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CSU-Parteitag: Die zackige Wahlkämpferin für Bayern

Mit Geschick den schwierigen Pflichttermin gemeistert: Attacken gegen die SPD, viel Lob für die Schwesterpartei. Angela Merkel begeisterte die Delegierten auf dem CSU-Parteitag in Nürnberg. Am Ende applaudierten sogar die CSU-Oberen, die noch im Vorfeld die Kanzlerin scharf kritisiert hatten.

Von Hans Peter Schütz, Nürnberg

Als Angela Merkel in ihrer Staatskarosse vorfährt, guckt sie recht mürrisch durch die Scheiben. Als die Autotüre aufgeht, tritt sie mit strahlendem Gesicht vor die Kameras, die vor der Nürnberger Messehalle auf sie warten. Und als sie vor dem CSU-Parteitag steht, legt sie einen Auftritt hin, wie ihn wohl keiner der 1000 Delegierten erwartet hat.

Es redet an diesem Freitagnachmittag nicht Angela Merkel, die Kanzlerin des Ungefähren, wie sie CSU-intern gerne genannt wird. Nicht Angela die Moderatorin, die ihre Worte allemal koalitionspolitisch auszubalancieren pflegt. Es steht oben auf der Bühne, wo das Parteitagsmotto "Für ein starkes Bayern" prangt: Angela die zackige Wahlkämpferin.

Merkel umgarnt die CSU

Unten in der ersten Reihe vor ihr sitzen alle die CSU-Oberen auf Kissen mit der Aufschrift "Für ein starkes Bayern" und können es fast nicht glauben, was sie da vorgeführt bekommen. Günther Beckstein, der in den vergangenen Wochen manche Bosheit über Angela Merkel losgelassen hat, guckt leicht benommen auf eine ihm offenbar völlig unbekannte Kanzlerin. Die loslegt, als käme sie soeben nicht zurück von einem Staatsbesuch in Algerien, sondern vom rhetorischen Meisterkurs für Wahlkämpfer.

Merkel greift tief in die Kiste mit politischen Komplimenten an die Schwesterpartei: "Die Union in Deutschland kann nur stark sein, wenn die CSU in Bayern stark ist." Da muss geklatscht werden. Leider habe sie Franz Josef Strauß nicht mehr kennen lernen können, sagt sie. "Er war ein Mann, ohne den die Mauer nicht gefallen wäre." Da muss noch kräftiger geklatscht werden. "Ein Mann," setzt sie in den Beifall hinein noch leise hinzu, "ohne den ich nicht hier stehen würde." Da wird geklatscht, dass jeder hören kann, wie sie die Herzen dieser CSU-Delegierten erreicht hat.

Pendlerpauschale weiter Streipunkt in der Union

So hat man Angela Merkel noch nicht gesehen. Knallt mit der Hand aus Rednerpult, dass das wackelt und watscht den Berliner Koalitionspartner: "Die SPD ist, wo man hinschaut, zerrissen." Sage Ja und Nein und Nein und Ja. Und nennt Bayern ihr politisches Vorbild. "Das Land ist da, wo der Bund hin will," ruft sie ins Publikum. Der Bund lebe ja im Gegensatz zu Bayern noch immer auf Pump. Dann nähert sie sich listig dem heikelsten Punkt ihrer Rede. "Wir dürfen nicht weiter auf Pump leben," sagt sie und fügt en passant hinzu, man sei sich darüber ja rundum mit der CSU einig, "abgesehen von der einen Frage des Umgangs mit der Pendlerpauschale." Ansonsten gehe das Steuerkonzept der CSU in die richtige Richtung - "mehr Netto vom Brutto."

Da muss der Parteitag schon wieder klatschen, was er während dieser Rede mindestens 30 Mal tut. Falls irgendwelche Delegierte daran gedacht haben sollten, beim Wörtchen Pendlerpauschale zu pfeifen oder Pfui zu rufen, sie trauten sich nicht mehr. Der Schweiß lief der Kanzlerin ins Auge, sie wischte sich ungeniert und blickte in fröhlicher Kampfeslust ins Publikum.

Sie hat in Nürnberg gewonnen. Der Applaus der CSU-Delegierten für die CDU-Kanzlerin war so anerkennend, dass er sich zugleich auch gegen die eigene Spitze richtete. Eine deutliche Tonlage zu laut war er, zumal wenn man bedenkt, dass er von der CSU-Führung so lau bestellt worden war, dass Merkel ihn als Rüge empfinden sollte. Die CSU-Basis scheint besser begriffen zu haben als die Hubers und Becksteins, dass Amtsbonus und Wahlkampftalent dieser Kanzlerin auch von der CSU über die Landtagswahl Ende September hinaus bei der Europawahl 2009 und bei der folgenden Bundestagswahl gebraucht werden.

Delegierte feiern Merkels Auftritt

Ronald Pofalla saß strahlend im Publikum als seine Vorsitzende nach 40 Minuten von Erwin Huber mit dem Satz bedient wurde, dass "der eine Punkt, der uns noch trennt, in unserem Sinne gelöst wird." Der CDU-Generalsekretär war schon vor der Merkel-Rede ganz sicher gewesen, dass seine Chefin glatt über die CSU-Hürden kommen werde. "Wir fallen bei der Pendlerpauschale nicht um," tönte er laut. Und scheute sich auch nicht die Forderung der CSU nach Wiedereinführung der Pendlerpauschale als "Placebo-Politik" zu verspotten.

Die CSU-Größen in der ersten Reihe hatten erkennbar Mühe mit der Begeisterung, die Merkel zuteil wurde. Sie wollten erst nicht aufstehen am Ende der Merkel-Rede, doch als alle anderen in der Halle stehend klatschten, mussten sich auch Beckstein und Edmund Stoiber erheben. Huber rettete die Situation und schenkte der Kanzlerin Blumen mit dem Versprechen: "Wir werden alles tun, dass auch nach der Wahl 2009 die Bundeskanzlerin Angela Merkel heißt."

Und zum Abschied, den die Kanzlerin unverzüglich in Richtung Trinwillershagen in Mecklenburg-Vorpommern antrat, bekam sie von der CSU ein bemerkenswertes Geschenk: Einen Kuchen mit der Aufschrift "50 + X". Am Donnerstag ist sie 54 Jahre alt geworden. Ein Wahlergebnis für die CSU von 50 plus 4 wäre ein Traumergebnis für die Christsozialen.