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Kampf gegen Corona Stromanbieter, Wasserwerke, Feuerwehr: So wappnet sich die "kritische Infrastruktur" für die Omikron-Welle

Auch in Zeiten des Coronavirus allzeit bereit: Fertig für den Einsatzfall stehen Schuhe und Overall in der Halle einer Feuerwehr
Auch in Zeiten des Coronavirus allzeit bereit: Fertig, um im Einsatzfall hineinzuspringen, stehen Schuhe und Overall in der Halle einer Feuerwehr
© Frank Rumpenhorst / DPA
Stellen Sie sich vor: Halb Deutschland infiziert sich mit der Omikron-Variante des Coronavirus und durch Personalmangel müssen Versorger ihren Dienst einstellen. Wie Unternehmen dieses Horrorszenario abwenden wollen – wir haben nachgefragt.

Inhaltsverzeichnis

Erst fällt der Strom aus. Wegen zu vieler Omikron-Fälle haben die Energieversorger nicht genug qualifiziertes Personal, um ihre Kraftwerke zu steuern. Damit quittieren die Pumpen der Wasserwerke genauso ihren Dienst wie die Internetserver in Deutschland. Die Telekommunikation bricht zusammen und damit auch die Logistik der Supermarktketten. Deutschland liegt brach.

Das Omikron-Coronavirus und mögliche Folgen

So oder so ähnlich sähe das Szenario aus, wenn eintritt, wovor der Expertenrat warnt und was die Bundesregierung unbedingt verhindern muss: der Zusammenbruch der kritischen Infrastrukturen durch eine massive Omikron-Welle. Im stern-Interview hat Andreas Kling, Berater für Bevölkerungsschutz, angeprangert, dass Bund und Länder den Katastrophenschutz seit Jahren vernachlässigten.

Wie gut aber sind Krankenhäuser, Energiekonzerne, Wasserversorger und andere wichtige Unternehmen auf so einen Ernstfall vorbereitet? Und was für einen Notfallplan haben sie, sollte die Omikron-Variante des Coronavirus tatsächlich eine kritische Anzahl von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer anstecken?

Krankenhäuser

Die Helios Kliniken GmbH versorgt nach eigenen Angaben mit rund 73.000 Mitarbeitern und 89 Kliniken in Deutschland jährlich 5,6 Millionen Kranke. "Wir beobachten die Corona-Entwicklung, insbesondere die Omikron-Variante, sehr genau und können so kurzfristig noch Kapazitäten aufstocken", schreibt eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage. Planbare Operationen könnten verschoben werden, um weitere Spielräume zu schaffen. Nicht aufschiebbare OPs würden aber weiterhin durchgeführt. "Die Notfall- und Krisenversorgung stellen wir uneingeschränkt sicher."

Der Konzern habe schon vor der Pandemie die Zahl seiner Intensivbetten auf 2300 aufgestockt und auch entsprechend viel Personal. Auch die Zahl der Intensivpflegekräfte sei 2020 stabil geblieben: "Unter unseren deutschlandweit rund 23.000 Pflegekräften sind weiterhin 3500 Intensivpflegekräfte im Einsatz."

Stromversorger

Eon ist Deutschlands größter Energiekonzern. Ein ständig aktualisiertes Schutzkonzept, der Verzicht auf die meisten Dienstreisen sowie mobiles Arbeiten hätten gemeinsam mit einer ersten Impfkampagne dafür gesorgt, "dass die Infektionszahlen bei Eon unter dem bundesweiten Durchschnitt liegen." Eine zweite Impfkampagne sei ins Leben gerufen worden, schreibt ein Unternehmenssprecher dem stern.

"Im Rahmen der Vorbereitung auf alle denkbaren Krisenszenarien ziehen wir verschiedene Maßnahmen in Betracht, unter anderem haben wir auch die Möglichkeit einer vorübergehenden Unterbringung von Mitarbeitenden direkt am Standort (z.B. Netzleitstellen) berücksichtigt." Diese Maßnahmen seien aber bislang nicht umgesetzt.

RWE setzt ebenfalls auf Kontaktreduzierung und Impfkampagnen für die Angestellten. "Betriebsnotwendige interne Veranstaltungen können unter Einhaltung der Abstandsgebote und der '2G+-Regel' stattfinden", heißt es aus dem Unternehmen. "Auf dieser Basis sind wir gemessen an Infektionszahlen gut durch die Pandemie gekommen."

Wasserwerke

Die Berliner Wasserbetriebe sind für jeden Tropfen Wasser verantwortlich, der aus den Hähnen der rund 1,8 Millionen Berliner Haushalte kommt. Deren Klärwerke reinigen zudem ein Drittel des Brandenburger Abwassers.

Bisher habe es keine personellen Engpässe gegeben, aber: "Natürlich sind auch wir nicht verschont geblieben. Wir sind bisher mit einem 'hellblauen' Auge durch die Pandemie gekommen", erklärt Pressesprecher Stephan Natz auf Anfrage des stern. Zwar habe es Ausfälle wegen Infektionen und Quarantänen gegeben, aber diese seien fast ausschließlich auf den privaten Raum zurückgeführt worden. "Gestern hatten wir 19 an Infektions- und vier Quarantänefälle – bei mehr als 4600 Mitarbeitern", so Natz. Ohnehin seien die Prozesse in den Wasser-, Pump- und Klärwerken weitestgehend automatisiert. Selbst, wenn etliche Mitarbeiter im Zuge von Omikron ausfielen, hätte das, davon geht das Unternehmen aus, keine Auswirkung auf die Versorgung.    

Das Unternehmen habe angesichts der Omikron-Welle grundsätzlich keine Maßnahmen verschärft. Es seien weiterhin die Regeln gültig, die schon seit Pandemiebeginn in Kraft sind. Einige der Maßnahmen seien zwischenzeitlich wieder gelockert, aber noch vor Omikron erneut verschärft worden. Mindestens einmal wöchentlich tage ein unternehmensinterner Krisenstab. Auf dessen Sitzungen würden die Maßnahmen geprüft und gegebenenfalls angepasst.

Für alle Mitarbeiter, deren Tätigkeitsfeld es erlaubt, gelte ein "Home-Office-Befehl". Seit Pandemiebeginn gebe es zudem "Maximalanwesenheitsquoten" – das heißt seit März 2020 seien die Büroräume nie voll ausgelastet gewesen. Für alle körperlichen Arbeiten (Instandhaltung, Schichtdienste in Klär- und Pumpwerken, Entstörungsdienste, etc.) würden individuelle Sonderlösungen angewandt – wie zum Beispiel zeitlich oder räumlich entzerrte Schichten.

Omikron – neue Coronavirus-Variante

Des Weiteren fahre das Unternehmen eine umfangreiche Vorsorgestrategie. Tests und Masken würden gestellt, die 3G-Pflicht am Arbeitsplatz rigoros eingehalten. Zudem seien diesen Sommer "weit über 1000" der knapp 4600 Mitarbeiter betriebsärztlich geimpft worden, sagte Natz. Die Impfquote liege schätzungsweise bei 85 bis 90 Prozent. Und aktuell boostere der betriebsärztliche Dienst nach Kräften und vor allem die für die Schichtdienste unabkömmlichen Beschäftigten.

Feuerwehr

Auch die Feuerwehr bereitet sich auf eine kritische Situation vor. "Alle Dienststellen überarbeiten derzeit ihre Notfallpläne, welche bereits zu Beginn der Pandemie erstellt wurden", sagt Tobias Thiele, Sprecher der Deutschen Feuerwehr-Gewerkschaft auf stern-Anfrage. Es würden mehrere "Havariestufen" definiert, um die "maximale Gesunderhaltung aller Kolleginnen und Kollegen, die in der kritischen Infrastruktur tätig sind", zu gewährleisten. Das gehe von abweichenden Notfalldienstplänen, bis hin zu einer im schlimmsten Fall eintretenden "Kasernierung" der Feuerwehrleute über mehrere Tage. Diese Vorbereitungen träfe jede Gebietskörperschaft in Eigenregie.

Die Omikron-Prognosen stellten eine "besondere Herausforderung dar", erklärt Thiele. Das werde insbesondere bei der Arbeit der Kollegen in den Rettungsdienststellen deutlich. Diese arbeiteten seit Beginn der Pandemie "unter massiv erschwerten Bedingungen": Obwohl mehr Notrufe eingingen, gebe es oftmals nicht ausreichend Fahrzeuge. Das liege daran, dass die Rettungsmittel regelmäßig desinfiziert werden müssten – in dieser Zeit stünden die Fahrzeuge logischerweise nicht zur Verfügung. Auch "die Unterbringung eines jeden einzelnen Patienten stellt eine logistische Herausforderung, einen Kraftakt dar", so Thiele. Sollten in den Rettungsdienststellen zahlreiche Mitarbeiter ausfallen, ließe sich das nicht ohne Weiteres kompensieren.

Die größte Sorge der Feuerwehr sei, "dass gleichzeitig so viele Kolleginnen und Kollegen erkranken, dass wir den Brandschutz und Rettungsdienst, die Besetzung der Rettungsleitstellen nicht mehr sicherstellen können".

Polizei

"Hohe Infektionszahlen, Ausfall ganzer Dienststellen und Hundertschaften, Quarantäne für viele Tausend Polizistinnen und Polizisten – das sind die Szenarien, auf die die Polizei sich derzeit vorbereitet", erklärt Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). Die DPolG sehe die Polizei "vor riesigen Herausforderungen, sollte die Omikron-Welle in der von vielen Experten vorausgesagten Weise auch in Deutschland um sich greifen".

Dennoch stehe für die Gewerkschaft fest, dass die Polizei den Schutz der Bevölkerung garantieren werde. Notfalls würden Dienstpläne umgestellt, Reserven mobilisiert und alles getan, "um auch die Einsatzkräfte vor Infektionen bestmöglich zu schützen". Das bedeute aber auch, dass im Ernstfall andere Polizeitätigkeiten auf später verschoben werden müssten – wenn das denn zumutbar sei.

Zu den möglichen Personalausfällen kämen allerdings noch die zahlreichen Demonstrationen hinzu, für deren Schutz die Polizei sorgen muss. "Die Kräfte können sich nicht aussuchen, wo sie eingesetzt werden und leben schon seit Beginn der Coronakrise mit dem hohen Infektionsrisiko, dem auch ihre Familien ausgesetzt sind", sagt Wendt.

Omikron: Bild eines positiven Corona-Schnelltests

Auch müssten die Beamten die Einhaltung der verschärften Maßnahmen nach Weihnachten kontrollieren – vor allem in der Silvesternacht. "Niemand sollte damit rechnen, dass er gegen Corona-Auflagen verstoßen könne, weil die Polizei andere Sachen zu tun hat, das wird dann ein teurer Irrtum sein, die Geldbußen sind drastisch", so Wendt.

Von der Politik erwarte die DPolG, dass sie "sowohl bei der Ausstattung mit Schutzmaterial als auch bei den Möglichkeiten, sich impfen zu lassen, nichts unversucht lässt. Die Bevölkerung erwartet zu Recht, dass die Kräfte voll einsatzfähig sind und von ihnen selbst kein Infektionsrisiko ausgeht."

Die Impfbereitschaft bei der Polizei sei von Beginn an sehr hoch gewesen – "daran hat sich nichts geändert", erklärt Wendt. Das bekräftigt auch Florian Güthlein, Sprecher der Bundespolizei: "Die Impfquote der Bundespolizei liegt bei über 85 Prozent und ist weiter steigend." Die Bundespolizei sei "funktionstüchtig und einsatzbereit, auch bei noch steigenden Zahlen."

Supermärkte

"Um möglichen Personalengpässen vorzubeugen, haben die Unternehmen Personaleinsatzpläne ausgearbeitet und arbeiten bei Bedarf auch mit Zeitarbeitsfirmen zusammen", schreibt ein Sprecher des "Bundesverbandes des Deutschen Lebensmittelhandels" dem stern. Auch hier gelten Hygiene- und Schutzkonzepte für Angestellte

Um die Belieferung von Supermärkten sorgt er sich nicht: "Versorgungsprobleme sehen wir bei Lebensmitteln, Getränken, Drogerieartikeln, Wasch-, Putz- und Reinigungsmitteln momentan nicht. Aufgrund des Weihnachtsgeschäfts haben sich die Handelsunternehmen zusätzlich mit Waren bevorratet. Vor allem haltbare Lebensmittel wie Nudeln, Reis, TK-Produkte oder Konserven sind in großer Menge vorproduziert worden." Die Nachfrage sei weitgehend normal. Sollten doch Engpässe bei Herstellern oder Lieferanten entstehen, könnten Kunden auf andere Marken ausweichen.

Müllentsorgung

In München sorgt der Abfallwirtschaftsbetrieb München (AWM) für die Müllentsorgung. Seit April 2020 werde ein Notfallplan ständig aktualisiert, um die Müllentsorgung auch unter Pandemiebedingungen sicherzustellen, schreibt eine Unternehmenssprecherin dem stern. "Der innerbetriebliche Pandemieplan basiert auf einem Drei-Stufen-Plan, der verschiedene Eskalationsstufen – abhängig vom Ausmaß des Personalmangels – beinhaltet, beginnend mit Schichtplänen, zeitversetztem Dienstbeginn sowie Urlaubssperren und -rückholungen der Belegschaft bis hin – im äußersten Notfall – zur Reduzierung des Leistungsumfangs. In jedem Fall wird die Einsammlung der Restmülltonne sichergestellt." Die Mitarbeiter würden im Rahmen eines Anti-Corona-Programms geschult, getestet und geimpft.

Die Telekom

"Über 30.000 Mobilfunkstandorte funken im Netz der Telekom. Mehr als bei jedem anderen Anbieter in Deutschland", heißt es auf der Website der Deutschen Telekom. Das Unternehmen decke "sämtliche Aktivitäten des Festnetz- und Mobilfunk-Geschäfts in Deutschland" ab.

Dementsprechend steht wohl außer Frage, dass die Telekom Teil der von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) angesprochenen "kritischen Infrastruktur" ist. " Notfallpläne sind grundsätzlich Teil unseres Risikomanagements", erklärt Pressesprecher Dirk Wende auf Anfrage des stern. Die Telekom beobachte das Infektionsgeschehen genau, könne "schnell und zielgerichtet" agieren, sollte sich die Lage verschlimmern.

Beschäftigte im Innendienst arbeiteten mittlerweile wieder von zu Hause aus. Das gelte auch für den Betrieb der Infrastruktur oder die Kundenbetreuung. "Im technischen Außendienst haben wir Teams aufgestellt, die unabhängig voneinander arbeiten", so Wende weiter. Außerdem arbeiteten diese Mitarbeiter – so weit möglich – allein und verfügten über entsprechende Schutzausrüstung.

"Wir sind überzeugt, dass wir mit den von uns getroffenen Sicherheitsmaßnahmen auch bei einer fünften Welle unseren Betrieb aufrechterhalten können und es zu keinen Einschränkungen für unsere Kundinnen und Kunden kommen wird", sagt der Pressesprecher.

Die Bahn

Ein Sprecher der Deutschen Bahn antwortet dem stern, das Unternehmen biete seinen Mitarbeitern "flächendeckend Impfungen und Tests" an und stehe im engen Austausch mit Ministerien und Behörden. "Wie in den letzten Monaten sind wir vorbereitet, unseren Betrieb anzupassen und auf die jeweilige Situation in enger Abstimmung mit den Experten zu reagieren." 


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