ARMUTSBERICHT Armut hat viele Gesichter


Auch im reichen Deutschland gibt es Armut und soziale Ausgrenzung, krasse Unterschiede zwischen Haben und Nichthaben, zwischen Ost und West.

»Kennen Sie einen Armen?«, hatte sich der damalige Industriepräsident Hans-Olaf Henkel Ende vorigen Jahres in einem Interview mokiert; er persönlich kenne nämlich keinen. »Gehen Sie doch mal durch die Straßen und suchen Sie die Armen. Ich finde sie nicht«, sagte er dem Berliner »Tagesspiegel«. Das empörte nicht nur die von Henkel so genannten »Gutmenschen«, die mit dem alltäglichen Elend zu tun haben.

Im offiziellen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung kann es der Top-Manager im Ruhestand jetzt nachlesen: Auch in einem reichen Land wie der Bundesrepublik gibt es Armut und soziale Ausgrenzung, krasse Unterschiede zwischen Haben und Nichthaben, zwischen Ost und West. Zwar existierten vorher schon verschiedene Berichte von Kirchen und Verbänden, Ländern und Kommunen. Mit der rot-grünen Koalition nahm sich jedoch erstmals eine Bundesregierung die Aufgabe vor, die bis 1998 vorliegenden Daten und Fakten zu einer umfassenden Bestandsaufnahme zu bündeln.

Frage der Definition

Dabei kam heraus, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich in den 90er Jahren weiter geöffnet hat und dass Arbeitslose und wenig Gebildete ebenso wie kinderreiche Familien, vor allem aber allein erziehende Mütter das höchste Armutsrisiko tragen. Schwierig ist allerdings die Frage der Definition. Henkel stieß sich seinerzeit an einem Report des DGB, der die Armutsgrenze bei weniger als der Hälfte des Durchschnittseinkommens zog und auf elf Millionen Betroffene kam.

Der »Lebenslagenbericht« der Bundesregierung geht von einem differenzierten Ansatz aus, wonach jemand als arm gilt, wenn er mangels ausreichender Mittel von der allgemein üblichen Lebensweise ausgeschlossen ist. Armut kann verschiedene Gesichter haben und läßt sich nicht auf das Finanzielle beschränken. So könne vielleicht ein junger Student von einem geringen Betrag leben, mit dem ein 70jähriger dagegen in Schwierigkeiten käme, gibt die parlamentarische Staatssekretärin im Arbeitsministerium, Ulrike Mascher, zu bedenken.

Kluft zwischen Ost und West

Der Report kommt zu dem Schluss, dass soziale Ausgrenzung zu- und Verteilungsgerechtigkeit abgenommen hat. Deutlich werden auch zum Teil drastische Unterschiede zwischen Ost und West. So hatten westdeutsche Haushalte 1998 ein durchschnittliches Nettoeinkommen von 61.800 Mark im Jahr, ostdeutsche von 47.400 Mark.

Zu den Geringverdienern zählten in den alten Bundesländern bis zu 20 Prozent oder knapp zwölf Millionen Menschen. In den neuen Bundesländern mit ihrem ohnehin niedrigeren Einkommensniveau lagen bis zu zwölf Prozent oder 1,8 Millionen Personen im unteren Einkommensbereich. Am oberen Ende der Skala gab es rund 13.000 Einkommensmillionäre mit einem mittleren Einkommen von rund drei Millionen Mark - genau 229 von ihnen lebten im Osten.

Krasse Unterschiede zeigten beim Privatvermögen

westdeutsche Haushalte hatten im Durchschnitt 254.000 Mark, ostdeutsche mit 88.000 Mark nur etwa 35 Prozent davon. Dahinter verbirgt sich eine »erhebliche Ungleichverteilung«»: So besaßen im Westen ein Zehntel der Haushalte rund 42 Prozent des gesamten Privatvermögens, den unteren 50 Prozent gehörte insgesamt 4,5 Prozent. Die reichsten zehn Prozent hatten jeweils rund 1,1 Millionen, die untere Hälfte rund 22.000 Mark.

Im Osten war die Ungleichheit noch größer: Hier besaßen die reichsten zehn Prozent im Durchschnitt 422.000 Mark und damit etwa 48 Prozent des gesamten Vermögens. Die untere Hälfte teilte ebenfalls 4,5 Prozent - pro Haushalt im Schnitt gerade mal 8.000 Mark.

Gleichzeitig stieg - vor allem auf Grund der Entwicklung im Osten - die Zahl der überschuldeten Haushalte von 1994 auf 1998 um 30 Prozent auf rund 2,8 Millionen Fälle oder sieben Prozent der Haushalte an. Als Auslöser für den Sturz in die Schuldenfalle nennt der Bericht dabei hauptsächlich Arbeitslosigkeit, niedrige Einkommen, falsches Konsumverhalten und Trennung oder Scheidung.

Daten nicht zu allen Gruppen

Die Zahl der Sozialhilfeempfänger hat sich in den alten Ländern seit 1973 vervierfacht, in den neuen Ländern seit 1991 verdoppelt. 1998 erhielten 2,88 Millionen Menschen Hilfe zum Lebensunterhalt. Die größte Gruppe darunter mit 1,1 Millionen waren Kinder.

Gerade über die Menschen in »extrem schwieriger Lage« wie Obdachlose oder die schätzungsweise 7.000 Straßenkinder gibt es nur wenig Daten. Hier soll ein gesonderter Bericht bis 2003 mehr Erkenntnisse bringen, wie Sozialminister Walter Riester ankündigte.

Susanne Ruhland


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