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Berlin³ Merkel hat es im Guten versucht, jetzt sind Verbote die einzig vernünftige Maßnahme gegen die Unvernunft


Markus Söder ist wieder einmal vorangegangen. In Bayern dürfen die Menschen ab Mitternacht landesweit nur noch begrenzt das Haus verlassen. Andere Bundesländer ziehen nach. Das ist alternativlos, findet stern-Autor Andreas Hoidn-Borchers.

Krisenzeiten gebären auch immer ihre eigene Sprache. Zu den im Doppelsinn treffendsten Wortschöpfungen der Corona-Krise gehört der Ausdruck Wohlstandstrotz. Der Begriff beschreibt hervorragend das Verhalten von Menschen, die auch nach eindringlichsten Mahnungen und obwohl die Gesundheit und womöglich das Leben Hunderttausender auf dem Spiel stehen, nicht ablassen mögen von ihren eingefrästen Gewohnheiten; denen Egoismus vor Gemeinsinn geht, egal, was um sie herum passiert. 

Die harmlosere Spielart ist seit Wochen in den Supermärkten zu besichtigen, die inzwischen allesamt einen Hamster in ihr Emblem aufnehmen könnten. Die schlimmere, die gemeingefährliche Variante des Wohlstandstrotzes spielt sich überall da ab, wo Menschen sich zusammenknubbeln, weil sie nicht auf ihren Freizeitspaß verzichten wollen. In den noch nicht gesperrten Parks oder auf Corona-Partys, drinnen wie draußen. Soziale Distanz? Pfeif drauf!

Söder zieht Konsequenzen

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat als erster die einzig richtige Konsequenz aus dem wohlstandstrotzigen asozialen Verhalten gezogen; ab Mitternacht gelten in seinem Land überall Ausgangsbeschränkungen. Nach und nach werden alle – alle! – anderen Länder seinem Beispiel folgen, sogar das notorisch fetenverliebte Berlin. Wer sich das Feiern nicht versagen kann, dem wird es verboten, zum Wohle aller. Manchmal ist das so schlicht. Manchmal muss man Menschen zu ihrem Glück zwingen. Oder in diesem Fall: zur Gesundheit. Ihrer. Und vor allem: der Gesundheit aller anderen. Kinder kennen den Satz aus dem Mund frustrierter Eltern: Hast du dir selber zuzuschreiben!

Jede Wette: Sollten sich auch weiterhin zu viele Menschen unvernünftig verhalten, wird es auch nicht bei den jetzt angekündigten Beschränkungen bleiben. Der nächste Schritt wird einer sein, den eigentlich niemand wollen kann, der dann aber unerlässlich ist: Ausgehverbote. Nicht nur in Bayern. Überall. Denn wenn sich ein Muster in dieser Krise ablesen lässt, dann dieses: Bayern prescht vor, alle andere folgen. Inzwischen nicht einmal sehr zögerlich. Und das ist richtig so.

Soziale Distanz macht keinen Spaß

Ja, es ist freudlos, auf Treffen mit anderen zu verzichten, sich Körperkontakte und Spaß in Gruppen zu verkneifen. Bis zuletzt hatte die Kanzlerin aber auf eine gewisse Einsicht in die Notwenigkeit gesetzt. Sie wollte eigentlich keine weiteren Eingriffe in das öffentliche Leben. Inzwischen hat Angela Merkel einsehen müssen, dass zu viele Deutsche die Situation doch nicht so ernst nehmen, wie sie ist. Und dass an Ausgangssperren, wie drastisch auch immer, kein Weg vorbeiführen wird. Solange die Menschen nicht kollektiv zur Vernunft kommen, sind sie, in einem berühmten Merkel-Adjektiv: alternativlos. 

Merkel hatte es noch im Guten versucht. Sie hätte ihre Fernsehansprache vom Dienstagabend im Prinzip sehr kurz halten können. Die entscheidende Botschaft ließ sich in einem schlichten Satz zusammenfassen: Bleibt zu Hause, verdammt noch mal! (Okay, den Fluch hätte sie nur gedacht, nicht gesprochen). Und den Subtext konnte jeder verstehen, der sich nicht völlig taub oder doof stellte: Dies ist die letzte Warnung. Und seid ihr nicht willig, dann…

Bei vielen Unwilligen waren die werbenden Worte in den Wind gesprochen. Bald büßen alle anderen mit weiteren Einschränkungen für sie mit. Die Wohlstandstrotzköpfe können sich wenigstens mit einem trösten: Klopapier haben sie ja genug. Sie werden nur irgendwann merken, dass man es nicht essen kann.


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