Bundeswehr-Skandal Totenschänder soll gestanden haben


Die Bundeswehr hat sechs Soldaten identifiziert, die an der Leichenschändungen in Afghanistan beteiligt gewesen sein sollen - einer hat angeblich bereits gestanden. Um Vorfälle wie die Leichenschändung künftig zu verhindern, will Verteidigungsminister Jung die Bundeswehrausbildung verbessern.

Nach der Veröffentlichung von Skandalfotos mit Bundeswehrsoldaten in Afghanistan wird gegen sechs namentlich bekannte Personen ermittelt. Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung sagte im ZDF, vier von ihnen seien inzwischen nicht mehr bei der Bundeswehr. "Bei zwei weiteren werden wir die entsprechenden Konsequenzen ziehen." Nach Informationen des Deutschlandfunks hat einer der Vernommenen die Tat gestanden. "Wir sind auf Hochtouren bei unseren Ermittlungen", sagte Jung. Die Männer kamen vermutlich aus dem bayerischen Standort Mittenwald, wie die Nachrichtenagentur dpa aus gut informierten Kreisen erfuhr. "Wer sich so verhält, hat in der Bundeswehr keinen Platz." Nach Veröffentlichung der Fotos in der "Bild"-Zeitung stehe das Ansehen der Bundeswehr und der an Auslandseinsätzen beteiligten Soldaten auf dem Spiel.

Bundestag verurteilt Totenschändungen

Einmütig hat der Bundestag die mutmaßlichen Totenschändungen durch deutsche Soldaten in Afghanistan verurteilt. Verteidigungsminister Jung betonte zum Auftakt der Debatte über das Weißbuch zur deutschen Sicherheitspolitik erneut: "Wer sich so verhält, hat in der Bundeswehr keinen Platz." Jung sagte unter dem Beifall des Plenums, dass es der Bundeswehr innerhalb von 24 Stunden gelungen sei, die sechs Tatbeteiligten zu ermitteln. "Vier sind nicht mehr bei der Bundeswehr, bei zwei weiteren werden alle Konsequenzen durchgesetzt."

Jung und andere Redner warnten vor dem Plenum vor einer generellen Verdächtigung der Bundeswehr. Die FDP-Verteidigungspolitikerin Birgit Homburger sagte, wer so etwa tue, habe in der Bundeswehr nichts verloren. Ihr SPD-Kollege Walter Kolbow erinnerte daran, dass das Prinzip der Inneren Führung und das Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung auch für Soldaten im Auslandseinsatz gelte. Der Abgeordnete der Linksfraktion, Wolfgang Gehrcke, sagte, er frage sich, was in den Köpfen der jungen Soldaten vorgegangen sei. Der CDU-Politiker Bernd Siebert nannte die Fotos über die Totenschändung abstoßend.

Kritik auch vom Nato-Chef

Die von der "Bild"-Zeitung veröffentlichten Fotos zeigen unter anderem einen deutschen Soldaten, der den Totenschädel auf eine Stahlstrebe eines Militär-Geländewagens spießt. Auf einem anderen Bild hält ein Soldat den Schädel an sein entblößtes Glied. Die Aufnahmen sollen im Frühjahr 2003 bei einer Patrouillenfahrt nahe Kabul entstanden sein. Zwei Stabsunteroffiziere und zwei weitere Soldaten sollen daran beteiligt gewesen sein. Auch Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer kritisierte den Vorfall. Die Friedenstruppe Isaf steht unter Nato-Kommando.

Der frühere Bundeswehr-General Klaus Reinhardt sprach sich unterdessen für eine Fortsetzung des Afghanistan-Einsatzes aus. "Wir dürfen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten" sagte Reinhardt der "Berliner Zeitung". Die an Auslandseinsätzen beteiligten Soldaten der Bundeswehr würden so intensiv ausgebildet wie in keiner anderen Armee. Die veröffentlichten Fotos bezeichnete Reinhardt, der 1999 Kommandeur der internationalen Friedenstruppe im Kosovo war, als "absolut geschmacklos"

Furcht vor Anschlägen

Der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbands, Bernhard Gertz, befürchtet in Folge des Vorfalls eine wachsende Gefahr von Anschlägen auf deutsche Soldaten in Afghanistan. "Dieses Vorgehen ist in der Tat geeignet, die ganze arabische, muslimische Welt gegen uns aufzubringen", sagte Gertz dem Fernsehsender "Phoenix". "Die Kommandeure vor Ort werden sich überlegen müssen, mit welchen Reaktionen sie zu rechnen haben."

Der Skandal wird voraussichtlich heute auch im Bundestag zur Sprache kommen. Das Parlament berät über den weiteren Einsatz der Streitkräfte gegen den internationalen Terrorismus und über das neue Weißbuch zur deutschen Sicherheitspolitik und zur Zukunft der Bundeswehr. Dazu gibt Verteidigungsminister Jung eine Regierungserklärung ab.

Der stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende Hans-Christian Ströbele, sagte im Hessischen Rundfunk, er fürchte, dass die bisher bekannten Fälle nicht die einzigen bleiben würden: "Soweit ich gehört habe, soll es noch viel mehr Fotos geben aus Afghanistan - auch Fotos, auf denen KSK-Leute zu sehen sind."

Bundeswehrausbildung wird überprüft

Als Konsequenz aus dem Skandal um die Totenschädel-Fotos deutscher Soldaten in Afghanistan soll die Ausbildung bei der Bundeswehr überprüft werden. Verteidigungsminister Jung sagte der Bundestag in einer Regierungserklärung zum Weißbuch, er habe Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan gebeten, die Ausbildungsgrundlagen und die Begleitung der Soldaten in Auslandseinsätzen zu untersuchen. Falls nötig sollten hier Anpassungen vorgenommen werden. Zugleich betonte Jung, despektierliches Verhalten deutscher Soldaten im Ausland werde nicht toleriert. "Unser Anliegen ist es, dass die Soldaten der Bundeswehr auch und gerade im Ausland die Werte unseres Grundgesetzes vermitteln und vorleben", sagte der Minister.

Nach Angaben Jungs sind mittlerweile sechs Verdächtige ermittelt, vier von ihnen seien nicht mehr bei der Bundeswehr. "Wir werden sie einer gerechten Strafe zuführen", kündigte der Minister an.

DPA/AP/Reuters AP DPA Reuters

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