Andrea Ypsilanti im Porträt Ein Siegerinnentyp für die SPD


Einerlei, ob sie nun Ministerpräsidentin wird oder nicht: SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti hat bei der hessischen Landtagswahl Roland Koch geschlagen - und ihrer Partei damit eine Siegerin neuen Typs beschert. Dem Scharfmacher hat sie mit ihren eigenen Qualitäten Paroli geboten - jetzt könnte sie eine große Karriere starten. Ein Porträt.
Von Sebastian Christ

Es ist ein ganz neues Gefühl für Hessens Sozialdemokraten: Hoffnung. Schuld daran ist ein neuer Geist, den man spätestens seit vergangener Woche im ganzen Land spüren kann: die Ypsilanti-Euphorie. Wo die SPD-Spitzenkandidatin dieser Tage auch auftritt, die Hallen sind voll, und wenn sich dann auch noch Parteimitglieder ins Publikum mischen, dann brandet oft ein ohrenbetäubender Jubel auf. Andrea Ypsilanti hat in diesem Wahlkampf das Momentum auf ihrer Seite. Wenn sie es schaffen sollte, Roland Koch zu stürzen - dann steht ihr womöglich eine noch viel größere Parteikarriere bevor.

Das war das Bild der vergangenen Wochen: Die SPD-Basis wirkte wie angefixt von der Aussicht auf einen Wechsel, zum Beispiel auf einer Wahlkampfveranstaltung in der Kasseler Stadthalle vor einigen Tagen. "De Hessen haben wirklisch ahne Alternative", spricht Ypsilanti auf Rhein-Main-Hessisch. Und ein wenig später sagt sie: "Wir sind knapp davor, wir sind sooo knapp davor". Dabei führt sie Zeigefinger und Daumen zusammen, bis nur noch ein winziger Spalt offen bleibt. Auf dem Weg von der Bühne nach draußen muss sie sich durch einen Pulk von Gratulanten und Fans durcharbeiten. Kaum etwas deutet noch darauf hin, dass es knapp war mit ihrer Kandidatur. Auf dem Wiesbadener SPD-Parteitag im Dezember 2006 setzte sie sich im Kampf um die Spitzendkandidatur hauchdünn gegen Jürgen Walter durch. Mittlerweile vertrauen ihr mehr als 80 Prozent der SPD-Wähler.

Erlösung nach einer krassen Wahlklatsche

Das hat auch der Wahlabend bewiesen. Koch erlitt eine empfindliche Niederlage, die SPD lag nach Prozentpunkten vorne. Noch ist nicht klar, ob es für Rot-Grün reicht. Aber was für eine Erlösung nach der krassen Wahlklatsche von 2003 ist das, als Gerhard Bökel das mit Abstand schlechteste Ergebnis aller Zeiten für den Landesverband eingefahren hatte.

Der Erfolg beweist. Die SPD-Frau versteht sich gut darauf, die Herzen des Volkes zu erreichen. Man spürt, dass sie so etwas wie eine "Zivilbiografie" hat - ein Leben vor der Politik. Sie stammt aus einfachen Verhältnissen und hat sich Schritt für Schritt nach oben gearbeitet. Im direkten Vergleich zum Berufspolitiker Koch gibt ihr das einen Glaubwürdigkeitsvorsprung.

Sie wurde 1957 als Tochter eines Opel-Arbeiters in Rüsselsheim geboren. Damals hieß sie noch Andrea Dill. Nach dem Abitur arbeitete sie zunächst als Sekretärin. Später war sie für die Lufthansa als Stewardess tätig, bevor sie für eineinhalb Jahre nach Spanien ging. Den etwas sperrigen Nachnamen Ypsilanti trägt sie seit ihrer ersten Ehe mit einem Griechen. Im Jahr 1986 begann sie ein Soziologiestudium an der Uni Frankfurt, das sie nach zwölf Semestern abschloss. Während ihrer Diplomphase amtierte sie als Juso-Vorsitzende in Hessen. Ihre Politkarriere gewann an Fahrt.

Bekannt durch Widerstand

Als Roland Koch 1999 überraschend die Wahl gewann, zog sie, 42-jährig, erstmals in den Landtag ein. Im Jahr 2003 übernahm sie den Vorsitz des hessischen SPD-Landesverbandes, und seit November 2005 ist sie auch Mitglied des SPD-Bundesvorstands. Bekannt wurde Ypsilanti durch ihren Widerstand gegen Gerhard Schröders Hartz-Reformen. Seitdem gilt sie als bundesweit anerkannte "Linke". Zusammen mit ihrem Lebensgefährten und einem befreundeten Paar lebt sie in einer Wohngemeinschaft am Frankfurter Stadtrand. Ihr Sohn besucht ein Privatgymnasium in Nieder-Erlenbach, was erst kürzlich für Diskussionsstoff sorgte. Schließlich engagiert sich Ypsilanti leidenschaftlich gegen die angebliche "Auslese" des dreigliedrigen Schulsystems. Sie selbst sagt dazu, dass es im Umkreis ihres Wohnhauses einfach keine Gesamtschule mit Ganztagsbetreuung gibt.

Andrea Ypsilanti wird oft nach gesagt, sie sei eine schlechte Rednerin. Das stimmt so nicht. Ihre Sprechweise wirkt warm, und mit breitem Dialekt signalisiert sie Volksnähe - das gilt viel in Hessen, besonders in den ländlichen Regionen. Und wenn sie will, dann schimpft sie auch mal wie eine Wirtin auf der Frankfurter Fressgass'. Ihre Qualität ist das gute Gefühl, das sie vermittelt.

Andererseits macht sie manchmal den Eindruck, als ob sie nicht in allen Bereichen die Kompetenzwerte der christdemokratischen Polit-Konkurrenz erziele. Als am Montag die Börse in den Sinkflug überging, fragte sie ein Reporter von N-TV während einer Pressekonferenz: "Frau Ypsilanti, was können sie als Landespolitikerin für die Stabilität der Märkte tun?" Erst eierte sie etwa zwei Sätze lang, und man merkte, dass sie sich währenddessen eine Antwort zurecht legte. Dann redete sie etwas vom Schutz der Arbeitnehmerrechte und gab schließlich zu, dass sie wohl wenig Einfluss auf die Märkte habe. Bei Roland Koch hätte sich das anders angehört.

Ein Markstein auf dem Weg in die Staatskanzlei

Im TV-Duell vom Wochenende, das von vielen Medien als "unentschieden" gewertet wurde, traten sowohl ihre Stärken als auch ihre Schwächen zutage. Argumentativ war sie längst nicht so überzeugend wie der Amtsinhaber. Sie floh oft ins Ungenaue - gerade dort, wo Koch konkret wurde. Zum Beispiel, als es um den von ihr angestrebten Umbau des Energiemixes in Hessen ging. Koch zweifelte daran, dass Solarenergie auf absehbare Zeit so billig werden würde wie Atomstrom und belegte dies unter anderem mit dem bundeseinheitlichen Einspeisegesetz. Ypsilanti entgegnete: "Im Moment zahlen wir hohe Strompreise und erhöhen damit nur den Profit der Stromkonzerne." Ein treffendes Gegenargument ist das nicht. Doch auf viele Zuschauer machte sie einen sympathischeren Eindruck, weil sie den Ministerpräsidenten in seiner ganzen Zahlensicherheit mit Gesten und lockeren Einschüben wie einen Streber aussehen ließ. Ein weiterer Markstein auf dem Weg in die Staatskanzlei dürfte das Duell für sie dennoch kaum gewesen sein. Selbst die Leser der tendenziell linken Frankfurter Rundschau sahen Koch in einer ständig aktualisierten Online-Umfrage zeitweise vorn.

Auch in der Wahlkampfplanung unterliefen ihr Fehler, die folgenlos blieben. Ypsilantis wichtigstes Thema war der Mindestlohn. In ganz Hessen ließ sie Unterschriften sammeln, mit sehr mäßigem Erfolg. Kritiker sagten, dass sie sich damit verkalkuliert habe: In Wahrheit beträfe der Mindestlohn nur eine kleine Gruppe von Leuten. Deshalb tauge es nicht als Mittel zur Mobilisierung von Wählermassen. Genauso sah es mit den Studiengebühren aus, oder den erneuerbaren Energien, oder den Schulreformen. Ypsilanti ist es zwar im ganzen Wahlkampf nicht ein einziges Mal gelungen, ein eigenes Thema zu setzen, das über Tage und Wochen diskutiert wird. Aber weil der Gegenkandidat sich parallel dazu selbst demontierte, brauchte sie das auch nicht. Im Wahlkampf 2008 reagierten die Sozialdemokraten schlicht auf Kochs Äußerungen. Und sie reüssierten trotzdem, weil es eine große Wählergruppe gab, die dem Ministerpräsidenten nach seinen jüngsten Äußerungen fast alles zutrauen würde.

Menschlich eine Alternative zu Koch

Im CDU-Wahlkampfteam fürchtete man sich weniger vor der Politikerin Ypsilanti. Doch menschlich gesehen schien sie vielen Hessen offenbar eine Alternative zu Koch. So beginnt Wechselstimmung. Manch ein Unions-Mitglied sprach deshalb auch respektvoll vom "Ségolène-Royal-Effekt". Der Vergleich zum französischen Wahlkampf hinkt zwar kräftig. Und es würde der SPD-Sptzenkandidatin keinesfalls gerecht werden, sie auf Sympathie und ihr attraktives Äußeres zu reduzieren. Doch Ypsilanti schlug selbst in diese Kerbe, etwa wenn sie in der Kasseler Stadthalle sagt: "Wann hat es das schon einmal gegeben, dass der Amtsinhaber bei den Sympathiewerten hinter der Herausforderin liegt?" Sie wußte, dass sie Recht hatte. Am Ende der Veranstaltung sprang sie auf und ab, sodass sie für Zehntelsekunden bauchnabelfrei auf der Bühne stand.

Und so ist es vor allem ein Bild, das bisher aus ihrem Wahlkampf hängen geblieben ist: das der juvenilen, unsteifen Elanwahlkämpferin. Wofür sie steht, das wissen viele Hessen noch nicht. Links vielleicht? Sozial, oder so? Eigentlich wissen die meisten nur: Sie ist nicht Roland Koch.


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