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"Steh auf! Nie wieder Judenhass": Es ist nicht vorbei

Eine Großkundgebung mit Kanzlerin in Berlin sollte dem Sommer des Judenhasses ein gemeinsames "Wehret den Anfängen" entgegenstellen. Was bleibt nach eineinhalb Stunden "Nie wieder!"?

Von Sophie Albers Ben Chamo, Berlin

Nach der Kundgebung

Nach der Kundgebung

Dieter Graumann plumpst auf die Kante eines Bühnenaufbaus, gleich hinter dem Brandenburger Tor. Der Präsident des Zentralrats der Juden ist sichtlich erschöpft, aber positiv. Geschafft. Die Großkundgebung "Steh' auf! Nie wieder Judenhass!" als Antwort auf die heftigen antisemitischen Ausbrüche am Rande des jüngsten Gaza-Krieges, ist gut über ebenjene Bühne gegangen. Er sei zufrieden, dass so viele Menschen da waren (laut Veranstalter mehr als 8000). Und über die Anwesenheit der großen politischen Prominenz (unter anderem Kanzlerin Merkel, Präsident Gauck, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses Ronald S. Lauder und Noch-Bürgermeister Wowereit). "Das ist ein Signal innerhalb Deutschlands und nach draußen, dass die, die uns nicht mögen, außerhalb des gesellschaftlichen Konsens' stehen", sagt Graumann.

Auch Joschka Fischer fand es "gut und wichtig", dass Merkel (in Grün - wie die Hoffnung) erklärte: Jüdisches Leben sei Teil der deutschen "Identität und Kultur". Dass die Kanzlerin sagte: "Im Namen der ganzen Bundesregierung verurteile ich jede Form von Antisemitismus". Und: Wer Juden angreife, greife alle Deutschen an. Ihm hätten eigentlich alle Reden gefallen, so der Ex-Außenminister. Die da waren: der kämpferische Graumann ("Genug ist genug"), der positive Wowereit ("Ich freue mich, dass so viele junge Israelis nach Berlin kommen"), wortgewaltige Kirchenvertreter ("Juden und Christen gehen zusammen bis zum Ende der Welt") und der amerikanisch-coole Lauder ("United we stand"). Nur dass der Zentralrat der Juden die Veranstaltung selbst hat ausrichten müssen, anstatt beispielsweise die Regierung, gefiel weder Fischer noch Graumann. "Aber heute wird nicht gemeckert", sagt Letzterer.

"Wir lieben unsere jüdischen Mitbürger"

Das abgesperrte Areal mit Bühne und Gästen in Richtung Fanmeile wurde eingerahmt von Israelfahnen- und Plakat-schwenkenden Demonstranten, die weit bis in die Straße des 17. Juni hinein standen, um Teil der Kundgebung zu sein. "Wir lieben unsere jüdischen Mitbürger" stand auf einem Schild zu lesen, "Judenhass bedroht uns alle" auf einem anderen. Am Rande des Tiergartens protestierten in aller Ruhe ein paar Menschen mit Palästinensertüchern, dazugehöriger Fahne und einem Anti-Zionismus-Plakat. Die Anti-Israel-Demo fand allerdings woanders statt. Und zwar ausgerechnet am nahe gelegenen Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Hier wurde eine kleine Ansammlung bald nach Ende der Großkundgebung immer lauter und größer. Eine offensichtlich arabische Familie, tough-dreinblickende Jungen, junge Muslima mit und ohne Kopftuch hielten Mobiltelefone wie Waffen gezückt und Schals in die Luft, während vor allem zwei Männer mal lautstark diskutierten, mal Andersdenkende niederbrüllten, bis die Polizei eingriff. Die Aggressivität, die am Brandenburger Tor glücklicherweise ausgeblieben war (bis auf ein paar New-Montagsdemo-Vertreter, die Merkel mit "Kriegstreiber"-Rufen begrüßten), wich ausgerechnet an diesen Ort aus.

Geschrei am Stelenfeld

Und während Berlin-Touristen sich über das Geschrei am Stelenfeld wundern, verblüffen junge Frauen mit ihren Deutschland-2014-Biografien: Als Tochter eines Palästinensers und einer Deutschen in Berlin geboren, sagt die 29-jährige Leila, dass sie einen deutschen Pass habe, ihre Heimat aber Palästina sei. Sie trägt seit drei Jahren Kopftuch. Andere junge Fauen nicken eifrig.

Wenige Meter entfernt wird gebrüllt und der Nahost-Konflikt mit "Wer hat angefangen"-Brennball ins Unendliche verlängert, während man sich gegenseitig Kameras verschiedener Größe ins Gesicht hält. Spätestens als ein Mädchen "Die Hamas verteidigt Palästina" kreischt und zu weinen anfängt, sollte klar sein, dass es hier in Berlin nirgendwo hingeht. Aber es interessiert niemanden.

Er hätte sich gewünscht, dass mehr Berliner gekommen wären, sagt ein Kollege, denn der größte Teil der Kundgebungsteilnehmer sei extra angereist oder eingeladen worden. Wahrscheinlich hielten die sich bedeckt, weil endlich mal jemand anderes der Antisemit sei, feixt ein anderer voller Zynismus. Das allerdings ist laut Statistik schlicht nicht wahr. Allein für die Zeit von April bis Juni wurden 159 antisemitische Straftaten erfasst, davon 154 von Rechten. Wo waren sie also, die Berliner?