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Drohungen nach Satire-Video: "Alte Trickkiste der Autokratie": Das sagt Schlecky Silberstein zu den AfD-Angriffen

Christian Brandes, besser bekannt als Schlecky Silberstein, geriet nach einem Satire-Video über die Vorfälle in Chemnitz ins Visier der AfD - mit üblen Folgen. Der Blogger und Comedian äußert große Sorge und erkennt eine Strategie hinter der Hetze gegen seine Person.

Der Autor Christian Brandes ist im Internet als "Schlecky Silberstein" bekannt

Wegen eines Satire-Videos ins Visier der AfD geraten: Der Autor Christian Brandes ist im Internet als "Schlecky Silberstein" bekannt

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"Pardon, aber so blöd kann keiner sein", sagt Christian Brandes. Der Blogger und Comedian, besser bekannt als Schlecky Silberstein, schließt ein Missverständnis kategorisch aus. "Jedem war klar, dass es dort um einen Dreh geht. Aber es ist gerade für Parteien mit stark autokratischen Zügen notwendig, dass man permanent jede Gelegenheit nutzt, um auch das Vertrauen in die Medien zu zersetzen und sich zum Opfer zu machen", so der 37-Jährige in der ZDF-Talkrunde von Markus Lanz.

Gemeint ist ein Video, dass Brandes für die öffentlich-rechtliche Online-Comedyshow "Bohemian Browser Ballett" (SWR) gedreht und letztlich eine üble Wendung für den Berliner Blogger genommen hat (lesen Sie hier mehr zu den Hintergründen). In dem satirischen Clip zu den Ereignissen in Chemnitz, den Sie hier ansehen können, laufen unter anderem als "Skinheads" verkleidete Schauspieler an einem fiktiven AfD-Stand vorbei und jagen einen dunkelhäutigen Menschen. Auch die #wirsindmehr-Kampagne bekommt ihr Fett weg. Die AfD warf den Filmemachern in einem von ihr veröffentlichten Videoclip vor, sie mit einem "Fake-Video" in Misskredit bringen zu wollen. Zudem klingelte ein AfD-Politiker bei Schlecky Silbersteins Geschäftspartner und veröffentlichte die Adresse im Internet. Seitdem sieht sich der Berliner Blogger auch antisemitischen Drohungen ausgesetzt.

Eine Masche aus der "alten Trickkiste der Autokratie"

"Wir haben versucht, Chemnitz in Berlin-Lichtenberg zu inszenieren", erklärt Brandes den Videodreh. Dieser sei auch als Videodreh ausgeschildert worden, fragende Passanten habe man darüber hinaus informiert. "Dann bekamen wir ein Video zu sehen, geteilt von der Bundes-AfD, in dem uns unterstellt wurde, dass wir unter dem öffentlich-rechtlichen Mantel Fake-Nazi-Demos mit der AfD inszenieren." Im Nachhinein habe Brandes das Gefühl, "dass da ein Narrativ aufrecht gehalten werden soll: Dass die Öffentlich-Rechtlichen und die Medien insgesamt gezielt Fake News verbreiten." Der Comedian sehe darin eine Masche aus der "alten Trickkiste der Autokratie": Für Parteien "mit stark autokratischen Zügen" sei es "elementar wichtig, dass die Bürger das Vertrauen in die Medien verlieren und irgendwann auch verunsichert sind."

Brandes und seinem Geschäftspartner sei "schnell übel geworden", als die ihre Version von dem Dreh verbreitet habe. In den Kommentarspalten wurde gehetzt, ohne Moderation oder Löschungen der Partei. "Es wurde zugelassen, damit die Wut weiter steigt und wir plötzlich da stehen, wo wir jetzt stehen - in einer Bedrohungssituation", so das Urteil von Brandes. Während Verlinkungen und Hinweise seinerseits, das Video sei ein Satire-Beitrag, gelöscht worden seien. "Da sitzen schon Menschen, die genau wissen, was sie machen." Bis heute habe "niemand in der AfD hat zugegeben, dass es ein Filmdreh war - das Narrativ wurde aufrecht erhalten." Da seien ihm als Künstler auch die Hände gebunden. "Das sind so Punkte, da kann ich auch nicht mehr sagen: 'Oh Gott, was sind das denn für Wahnsinnige?' Da kriege ich dann einfach Angst." 

Antisemitische Morddrohung - SWR will sich wehren

Auch eine antisemitische Morddrohung sei bei Brandes eingegangen, in Anspielung auf den jüdischen Namen seines Geschäftspartners. Die Produktionsfirma (Steinberger Silberstein GmbH, Anm. d. Red.) erklärte am Dienstag auf Anfrage, sie habe deshalb rechtliche Schritte eingeleitet. Der Südwestrundfunk (SWR) betonte, man werde derartige Drohungen nicht einfach hinnehmen. Der Sender werde die Angelegenheit prüfen und, wo erforderlich, die notwendigen Maßnahmen einleiten. 

Gerold Hug, SWR-Programmdirektor Kultur, erklärte: "Man kann immer darüber streiten, ob man eine Satire gelungen findet oder nicht. Aber wenn Drohungen und Einschüchterungsversuche gegen Künstler, Produzenten oder andere Medienschaffende erfolgen, zeigen sich gesellschaftliche Zustände, die Anlass zu Besorgnis geben." Die Freiheit der Kunst, der Presse und der Meinungsäußerung seien für den SWR nicht verhandelbare hohe Güter.

"Was ich einfach grob unanständig finde ist, dass wir als Künstler hier herangezogen werden um einen Case zu schaffen, der von oben bis unten einfach nicht stimmt", so Brandes im , "und wir dürfen uns jetzt damit auseinandersetzen, wie wir mit diesen ganzen Morddrohungen umgehen und in Erwägung ziehen einfach umzuziehen."

AfD rechtfertigt Vorgehen im Fall Schlecky Silberstein

Der Berliner AfD-Vorsitzende Georg Pazderski verteidigte das Vorgehen. Für die AfD seien antisemitische Kommentare kein Thema, ihr gehe es ausschließlich um die Aufdeckung unlauterer Propaganda mit Geldern des öffentlich-rechtlichen . "Die AfD soll mit allen erdenklichen Methoden mundtot gemacht werden", erklärte er. Ähnlich äußerte sich auch ein Pressesprecher der Berliner AfD gegenüber dem stern: "Alles bei Funk ist feindselig gegen die AfD. Das ist ein politisches Kampforgan, das sich selbst die Aufgabe gestellt hat, die AfD niederzumachen. Funk ist Anti-AfD-Fernsehen", beschwerte er sich.

"Ich habe bisher nicht zu den größten AfD-Kritikern gehört", so Brandes zu "Spiegel Online". Es habe ihn gestört, wenn besorgte Bürger pauschal als "Nazis" bezeichnet würden. "Aber wenn jemand bewusst in die Privatsphäre eines Künstlers eindringt, um ihn einzuschüchtern, dann hat das für mich eine starke faschistische Tendenz." Er unterstellt der AfD, dass sie "eher Lust auf Autokratie hat." Da gebe es klare Vorbilder in der Türkei und den USA. "Jeder, der den Staat umbauen und die Institutionen schwächen will, ist mein Gegner", so Brandes. "Ich positioniere mich immer in die Richtung, in der Menschen Interesse an der Demokratie haben." 

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fs / fin / mit Material der DPA