Andrea Ypsilanti Der hessische "Ségolène-Royal-Effekt"


Andrea Ypsilanti ist die Hoffnung für Hessens SPD im Wahlkampf gegen Roland Koch. Sie kann schimpfen wie eine Wirtin auf der Frankfurter Fressgass' - und bringt mit rhein-main-hessischer Emotionsgeladenheit die Massen dazu, frenetisch mit Plastik-Ypsilons zu winken.
Von Sebastian Christ

Okay, Kassel ist nicht gerade Rio de Janeiro. Trotzdem können auch ein paar Hundert euphorisierte Sozialdemokraten auf einer durchinszenierten Wahlkampfveranstaltung so viel Lärm machen, dass man für einen Moment lang Respekt bekommt. Andrea Ypsilanti ist von Natur aus klein gewachsen, und als sie die Kasseler Stadthalle vom Hintereingang aus betritt, macht sie sich noch ein wenig kleiner. Vor ihr stiefelt der bundespolitische Frontkämpfer Frank-Walter Steinmeier durch die enge Stuhlgasse vor den steil aufsteigenden Rängen, er winkt so kräftig ins Publikum, als würde er den Leuten Torfsäcke zuwerfen. Ypsilanti ist sekundenlang unsichtbar, wirkt fast schüchtern. Sie akklimatisiert sich hinter seinem Rücken. Noch ein paar Sekunden. Dann ist Showtime für die Spitzenkandidatin.

Ein warm klingender Rocksong schallt aus den Boxen, eine menschelnde Polithymne. Sie löst sich aus dem Pulk und defiliert zur Bühne, flankiert von Blitzen, Klatschen, Zurufen. Am Podium angekommen springt die 50-Jährige plötzlich auf und ab, wedelt mit ihren Armen, als seien die Parteifreunde im Saal auch wirklich Freunde. Das alles wirkt ein wenig surreal, doch im Publikum merkt davon kaum jemand etwas. Der halbe Saal winkt im selben Moment mit Plastik-Ypsilons zurück, die vorher ausgegeben wurden. Zum ersten Mal seit neun Jahren steht da jemand, der die Sozialdemokratie in Hessen zur Macht zurück führen kann. Das gibt Hoffnung.

Mitreißend und emotionsgeladen

"De Hessen haben wirklisch ahne Alternative", spricht sie auf Rhein-Main-Hessisch. Und ein wenig später sagt sie: "Wir sind knapp davor, wir sind sooo knapp davor". Dabei führt sie Zeigefinger und Daumen zusammen, bis nur noch ein winziger Spalt offen bleibt. Kaum etwas deutet noch darauf hin, dass es knapp war mit ihrer Kandidatur. Auf dem Wiesbadener SPD-Parteitag im Dezember 2006 setzte sie sich im Kampf um die Spitzendkandidatur hauchdünn gegen Jürgen Walter durch.

Andrea Ypsilanti ist eine gute Rednerin. Sie spricht mitreißend und emotionsgeladen über scheinbar langweilige Themen wie Wirtschaftspolitik und Ökologie. Und wird bissig, wenn es um das von den Christdemokraten lancierte Thema Ausländerkriminalität geht: "Wo war Roland Koch, als Nazis im Osten über friedliche Menschen hergefallen sind?", keift sie. Während ihr Kontrahent meistens sehr glatt und geschliffen polemisiert - was mit dazu beiträgt, dass er als "unsympathisch" wahrgenommen wird - kann sie schimpfen wie eine Wirtin auf der Frankfurter Fressgass'. Man merkt ihr in solchen Momenten an, dass sie, anders als der Ministerpräsident, nicht im Politmilieu erstsozialisiert wurde.

Der Nachname kommt von ihrem griechischem Ehemann

Die Sozialdemokratin kommt aus einfachen Verhältnissen. Sie wurde 1957 als Tochter eines Opel-Arbeiters in Rüsselsheim geboren. Damals hieß sie noch Andrea Dill. Nach dem Abitur arbeitete sie zunächst als Sekretärin. Später war sie für die Lufthansa als Stewardess tätig, bevor sie für eineinhalb Jahre nach Spanien ging. Den etwas sperrigen Nachnamen Ypsilanti trägt sie seit ihrer ersten Ehe mit einem Griechen. Im Jahr 1986 begann sie ein Soziologiestudium an der Uni Frankfurt, das sie nach zwölf Semestern abschloss. Während ihrer Diplomphase amtierte sie als Juso-Vorsitzende in Hessen. Ihre Politkarriere gewann an Fahrt. Als Roland Koch 1999 überraschend die Wahl gewann, zog sie erstmals in den Landtag ein. Im Jahr 2003 übernahm sie den Vorsitz des hessischen SPD-Landesverbandes, und seit November 2005 ist sie auch Mitglied des SPD-Bundesvorstands. Bekannt wurde sie durch ihren Widerstand gegen Gerhard Schröders Hartz-Reformen. Seitdem gilt sie als bundesweit anerkannte "Linke". Zusammen mit ihrem Lebensgefährten, dem gemeinsamen Sohn und einem befreundeten Paar lebt sie in einer Wohngemeinschaft am Frankfurter Stadtrand.

Andrea Ypsilantis wichtigstes Wahlkampfthema ist der Mindestlohn. In ganz Hessen lässt sie Unterschriften sammeln, bisher mit eher mäßigem Erfolg. Kritiker sagen, dass sie sich damit verkalkuliert habe: In Wahrheit beträfe der Mindestlohn nur eine kleine Gruppe von Leuten. Deshalb tauge es nicht als Mittel zur Mobilisierung von Wählermassen. Umso schmerzhafter muss es deswegen für die SPD gewesen sein, dass Roland Koch mal wieder die Akzente im Wahlkampf setzt. Seitdem der CDU-Mann mit integrationskritischen Statements punktet, können die Sozialdemokraten nur noch reagieren statt agieren. Auch das SPD-Versprechen, die Studiengebühren gleich nach Amtsantritt abzuschaffen verfängt noch nicht wirklich.

Mehr Sympathiepunkte als Roland Koch

Oft war in den ersten Wahlkampfwochen die Rede davon, dass die Umfragewerte für Ypsilanti und die SPD gut seien. Doch jedem erfahrenen SPD-Wahlkämpfer zwischen Weser und Neckar dürften da Zweifel kommen. Im ehemals tiefroten Hessen liegen die Sozialdemokraten je nach Umfrageinstitut vier bis zehn Prozent hinter der CDU. Der Abstand ist zwar weniger drastisch als bei der Landtagswahl 2003, wo Gerhard Bökel mit 29 Prozent das historisch niedrigste SPD-Ergebnis in Hessen erzielte. Viel mehr hat Ypsilanti, die eine Koalition mit den Linken vehement ausschließt, bisher allerdings nicht bewegt. Auch ihre persönlichen Werte sind alles andere als positiv. In den meisten Kompetenzfeldern muss sie Roland Koch den Vortritt lassen - wenn etwa gefragt wird, wer eher Arbeitsplätze schafft oder wer Hessen besser repräsentiert. Einen deutlichen Vorsprung erzielt sie allein in den Sympathiewerten. Hier hängt sie Koch um mehr als zehn Prozentpunkte ab.

Im CDU-Wahlkampfteam fürchtet man sich daher weniger vor der Politikerin Ypsilanti. Doch menschlich gesehen scheint sie vielen Hessen eine Alternative zu Koch. Manch ein Unions-Mitglied spricht deshalb auch respektvoll vom "Ségolène-Royal-Effekt". Der Vergleich zum französischen Wahlkampf hinkt zwar kräftig. Und es würde der erfahrenen Politfrau keinesfalls gerecht werden, sie auf Sympathie und ihr attraktives Äußeres zu reduzieren. Doch Ypsilanti schlägt selbst in diese Kerbe, etwa wenn sie in der Kasseler Stadthalle sagt: "Wann hat es das schon einmal gegeben, dass der Amtsinhaber bei den Sympathiewerten hinter der Herausforderin liegt?"

Und so ist es vor allem ein Bild, das bisher aus ihrem Wahlkampf hängen geblieben ist: das der juvenilen, unsteifen Elanwahlkämpferin. Wofür sie steht, das wissen viele Hessen noch nicht. Eigentlich wissen die meisten nur: Sie ist nicht Roland Koch. Auf der Bühne der Kasseler Stadthalle wird sie mit einer holzverpackten "Ahlen Worscht" verabschiedet. Wieder schwenkt Ypsilanti ihre Arme dem Publikum entgegen, sie hüpft noch ein wenig doller auf und nieder als zu Beginn. Dabei verrutscht ihr weißes Oberteil, und für Zehntelsekunden steht sie immer wieder bauchnabelfrei da. Die SPD-Mitglieder aus Nordhessen staunen: "Eine Wahnsinnsstimmung!" Andrea Ypsilanti lächelt in die Fotografenlinsen und presst ihr Top an den Hosenbund.


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