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Berlin³ Angela Merkel, eindringlich wie nie

Bundeskanzlerin Angela Merkel wendet sich in einer Ansprache an die Bürgerinnen und Bürger. "Es ist ernst. Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt", betont die Kanzlerin. Die Bewältigung der Coronavirus-Epidemie sei "eine historische Aufgabe - und sie ist nur gemeinsam zu bewältigen", so Merkel.
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Die Kanzlerin appelliert in ihrer TV-Ansprache an unser aller Vernunft. Es sei "existentiell", das öffentliche Leben so weit es geht herunterzufahren. "Ich appelliere an Sie: Halten Sie sich an die Regeln, die nun für die nächste Zeit gelten."

Braucht es Pathos in dieser Lage? Oder braucht es Empathie und den Appell an unser aller Verantwortungsbewusstsein?  Angela Merkel, Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland im nun 15. Jahr, hat sich, wie erwartet, für Letzteres entschieden.

Es ist ihr Weg, mit der größten Krise, die dieses Land seit Ende des Zweiten Weltkriegs zu bewältigen hat, umzugehen. Sie bleibt sich treu. Und das ist richtig und gut so.

Merkel nimmt das ganze Volk in die Pflicht

Es gibt ein paar Schlüsselsätze in der Krisenerklärung der Kanzlerin an diesem denkwürdigen Mittwochabend, und einer davon kommt schon sehr bald. Merkel sagt: "Ich glaube fest daran, dass wir diese Aufgabe bestehen, wenn wirklich alle Bürgerinnen und Bürger sie als IHRE Aufgabe ergreifen."

Im vorab vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung verbreiteten Redetext ist das Wort "IHRE" in Versalien geschrieben. Das ist nicht nur ein Hinweis auf Eindringlichkeit an entscheidender Stelle. Die Kanzlerin sucht in diesen zwingend kontaktarmen Zeiten den direkten Kontakt, die direkte Ansprache. Sie nimmt das ganze Volk in die Pflicht, jeden Einzelnen von uns - auch die, und ganz besonders die, die es zu dieser Stunde aus was für Gründen auch immer noch nicht begriffen haben.

"Bestehen". Und "begreifen". Es ist das erweiterte "Wir schaffen das" aus dem Flüchtlingssommer 2015. Nur dass ihr damals die Aufgabe lösbar schien, ganz egal, ob sich alle dahinter versammelten oder auch nicht. Diesmal aber braucht es jeden Einzelnen, damit eine Chance besteht, dass es gut geht. Was auch heißt: Jeder Einzelne kann diese notwendige kollektive Kraftanstrengung auch sabotieren, sei es aus Ignoranz oder unangebrachter Leichtfertigkeit. Oder aus Egoismus.

Angela Merkel wird auch persönlich

Merkel weiß das. Sie setzt (noch kann sie es) auf Vernunft und Einsicht. "Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt." Nur eine flächendeckende, ja fast schon völkerverbindende Solidarität kann dazu führen, dass sich die Ausbreitung des Virus verlangsamt. Merkel wird an einer Stelle dafür sogar persönlich: "Für jemanden, wie mich, für die Reise- und Bewegungsfreiheit ein schwer erkämpftes Recht waren, sind solche Einschränkungen nur in der absoluten Notlage zu rechtfertigen. Sie sollten in einer Demokratie nie leichtfertig und nur temporär beschlossen werden – aber sie sind im Moment unverzichtbar, um Leben zu retten."

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat die Metapher vom Krieg benutzt. Gleich fünfmal griff er in seiner Rede an das französische Volk darauf zurück. Angela Merkel hat darauf verzichtet. Es ist nicht ihre Art. Aber dass es eine Frage von Leben und Tod geworden ist für Teile dieser Gesellschaft, das hat die Kanzlerin auch so deutlich gemacht. Wer das nicht begriffen hat, der provoziert womöglich noch weitere Einschränkungen. Merkel hat an diesem Mittwoch – ausdrücklich – noch keine Ausgangssperre verhängt. Dass dies drohen kann, daran lässt die Kanzlerin allerdings auch keinen Zweifel. In ihren Worten klingt das übrigens so: "Wir werden als Regierung stets neu prüfen, was sich wieder korrigieren lässt, aber auch: was womöglich noch nötig ist."

rw

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