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Berlin³ nach den Landtagswahlen: Michael Kretschmer – kein Triumphator, aber ein ehrlicher Kämpfer

Manchmal ist es schon ein Erfolg, das Schlimmste verhindert zu haben. Für Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer könnte es der Beginn einer großen Karriere sein.

Bouffier. Hans. Haseloff. Günther. Kretschmer. Laschet. Das ist, in alphabetischer Reihenfolge, nicht etwa die Sechser-Kette, mit der sich Union Berlin in der Bundesliga den Klassenerhalt ermauern will. Das sind die aktuellen CDU-Ministerpräsidenten in der Bundesrepublik Deutschland. 6 aus 16. Es waren schon mal mehr, aber immerhin. Alte Schlachtrösser sind dabei (Bouffier, Laschet),  Menschen, die außerhalb ihres Bundeslandes kaum einer kennt (Hans, Haseloff), ein alerter Hoffnungsträger von durchaus liberaler Couleur (Günther) – und: Michael Kretschmer, bislang noch ohne Etikett.

Das wird sich ändern. Denn der 44-jährige gebürtige Görlitzer hat am vergangenen Sonntag ein politisches Kunststück vollbracht. Mit dem schlechtesten CDU-Ergebnis in der Geschichte Sachsens hat Kretschmer nun die Aura des Siegers gepachtet. Kein Triumphator, das nicht. Aber ein ehrlicher Kämpfer. Einer, der am rechten Rand die Linie rauf und runter gerannt ist und dabei kurz vor dem Tor beständig in die Mitte zog, unermüdlich. Michael Kretschmer ist nun jener Mann, der im deutschen Südosten die Rechtspopulisten der AfD zumindest soweit in Zaum gehalten hat, dass diese nicht vollends triumphieren konnten. 

Michael Kretschmer liefert Blaupause für Umgang mit AfD

Kretschmer ist damit ein Mann für besondere Aufgaben. Denn die Konstellation, dass die AfD im unzufriedenen Wählerklientel der Union wildert, wird es vermutlich noch eine Zeit lang geben. Sachsens Regierungschef, der das Ministerpräsidentenamt vor 20 Monaten von seinem spektakulär farblosen Vorgänger Stanislaw Tillich übernahm, hat für einen halbwegs erfolgreichen Abwehrkampf eine erste, ausbaufähige Blaupause geliefert.

Kretschmer war sich in den vergangenen anderthalb Jahren nicht zu schade, den Kontakt mit seinen unzufriedenen Bürgern zu suchen, heftige Wortgefechte und deftige Beschimpfungen inklusive. Er hat sich sogar Pegida-Anhängern gestellt. Er hat dabei klare Linien gezogen, sicherlich auch persönlich motiviert, weil sich die AfD erdreistete, ihn einen "Volksverräter" zu nennen.   

Michael Kretschmer am Montagmorgen nach der Wahl auf dem Weg ins Konrad-Adenauer-Haus in Berlin

Michael Kretschmer am Montagmorgen nach der Wahl auf dem Weg ins Konrad-Adenauer-Haus in Berlin

DPA

Die CDU hat nun also wieder einen eher konservativen Kantonisten im Programm, der gezeigt hat, dass man rechts der Mitte Wahlen gewinnen kann (wenn auch mit erheblichen Schrammen). In der Riege der CDU-Ministerpräsidenten hat er damit fast schon ein Alleinstellungsmerkmal.

Bündnis mit Grünen und SPD wird zur Prüfung

Wird er weiter an Statur gewinnen? Das hängt davon ab, wie geschickt Kretschmer in Dresden ein mutmaßliches Kenia-Bündnis aus CDU, Grünen und SPD schmieden kann, ohne dass dieses vom ersten Tag an in ideologische Grabenkämpfe verfällt. Denn gefühlt passen Grüne und Christdemokraten im deutschen Südosten nicht zusammen - und die Zukunft der von der Braunkohle geprägten Regionen ist eine Aufgabe, die nur im kollegialen Miteinander bewältigt werden kann. Kretschmer wird also auch Integrationsfähigkeit nach links unter Beweis stellen müssen.

Gelingt ihm das, dann hätte der Mann aus Görlitz womöglich sogar ein weiteres Alleinstellungsmerkmal. Er hätte ein modernes Bündnis durch eine eher strukturkonservative Wählerschaft manövriert. Es gibt einfachere Jobs in diesem Land, aber wenige, die reizvoller sind.

Auf Michael Kretschmer warten interessante Zeiten.

tis