VG-Wort Pixel

Fünf Jahre nach Attentat Zum Prozessauftakt veröffentlicht "Charlie Hebdo" kritische Mohammed-Karrikaturen erneut

Zeichnung der Opfer des Anschlags aif "Charlie Hebdo" an einer Häuserwand
Erinnerung an die Opfer des islamistischen Anschlags auf die Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo" in Paris: Fünf Jahre danach beginnt der Prozess gegen die Komplizen der Haupttäter.
© Stephane de Sakutin / AFP
Fünf Jahre nach dem "Charlie Hebdo"-Anschlag beginnt in Paris ein Prozess gegen 14 Komplizen der getöteten Attentäter. Das Verfahren verschafft der Tat neue Aufmerksamkeit. Die Satire-Zeitschrift veröffentlicht die Mohammed-Karrikaturen demonstrativ erneut.

"Je suis Charlie" - "Ich bin Charlie": Dieses Schlagwort ging nach dem Anschlag auf die französische Satirezeitung "Charlie Hebdo" im Januar 2015 um die Welt. Gut fünf Jahre später sagt dies niemand mehr. Obwohl das Attentat Frankreich und die Welt erschütterten, ist der Anschlag vom 7. Januar 2015 ein fast verdrängtes nationales Trauma. Die folgenschwereren Attentate auf das Pariser "Bataclan" und in Nizza sowie monatelange Gelbwesten-Proteste und die verheerenden Auswirkungen der Corona-Pandemie folgten und drängten den Fall "Charlie Hebdo" in den Hintergrund.

An diesem Mittwoch aber dürfte sich das wieder ändern. Es beginnt in Paris der Prozess gegen 14 mutmaßliche Komplizen der Attentäter sowie Hintermänner. Und die Satire-Zeitschrift veröffentlicht dazu passend die kritischen Mohammed-Karrikaturen, die den Attentätern als Grund für ihre Bluttat galten, demonstrativ erneut. "Tout ça pour ça" (wörtlich: "All das, nur dafür"; sinngemäß auch: "Viel Lärm um nichts") soll dazu die Schlagzeile auf dem Titel lauten.

Es ist das bisher größte Verfahren wegen der islamistischen Anschlagsserie mit insgesamt 258 Todesopfern in Frankreich. Wegen seiner historischen Bedeutung wird der gesamte Prozess gefilmt. Die Pariser Anti-Terror-Staatsanwaltschaft hat die Verhandlungen bis zum 10. November angesetzt. Ursprünglich sollten sie bereits im Mai beginnen, doch die Corona-Krise und die Ausgangsbeschränkungen kamen dazwischen.

"Charlie Hebdo"-Attentat: Täter wurden getötet

Vor dem Pariser Schwurgericht werden 14 Männer angeklagt. Sie sollen die Brüder Chérif und Saïd Kouachi unterstützt haben, die am 7. Januar 2015 die Redaktionsräume von "Charlie Hebdo" stürmten und kaltblütig zwölf Menschen töteten, darunter einige der bekanntesten Zeichner Frankreichs. Die Kouachi-Brüder selbst wurden nach einer zweitägigen Verfolgungsjagd durch Elitepolizisten aufgespürt und getötet.

Zudem sollen die Verdächtigen dem mit den Brüdern befreundeten Islamisten Amédy Coulibaly geholfen haben. Er tötete am 8. und 9. Januar 2015 eine Polizistin in einem Pariser Vorort und vier weitere Menschen bei der Geiselnahme in dem vor allem von Juden frequentierten Supermarkt "Hyper Cacher". Coulibaly wurde erschossen, als die Polizei das Geschäft stürmte.

Drei der 14 Angeklagten können nicht vor Gericht gestellt werden: Sie kamen nach Einschätzung von Geheimdiensten vermutlich in Syrien oder im Irak ums Leben, werden aber weiter mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Hinterbliebene wollen Gerechtigkeit

Rund 200 Menschen haben sich als Zivilkläger dem Strafverfahren angeschlossen. Darunter sind Überlebende und Angehörige der insgesamt 17 Anschlags-Opfer. "Dieser Prozess ist ein wichtiger Schritt für sie", sagen die Anwältinnen der Opfer von "Charlie Hebdo", Marie-Laure Barré und Nathalie Senyk. "Sie erwarten, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt."

Ganz Frankreich erhofft sich von dem Prozess Aufklärung über die Hintergründe der grausamen Anschläge, hinter denen das Extremistennetzwerk Al-Kaida im Jemen und die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) stecken sollen.

Lebenslang für Getöteten von symbolischer Bedeutung

Als Hauptangeklagter soll Ali Riza Polat vor dem Schwurgericht erscheinen, ein französischer Staatsbürger türkischer Herkunft. Dem 35-Jährigen droht eine lebenslange Haftstrafe. Er soll laut Anklage "auf allen Ebenen" eine zentrale Rolle bei der Vorbereitung der Attentate gespielt und Waffen beschafft haben. Er wurde im März 2015 nach mehreren gescheiterten Fluchtversuchen nach Syrien verhaftet.

Ebenfalls lebenslänglich droht dem vermutlich getöteten Mohamed Belhoucine, das Urteil gegen ihn hat deshalb vor allem symbolische Bedeutung. Er soll für die Radikalisierung Coulibalys verantwortlich sein, den er im Gefängnis kennenlernte.

Belhoucine soll ihm Kontakte zur IS-Miliz ermöglicht und seinen Treueschwur zu den Extremisten verfasst haben. Die meisten anderen Angeklagten stehen wegen "Mitgliedschaft in einer Terrorgruppe" vor Gericht, ihnen drohen bis zu 20 Jahre Haft.

"Die Zeitung ist immer noch da"

Dem oft bitterbösen Humor von "Charlie Hebdo" hat der Anschlag nichts anhaben können – auch wenn sich die Satirezeitung im 50. Jahr ihres Bestehens mehr mit der Pandemie befasst als mit der islamistischen Gefahr. "Die Zeitung ist immer noch da", schrieb jüngst Redaktionsleiter Laurent Sourisseau alias "Riss", der den Angriff schwer verletzt überlebte. "Wer dachte, das Massaker habe sie demütiger und diskreter gemacht, hat sich getäuscht."

Wie zum Beweis hat sich die Redaktion entschlossen, ihre umstrittenen Mohammed-Karrikaturen just zum Prozess erneut zu veröffentlichen. Bisher hatten die Macher von "Charlie Hebdo" davon abgesehen. "Nicht weil es verboten ist, das Gesetz erlaubt es uns. Sondern weil wir einen guten Grund dafür brauchten, einen Grund, der sinnvoll ist und etwas zur Debatte beiträgt", schrieb die Zeitung. Zu Beginn des Prozess sei ein Nachdruck nun aber "unverzichtbar".

"Wir werden niemals ruhen"

Der erneute Abdruck wurde in sozialen Medien bereits sowohl begrüßt als auch als Provokation bezeichnet. Beirren lassen wollen sich die spitzen Federn aber nicht. "Wir werden niemals ruhen. Wir werden niemals aufgeben", so "Riss" in der "Charlie"-Online-Ausgabe . 

Auch mit dem Prozess selbst geht "Charlie Hebdo" auf ganz eigene Art um: Der Zeichner François Boucq und der Autor Yannick Haenel sollen ihn für das Blatt verfolgen. Die beiden regelmäßigen Mitarbeiter hätten den Anschlag nicht miterlebt und könnten deshalb Dinge zeigen, "die wir nicht unbedingt sehen", betont Chefredakteur Gérard Biard.

dho AFP DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker