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Kommentar

Krankes System : Schluss mit privat und gesetzlich! Eine Bürgerversicherung muss endlich her

Nur eine Bürgerversicherung kann das verkrustete Gesundheitswesen aufbrechen und die Nachteile für Kassen- und Privatpatienten beenden. Die SPD sollte mit der Union darüber ringen. In einer Regierung. 

Mit einer Bürgerversicherung würden die Unterschiede zwischen gesetzlichen und privaten Kassen fallen

Mit einer Bürgerversicherung würden die Unterschiede zwischen gesetzlichen und privaten Kassen fallen, meint stern-Autor Andreas Hoffmann

Der Kollege, der mich kürzlich um Rat fragte, kämpfte mit einem Problem. Seine Kinder. Nicht, dass er sie nicht lieben und pflegen würde, wenn sich einer der Racker mal einen Virus eingefangen hat. Nein, ihm ging es ums Geld. "Sie ruinieren mich", sagte er. Er sprach von seiner privaten Krankenversicherung. Seit die Jungen sein Leben umgekrempelt haben, zahlt er für sie hohe Extraprämien, was ihm nicht so klar gewesen sei. Nun grübelt er, wie lange das gut geht. Irgendwann fragte er: "Hast Du eine Idee, wie ich aus dem System aussteigen kann."

Wer sich lange mit Gesundheitspolitik beschäftigt, hört häufig solche Fragen, vor allem zur Privaten Krankenversicherung (PKV). Mit der Zeit gewinnt man den Eindruck, dass die PKV eine gute Idee ist – nur nicht für Normalsterbliche. Wer jung und gesund ist, als Beamter arbeitet, einen gut bezahlten Job hat und das Single-Dasein liebt, darf sich freuen. Er zahlt wenig.  

Aber wehe der erste Nachwuchs krabbelt durch die Flure, der Job ist futsch, und Falten graben sich ins Gesicht. Viele Privatpatienten glauben dann, ihr Leben diene nur einem Zweck: Kämpf mit Deiner Krankenversicherung. Da erfährt ein Mitfünfziger, dass sein Beitrag mal eben um 20 Prozent steigt. Ein ehemaliger Unternehmer erlebt, wie seine Prämie in zwei Jahren von 876 auf 1115 Euro klettert. Im Monat. Wobei er 1300 Euro selbst trägt, extra versteht sich. Oder eine Rentnerin muss einen Anwalt einschalten, damit ihre Versicherung endlich den Heilpraktiker bezahlt. 

Vergebliche Hoffnung auf Groko

Die Privatversicherer spielen diese Fälle als Einzelschicksale herunter - bedauerlich, aber nicht zu vermeiden, es gebe doch sooo viele zufriedene Kunden. Wer mit Verbraucherschützern und Finanzexperten redet, erhält einen anderen Eindruck. Wir reden nicht über ein paar Einzelfälle, sondern über ein Heer von Leidenden. Im Grunde wäre ein Warnhinweis nötig: "Achtung. Der Kauf einer PKV gefährdet ihr Einkommen im Alter."

Ich hatte deshalb auf die SPD gehofft. In den Sondierungen mit der Union wollte sie auch über eine Bürgerversicherung reden, und damit würden die Unterschiede zwischen gesetzlichen und privaten Kassen fallen. Privatversicherte müssten nicht mehr fürchten, zu verarmen; Kassenpatienten bekämen schneller einen Termin, weil es sich für den Herrn Doktor nicht mehr lohnt, Privatversicherte bevorzugt zu behandeln.

Doch die Union sagte Nein. Nicht einmal ein Schrittchen einer Reform gelang. Für die Menschen ist das eine schlechte Nachricht. Denn Kassenpatienten müssen oft zu lange warten, Privatpatienten werden doppelt und dreifach therapiert. Diesen Unsinn sollten wir stoppen, nicht nur wegen der Kosten. Zu viel Medizin kann krank machen.      

Bürgerversicherung würde auch Ärzten helfen

Und wegen der Zukunft. In den Laboren der Pharmafirmen entstehen neue Arzneien, und manche werden richtig teuer; einzelne Krebstherapien könnten bis zu 150.000 Euro kosten. Solche Summen lassen sich nur finanzieren, wenn sie auf viele Schultern verteilt werden, also auf Kassen- und Privatpatienten.

Das hilft auch den Ärzten. Dass alle Mediziner von Privatpatienten profitieren, stimmt so nicht. Die Unterschiede sind gewaltig. Wer in Berlin-Neukölln oder in Köln-Chorweiler als Kinderarzt praktiziert, geht oft leer aus. In seinen Vierteln leben kaum Privatpatienten. Anders als in reichen Gegenden wie Düsseldorf-Oberkassel oder Hamburg-Blankenese. Doch wenn dort Röntgenologen oder Orthopäden saftige Privathonorare einsammeln, sieht der erwähnte Kinderarzt keinen Euro mehr.

Diese Schlagseite würde die Bürgerversicherung beheben. Den Wegfall der Privathonorare will die SPD ausgleichen, indem die Ärzte für Kassenpatienten mehr bekommen. Den Kinderarzt in Neukölln würde es freuen.

Das System ist krank

Eine Bürgerversicherung schafft auch nicht den Wettbewerb zwischen gesetzlichen und privaten Kassen ab. Im Gegenteil. Sie erhöht ihn. Wie sieht der Wettbewerb für jenen pensionierten Unternehmer, der 1150 Euro Prämie im Monat zahlt, in der Praxis aus?

Von seiner Versicherung kann er sich nicht verabschieden, weil er dann viel Geld verliert. Das sind die Rückstellungen für das Alter, die von einem Teil der bisher gezahlten Prämien zurückgelegt wurden. Diese Ersparnisse wären futsch. Der Mann müsste sich dann erneut untersuchen lassen, und da er nicht mehr so gesund ist wie früher, zahlt er eine hohe Prämie oder verzichtet auf Leistungen.

Theoretisch könnte er sparen, wenn er innerhalb seines Versicherers den Tarif wechselt. Praktisch ist das schwierig. Die Versicherer stellen dem Kunden Hürden in den Weg, die er oft nur mit Expertenhilfe überwinden kann. Unser ehemaliger Unternehmer darf also nur zahlen. Und zahlen. Und zahlen. Dieses System ist ziemlich krank, und wer darin Wettbewerb entdeckt, hält auch eine Atombombe für ungefährlich.

Und wieder liegt die Hoffnung auf der SPD

Ich glaube, die Trennung zwischen privaten und gesetzlichen Kassen hat sich überholt. Sie nutzt den Geschäftsinteressen von Ärzten und Versicherern und dem Wunsch vieler Beamter nach einer Überholspur im Wartezimmer. Sorgen müssen sich die Staatsdiener nicht. Sie können sich privat günstig versichern, das meiste zahlt ihr Beihilfesystem - also wir Steuerzahler.

Diese Front der Blockierer sollte die SPD aufbrechen. Und darüber sollten die Delegierten des Parteitags nachdenken. Klar, im Sondierungspapier findet sich nichts zur Bürgerversicherung, diese 28 Seiten sind aber nicht die heilige Schrift. Man kann sie ändern. Nur dazu müssen die Sozialdemokraten mit der Union koalieren und nicht auf der Oppositionsbank schmollen.