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Wahlabend Trügerische 18-Uhr-Prognose: Wieso die frühen Zahlen mit Vorsicht zu genießen sind

Olaf, Armin oder Annalena? Die letzte Entscheidung fällt nicht in Umfragen sondern am 26. September. 
Olaf, Armin oder Annalena? Die letzte Entscheidung fällt nicht in Umfragen sondern am 26. September. 
© Revierfoto/ / Picture Alliance
Wenn am Sonntagabend die Wahllokale schließen und die ersten Balken auf den Fernsehern flimmern, werden die einen jubeln und die anderen verzweifeln. Doch diese frühen Zahlen sind nur eine Prognose. Und in diesem Jahr könnten sie besonders trügen.

Die Warnung kommt zwei Tage vor der Bundestagswahl. "Übrigens", twittert Thorsten Faas, Wahlforscher an der Freien Universität Berlin, die 18-Uhr-Zahlen seien dieses Mal "mit größerer Vorsicht zu genießen". Faas meint die Prognose am Sonntagabend. Den ersten Hinweis, wie Deutschland gewählt haben könnte.

Wenn die Wahllokale um 18 Uhr schließen, und zur gleichen Zeit in den TV-Studios die ersten Balken hochschnellen, wird das in manchen Parteizentralen Jubel auslösen, in anderen Verzweiflung, vielleicht auch Ratlosigkeit. Die Zahlen, vor allem in Gewinnen und Verlusten, bestimmen den ersten Eindruck des Abends. Sie lösen Dynamiken aus, die sich schnell verselbständigen können.

Umso relevanter ist daher die Frage, die Faas aufwirft. Wie gut ist die Prognose? Denn in diesem Jahr stehen die Institute, die sie erstellen, vor einer neuen Herausforderung: Es gibt viel mehr Briefwähler als früher. Das macht die Prognose komplizierter.

Briefwahl könnte entscheidenden Unterschied machen

Warum? Man tut gut daran, an dieser Stelle noch einmal zu unterscheiden: Meinungsumfragen sind keine Prognosen sind keine Hochrechnungen sind kein Wahlergebnis.

Meinungsumfragen, auch in den Wochen vor einer Wahl, sind immer nur eine Momentaufnahme. Im besten Fall kommen sie nah dran ans Ergebnis, je näher ihr Befragungszeitraum am Wahltag liegt. Aber sie sind eben keine Prognose. Die Prognosen, die am Sonntagabend um 18 Uhr veröffentlich werden, beruhen auf einer besonderen Art der Befragung, den "exit polls".

Dafür werden etwa 100.000 Menschen an repräsentativ ausgewählten Wahllokalen abgefangen, wenn sie ihr Wahllokal verlassen. Sie wählen dann noch einmal, nur für die Institute. Auch weitere Angaben zu Bildung, Alter und Geschlecht werden abgefragt. "Damit hat man in der zeitlichen Nähe zur Stimmabgabe noch einmal eine Angabe der Wählerinnen und Wähler", sagt Frank Brettschneider, Professor für Kommunikationswissenschaft und Wahlforscher an der Universität Hohenheim. Näher dran geht nicht.

Bisher sei das relativ einfach gewesen, sagt Brettschneider, werde aber schwerer, wenn in diesem Jahr voraussichtlich etwa die Hälfte der Wählerinnen und Wähler per Briefwahl abstimmen. "Die kommen natürlich nicht aus dem Wahllokal raus." Das an sich wäre noch kein Problem, wenn Briefwähler genauso wählen würden wie Menschen, die ins Wahllokal gehen. Aber das tun sie nicht, es gibt Unterschiede.

Briefwählerschaft ist nicht repräsentativ

In der Briefwählerschaft gibt es beispielsweise einen geringeren Anteil an AfD-Wählern. Woran das liegt? "Die AfD-Anhängerschaft ist die einzige Wählergruppe, die gegenüber der Briefwahl so richtig skeptisch ist, und deswegen lieber ins Wahllokal geht", sagt Wahlforscher Brettschneider.

Zudem gibt es weitere kleine Abweichungen: Mehr ganz Alte und noch ziemlich Junge nutzen die Briefwahl. Die einen, weil sie nicht mehr ganz so mobil sind. Die anderen, weil sie sehr mobil sind, und am Wahltag vielleicht gar nicht zu Hause. In großen Städten ist der Briefwahlanteil außerdem höher als auf dem Land.

Das sind nur kleine Unterschiede, aber man kann sie nicht ignorieren. Seit einer Wahlrechtsänderung 2008 muss man keine Gründe mehr angeben, um lieber per Post zu wählen. Seitdem wächst der Anteil der Briefwähler von Bundestagswahl zu Bundestagswahl.

Wie also fließen nun diese Stimmen in die Prognose ein? Mit den Mitteln einer klassischen Meinungsumfrage, die beispielsweise übers Telefon geführt wird. Dabei wird erst gefragt, ob man seine Stimme per Briefwahl bereits abgegeben hat – und erst dann, was er oder sie gewählt hat. "Das versuchen die Institute unmittelbar vor der Wahl oder am Wahltag selbst", erklärt Brettschneider. Die Ergebnisse werden mit den "exit polls" kombiniert. Und daraus entsteht die 18-Uhr-Prognose.

Je knapper das Ergebnis, desto später wird's

Brettschneider ist weniger skeptisch als sein Berliner Kollege Faas, dass die Zahlen der Prognose noch nicht allzu viel aussagen könnten. Klar, in diesem Jahr sei vieles anders, sagt er, kurz vor der Wahl noch viel Bewegung beim Wahlverhalten zu beobachten. "Aber bei der Prognose ist das dann vorbei. Die ist so dicht dran am tatsächlichen Wahlverhalten, dass ich da nicht mit größeren Abweichungen rechne."

Vorsicht sei aber auch bei den frühen Hochrechnungen geboten, sagt Brettschneider. Die entstehen wieder auf eine andere Art als die Umfragen oder Prognosen. Dabei wird der Rücklauf bereits ausgezählter Stimmen aus bestimmten Wahllokalen hochgerechnet. Die Zahlen kommen aus Stimmbezirken, die bei den letzten Wahlen möglichst nah am Gesamtergebnis lagen. Manche Briefwahlstimmen werden später ausgezählt. "Wenn man also nur die ersten Rückläufe aus den Wahllokalen hat, gibt es wieder diesen AfD-Effekt", sagt Brettschneider. Die Partei stünde in frühen Hochrechnungen besser da als später am Abend. Die Institute müssten auch da gut aufpassen.

Falls es knapp wird, ließen sich aber nicht alle möglichen Abweichungen abbilden, sagt Brettschneider. "Wenn es nachher um wenige Stimmen geht, kann am Anfang der Eindruck entstehen, die eine Partei läge vorne, am Ende ist es aber doch die andere." Politiker reagieren in diesem Fall auf Trends, die noch nicht das eigentliche Ergebnis abbilden.

Sollte es so kommen, und wie etwa 2002 zwischen Union und SPD um Nachkommastellen gehen, bleibt es wohl spannend bis zum vorläufigen amtlichen Wahlergebnis. Das gab der Bundeswahlleiter 2017 am Montagfrüh um 5:25 Uhr bekannt – also fast zwölf Stunden nach der ersten Prognose.

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