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Analyse

Bundestagswahl 2017: Darum ist Angela Merkel diesmal schlagbar

Es war ein kleinlautes Häuflein von Opposition, dass sich 2013 gegen einen weiteren Wahlsieg von Angela Merkel stemmte. Natürlich vergeblich. Diesmal aber wird Merkel um die Kanzlerschaft kämpfen müssen - und sie könnte verlieren. Aus mehreren Gründen.

Angela Merkel schaut besorgt - Bei der Bundestagswal 2017 gilt sie als schlagbar

Angela Merkel will es 2017 nochmal wissen. Doch anders als vor vier Jahren könnte sie diesmal tatsächlich scheitern

Erinnert sich noch jemand an den Gegenkandidaten der SPD für Angela Merkel bei der letzten Bundestagswahl? Richtig, es war Peer Steinbrück - im ersten Kabinett Merkel (2005 - 2009) Finanzminister und davor langjähriger Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Er war 2013 in Wahrheit nicht mehr als das "arme Schwein", das gegen eine sowieso unschlagbare Merkel auf dem Höhepunkt ihrer politischen Laufbahn antreten musste.

"Alternativlos". Angela Merkels Lieblingswort traf vor vier Jahren auch auf sie selbst zu. Sie saß damals derart fest im Sattel, dass es nicht einmal eine Rolle spielte, dass der Koalitionspartner FDP sogar komplett aus dem Bundestag flog. Kanzlerin wurde sie sowieso. Vier Jahre später, am Ende ihrer dritten Amtszeit, ist das völlig anders. "Merkel ist angreifbar. Merkel ist schlagbar", fasst SPD-Generalsekretärin Katarina Barley die politische Stimmungslage im Land treffend zusammen. Wieso ist das diesmal so? Das sind die Gründe:

"Mutti" richtet's nicht mehr, sie polarisiert

Angela Merkels Nimbus ist weg. Von "Mutti", die für alles sorgt und das Land in einer Wohlfühl-Blase in Sicherheit wiegt, ist keine Rede mehr. Ihr beinahe manisches "Wir schaffen das" hat das Land nicht nur in der Flüchtlingsfrage gespalten. Irgendwann entstanden auch "in der Mitte der Gesellschaft" Zweifel, dass Merkel die aktuellen Probleme des Landes noch richtig deutet und dass sie die bestmöglichen Lösungen findet. Längst polarisiert sie, Zukunftsängste sind entstanden. Angela Merkel weht daher ein heftiger Wind ins Gesicht, sie hat selbst in der eigenen Partei Rückhalt verloren, sie wird massiv kritisiert, zudem von rechts angefeindet. All das wird Wählerstimmen kosten.

Ermüdung: Zwölf Jahre Angela Merkel sind genug

Es ist wieder soweit, dass es Deutsche im Erwachsenenalter gibt, die sich an keinen anderen Regierungschef als den aktuellen bewusst erinnern können. Das war zuletzt bei Helmut Kohl so, der nicht zuletzt deshalb abgewählt wurde. Zudem drohen 2017 wegen des zu erwartenden Einzugs der AfD in den Bundestag weitere Jahre einer Großen Koalition, da möglicherweise kein anderes Regierungsbündnis gebildet werden kann. Die GroKo - und damit Merkel - verbinden viele jedoch mit Stagnation und Ignoranz gegenüber den "Fortschrittsverlierern". Das will gefühlt niemand weitere vier Jahre haben. Allerdings: Anders als Kohl steht Merkel (bislang) weder ein starker SPD-Kandidat noch ein gefestigtes Oppositionslager gegenüber.

Zwist mit der CSU

Natürlich hat CSU-Chef Horst Seehofer positiv auf die Kandidatur Merkels reagiert. Die Äußerung, es sei gut, dass jetzt Klarheit herrscht, ist allerdings Unterstützung auf niedrigem Level. Zwischen CDU und CSU herrscht nur ein Burgfriede; die Vorsitzenden treten auf den Parteitagen der jeweiligen Schwesterpartei nicht auf, sind wohl auch nicht erwünscht. Einst agierten CDU und CSU wie eine Partei, nun schließt Seehofer nicht aus, in Bayern Wahlkampf mit teilweise anderer Gewichtung zu führen (Stichwort: Flüchtlinge) - normalerweise fatal vor der Wahl. Das könnte Stammwähler von der Urne fernhalten oder in die Arme der AfD treiben.

Rot-Rot-Grün formiert sich als linke Alternative

"Merkel ist schlagbar." Was nach selbstverständlicher Kampfansage vor einem Bundestagswahlkampf klingt, ist Ausdruck eines gestiegenen Selbstbewusstseins der Opposition. Das speist sich zwar weniger aus den eigenen Umfragewerten (die sind vor allem für die SPD mies) als aus der (gefühlten) Schwäche der Kanzlerin, aber es ist doch ein Unterschied, ob da wie 2013 ein verängstigtes Häuflein oder ein Gegner steht, der zumindest kämpft. Das Erstarren der Politik in der GroKo weckt die Sehnsucht nach einer Alternative - und macht so gleichzeitig erstmals Rot-Rot-Grün salonfähig. Auch wenn SPD, Grüne und Linke bisher keinen Lagerwahlkampf führen wollen: Sollte eine Regierung links von Merkel nach der Wahl möglich sein, deuten die Signale darauf hin, dass man es versuchen wird. Um überhaupt in die Situation zu kommen, sollte eher ein Mann wie Martin Schulz als der unbeliebte Sigmar Gabriel SPD-Kanzlerkandidat werden. Ende Januar wollen sich die Sozialdemokraten erklären.

AfD und Populismus greifen Union Wähler ab

Zweifellos ist die AfD die größte Gefahr für Angela Merkel. Die "Alternative" hat nicht nur die Stimmung im Land maßgeblich verändert, sie hat auch den Ton der politischen Debatte drastisch verschärft und gräbt der Union Wählerstimmen am rechten Rand ab (trotz Seehofers Versuchen, dies zu stoppen). Je besser das Ergebnis der AfD umso wahrscheinlicher wird es, dass eine Regierungsbildung unmöglich wird. Ja, selbst die Chancen auf eine rot-rot-grüne Koalition hängen davon ab, ob die AfD das bürgerliche Lager in genau der Dosierung schwächt, dass es für ein linkes Regierungsbündnis geradeso reicht. Einige Landtagswahlen und auch die US-Wahl haben gezeigt, dass es ein Wählerpotenzial für populistische Parteien gibt, das von den Demoskopen nicht erfasst wird - das AfD-Wahlergebnis ist daher eine unbekannte Größe. Voraussichtlich aber wird eine weitere Große Koalition nach der Wahl die einzige realistische Option für eine Regierungsbildung sein. Das wünscht sich im Moment aber niemand - auch oder gerade nicht unter der Führung von Merkel.