ohne jegliche Vorwarnung – kriege ich mit voller Wucht einen Schlag auf den Hinterkopf. Das war so laut, dass alle anderen Fahrgäste aufgeschreckt wurden. Im Nachhinein haben die mir erzählt, dass sie überrascht waren mit welcher Perfektion der Angreifer zugeschlagen hat. Es hätte so gewirkt, als ob der das nicht zum ersten Mal macht.

Jutta Ditfurth: "Dann hat er ganz leise 'Entschuldigung' genuschelt"

Was ist dann passiert?

Dann sind sehr merkwürdige Dinge passiert. Ein Zugbegleiter, der gleichzeitig auch als Rettungssanitäter ausgebildet ist, kam dazu und hat gefragt, ob er die Polizei rufen solle. Ich habe "Ja" gesagt. Doch anstatt die Polizei zu rufen, hat er dann laut vor allen Fahrgästen angemerkt, dass sich die Weiterfahrt des Zuges dadurch nochmals erheblich verzögern würde. Darauf hatten er selbst und die anderen ohnehin schon genervten Fahrgäste wohl keine Lust. Deshalb habe ich gesagt – und das bereue ich im Nachhinein – dass ich auf die Polizei verzichten würde, wenn der Angreifer sich bei mir entschuldigt. Erst wollte er das nicht machen, aber als immer mehr Fahrgäste auf ihn eingeredet haben, hat er dann ganz leise ein "Entschuldigung" genuschelt.

Ich habe zu dem Zeitpunkt geschwankt und hatte einen Blackout in der Situation. Zwei Frauen haben sich zwar um mich gekümmert, doch nicht ich, sondern der Mann mit der Metallstange wurde anschließend vom Schaffner in die erste Klasse gebracht. Dort hat er einen Sitzplatz bekommen. Erst danach habe ich dann zum Glück noch einen Schwerbehindertenplatz vom Schaffner zugewiesen bekommen.

Hat die Deutsche Bahn in Ihren Augen versagt?

Ja, der Schaffner hätte die Polizei rufen müssen. Das werfe ich ihm vor. Der Mann war schließlich auch als Rettungssanitäter ausgebildet und hätte wissen müssen, dass ich in dem Moment nicht voll zurechnungsfähig war. Ich bin Opfer einer Straftat geworden und der Schaffner hat sich hier komplett falsch verhalten.

"Ich konnte nicht mehr laufen und nicht mehr richtig gucken"

Am Abend haben Sie noch einen Vortrag in Freiburg gehalten. Waren Sie dazu überhaupt in Stande?

Ich habe die ganze Zeit nur gedacht: "Ich muss meinen Vortrag halten". Angekommen in Freiburg habe ich mich in meinem Hotel erstmal hingelegt. Später während meines Vortrags konnte ich meinen eigenen Text teilweise nicht mehr lesen. So krass stand ich neben mir. Ich kann mich an den Vortrag praktisch gar nicht mehr erinnern. Merkwürdigerweise ist das niemandem aufgefallen. Alle waren begeistert und haben applaudiert. Erst am Tag danach bin ich in meiner Wohnung umgefallen. Ich konnte nicht mehr laufen und nicht mehr richtig gucken. Meine Hausärztin hat mir jetzt Bettruhe verordnet. Außerdem meinte sei, dass ich froh sein könne, dass meine dicke Beule am Kopf nicht aufgeplatzt ist.

Wie hat sich Ihr persönliches Sicherheitsgefühl durch die Attacke im ICE verändert?

Ich habe schon viele heftige Sachen erlebt, die ich bewusst nicht öffentlich gemacht habe. Ich möchte keinen Nachahmer-Effekt provozieren. Grundsätzlich bin ich vorsichtig. Aber dass mir so etwas an einem Freitagnachmittag am helllichten Tag in einem überfüllten ICE passiert, damit habe ich wirklich nicht gerechnet. Das kam einfach völlig unvorbereitet. Das ist alles irgendwie unwirklich. Und ich weiß eigentlich, dass ich in der Öffentlichkeit vorsichtig sein muss. Die letzten Schläge habe ich am 1. Mai von Leuten, die Israel hassen, bekommen. Seit ein paar Jahrzehnten gehe ich schon vorsichtig durchs Leben.

Vielen Dank für das Gespräch und gute Besserung!

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hh