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Altkanzler Schröder vor SPD-Fraktion: Don Testosteron ist zurück

Allerdings nur für ein paar Tage. Zum zehnten Geburtstag der Agenda 2010 feiert Gerhard Schröder seine Reformpolitik – und natürlich sich selbst.

Ein Ständchen von Andreas Hoidn-Borchers

Von Zeit zu Zeit sieht man den Alten doch ganz gern. Okay, er könnte etwas weniger verspätet kommen als eine volle Stunde, aber was soll die Kleinlichkeit angesichts zweier historischer Ereignisse, die hier und heute zusammenfallen. Zehn Jahre Agenda 2010 (na schön, zwei Tage fehlen noch, um ganz genau zu sein) und das erste Erscheinen (oder muss es Erscheinung heißen?) Gerhard Schröders vor dem "Kartell der Mittelmäßigkeit", wie er die SPD-Bundestagsfraktion mal in grauer, bärbeißigerer Vorzeit schmähte, seit 2005, jenem Jahr, in dessen Herbst die Wähler ihn vom Kanzler zum Altkanzler degradierten und er sich danach statt dessen vom Besser- zum Bestverdiener beförderte.

Und was soll man sagen? Das Warten hat sich gelohnt. Für die Fotografen im Reichstag, Ebene drei, denen Gerd der Profi prima Gestenmaterial für ihre Bilder liefert. Für die 14 Kameras, die ihn filmen. Und für die knapp 100 Journalisten im rappelvollen Saal neben der SPD-Fraktion, die vom Mann in Blau (Hemd: hellblau, Krawatte: dunkelblau, Sakko: fast schwarz) und mit deutlich ungefärbtem Schopf da vorne am Pult noch einmal die nostalgische Schröder-Show geboten bekommen, deren Inhalt sich in etwa mit dem deckt, was der Altkanzler kurz zuvor auch den SPD-Abgeordneten nebenan erzählt hat: Das Nein zum Irak-Krieg vor zehn Jahren war goldrichtig, Merkel lag mit ihrer Kritik damals voll daneben, die Reformen am Arbeitsmarkt waren wichtig, richtig, zeigen Wirkung, dürfen aber durchaus auch nachgebessert werden, wenn – siehe Leiharbeit – die Wirklichkeit sich nicht an die Theorie halten will; Hauptsache, das Grundprinzip "Fördern und Fordern" bleibt erhalten. Ansonsten gilt sein alter Satz: "Das sind ja schließlich nicht die zehn Gebote, und ich bin nicht Moses."

Er vermisst das Gewese

Ne, echt nicht. Aber Gerd der Große. Don Testosteron, wenngleich inzwischen in einer deutlich altersmilden Version. Auch er wird schließlich nicht jünger, sein Siebzigster naht in großen Schritten. Seine Frau macht jetzt die Politik, und er kümmert sich um die Kinder, versucht es zumindest im Rahmen seiner in dieser Hinsicht eher bescheidenen Möglichkeiten. Obwohl, er steht immer noch hinterm Pult wie früher, die Linke in der Tasche vergraben, mit der Rechten gravitätisch gestikulierend, und dröhnt im Schröder-Sound: tiefes angerautes Brummbass-Timbre, hach, war doch nicht alles schlecht, damals. Man hat den Eindruck: Ein bisschen vermisst auch er das doch, das Gewese, das Gewusel, das Gewichtele in Berlin. Das ganze große Spiel eben, wo er mal so nebenbei erstens seiner alten Gegenspielerin Andrea Nahles ein leicht vergiftetes Lob verplätten ("Die Äußerung der SPD-Generalsekretärin, die Agenda habe das Land vorangebracht, hat mich gefreut und ich füge leise hinzu, es hat mich auch freudig überrascht") und zweitens trotzdem den elder partyman geben kann: "Zur Dankbarkeit meiner Partei gegenüber gehört, schlicht das Maul zu halten." Kommentare zum Wahlprogramm? Ach, geht weg, Leute, das Zeug hab´ ich doch früher schon nicht gelesen… "Die´s jetzt entscheiden, müssen es verantworten." Gibt´s nicht was Wichtigeres?

Man versteht, dass er seinen Auftritt hier genießt. Das ist jetzt noch einmal seine Woche, vielleicht zum letzten Mal. Da kann man es schon mal leise krachen lassen. Schröder-Festspiele. Gerhard hier, Agenda da. Und für jeden was dabei: kleine Leute und große Bürger, Genossen und Geldmenschen. Ausführliches Zwei-Folgen-Interview in "Bild" über Hartz IV und seine mangelnde Eignung zum Hausmann ("Werde ich sicherlich nicht mehr"). Am Donnerstag folgt ein großes Ding in der "Zeit". Ebenfalls Donnerstag: prominent besetzte Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung mit Abschlussrede von IHM über – Achtung Angela, Anspielung! – "(Mehr) Mut zur Veränderung". Bereits gehalten: eine Rede vor der DWS Investmentkonferenz in Frankfurt mit dem nur gelinde bescheidenen Titel: "Agenda 2010 – Was Europa von Deutschland lernen kann." Und eben gerade der Auftritt in Berlin.

Irrtum sprach der Igel

Zehn Jahre ist es jetzt her, dass Schröder im Bundestag seine später berühmt gewordene Regierungserklärung mit dem eher schlichten Motto "Mut zum Frieden und zur Veränderung" abgegeben hat. Und was soll man sagen? Das Echo damals war nicht schlecht. Es war verheerend. Von allen Seiten setzte es Prügel. "Fehlanzeige" (FAZ), "Angst vor der eigenen Courage" (Börsenzeitung), "Reform-Defensive" (Berliner Zeitung), "Zu wenig gewagt" (Neue Zürcher Zeitung). "Historisch? Eher nein" (taz), "Blut? Schweiß? Spiegelstrich!" (Frankfurter Rundschau), "Verpasste Chance" (Bild). Und Heribert Prantl kommentierte in der "Süddeutschen": "Kein furioser Zukunftsentwurf, keine Ansprache von der Art, die die Nation zum Beben bringt und von der man noch in Jahren reden wird."

Irrtum sprach der Igel und stieg von der Bürste. Nicht jeder Küchen-Prophet ist unfehlbar, und Mut zeigt der Tapfere oft erst in der Rückschau. Was an jenem 15. März 2003, dem Tag danach, in den Zeitungen erschien, liest sich aus heutiger Sicht und mit dem heutigen Wissen doch leicht, ähem, daneben liegend. Ob er sich inzwischen rehabilitiert fühle, wird er in Berlin gefragt. Das, antwortet er, sei der falsche Ausdruck. "Da müsste ich ja was Schlimmes gemacht haben." Pause. "Hab´ ich aber nicht."

Elf verlorene Wahlen

Für Schröder kann man die Folgen seiner Rede und der damit verbundenen Politik kurz so zusammenfassen: Massendemonstrationen, Massenaustritte aus der SPD, eine neue bundesweite Linkspartei, Rückzug als Parteivorsitzender, elf verlorene Wahlen in Reihe mit Verlusten für die SPD mit bis zu 13,6 Prozentpunkten. Und nicht zuletzt: das vorzeitige Ende seiner Kanzlerschaft nach der vorgezogenen Neuwahl im Herbst 2005. Und: Noch immer glauben nur 51 Prozent der SPD-Anhänger, dass die Agenda-Reformen eher gut waren. Für das Land kann man die Folgen ebenso kurz zusammenfassen, sie sind weit positiver: Deutschland ist vom bespöttelten Schlusslicht zum Vorbild Europas geworden. So wenig Arbeitslose wie zuletzt Anfang der 90-er Jahre, gut zwei Millionen mehr Beschäftigte als zur Zeit, als die Agenda entworfen wurde, mehr Ausbildungsplätze als Bewerber, ordentliche Konjunkturaussichten trotz Euro-Krise.

Das muss man alles erst mal hinkriegen. Das muss man auch erst mal alles aushalten.

All das sollte man sich noch einmal in Erinnerung rufen, um besser verstehen zu können, warum Schröder in diesen Tagen noch einmal den "Wir sind es doch gewesen"-Gerd raus- und keine Gelegenheit auslässt, jene Frau, die jetzt sein Amt ausübt, ein kleines bisschen zu piesacken. Mutlos-Merkel, wie er sie vermutlich gerne nennen würde, wenn er nicht wüsste, was sich als Altkanzler ziemt: die Kirche im Dorf zu lassen. In der Theorie jedenfalls. Im praktischen Leben hört sich das bei ihm so an: "Ich kommentiere die Politik meiner Nachfolgerin nicht. Das gehört zu den ungeschriebenen Gesetzen, an die zumindest ich mich halte." Was erstens die Frage aufwirft, wer denn der Zumindest-er-Nicht ist: sein Zeit-Genosse Helmut Schmidt? Oder doch eher Helmut Kohl? Und was einen zweitens sofort zu einem weiteren Schröder-Wort leitet: "Ein Land politisch führen zu wollen heißt, dass man mindestens das Risiko eingehen muss, wegen einer notwendigen Entscheidung nicht wiedergewählt zu werden. Diesen Mut muss man haben. Der fehlt übrigens heute in der Politik ein bisschen."

"Heute bin ich gut"

Gerhard Schröder, die Rampensau – Betonung auf der letzten Silbe – im Ruhestand. Aber manchmal muss es halt noch raus. Dafür lieben wir ihn doch alle. Aber das stimmt dann auch wieder nicht. Alle ist doch etwas übertrieben. Bzw. sehr. Denn die Sehnsucht der Bürger nach Schröder ist im Jahre acht nach Merkel doch merklich gering ausgeprägt. Auf die Frage, ob ein Politiker wie Gerhard Schröder der deutschen Politik fehle, antworteten jetzt ganze 23 Prozent mit Ja. Selbst unter den SPD-Anhängern sind es laut Forsa-Umfrage nur 35 Prozent.

Ach ja, die Welt ist ungerecht und der Sozialdemokrat manchmal auch. Aber das kennt Schröder ja. Und es scheint ihn auch nicht mehr wirklich zu bekümmern. Politiker, sagt er zum Schluss in Berlin, seien keine Maschinen. "Manchmal ist man gut drauf, manchmal weniger gut. Wie Sie sehen: Ich bin heute gut."