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CSU-Parteitag: Diese CSU muss Angela Merkel lieben

Die CSU hat sich jetzt in Nürnberg für die heiße Phase des bayerischen Landtagswahlkampfs aufgestellt. Doch es fehlt ihr erkennbar an jenem politischen Sex-Appeal, der sie früher ausgezeichnet hat. Ein Glück seufzen viele in der CSU, dass wir wenigstens noch eine Angela Merkel haben.

Von Hans Peter Schütz

Christine Haderthauer schreckte nicht einmal vor einer Liebeserklärung zurück. Als Günther Beckstein sich dem CSU-Parteitag den Delegierten mit einer für seine Verhältnisse guten Rede als Spitzenkandidat für die bayerische Landtagswahl im Herbst präsentiert hatte, sprang die CSU-Generalsekretärin ans Mikrophon und himmelte ihn an: "Günther, so lieben wir dich!"

Verdrängt hat sie in diesem Augenblick offenbar, dass in der politischen Beziehungskiste zwischen der CSU und ihrem Ministerpräsidenten zuvor doch einige Gefühlsstörungen zu besichtigen waren. Brav patschten die Delegierten zwar immer wieder ihrem Günther zu. Aber es war erkennbar meist Pflichtübung, was da produziert wurde. Glänzende Augen? Nicht zu sehen. Emotionale Erregung? Nicht zu spüren. Haderthauer sprang auf die Rednertribüne und feuerte den Parteitag an, den Beifall nicht zu früh zu stoppen. Und der CSU-Prominenz in der ersten Stuhlreihe, allen voran Horst Seehofer, glückte es vorzüglich, die Hände lautlos zueinander zu schlagen.

"Das war Championleague gegen Landesliga"

Dies auch bei Worten Becksteins, die jedes CSU-Herz eigentlich entzücken müssten. Als er das CSU-Wahlziel beschrieb: "50 Prozent plus einem gscheiten Plus." Oder als er die politische Konkurrenz abwatschte: "Wir wehren uns gegen die Grünen, die die Kreuze aus den Klassenzimmern rausschmeißen wollen." Und als er jubelte: "Das Amt des Ministerpräsidenten in Bayern ist die schönste Aufgabe der Welt." Mag gut sein, dass mancher Delegierter noch die Gefühle erinnerte, die am Vortag eine Angela Merkel mit ihrer Rede auf dem Parteitag geweckt hatte. Der Vergleich zwischen der Kanzlerin und dem Ministerpräsidenten fiel für viele so aus, wie Alt-Ministerpräsident und Fußball-Experte Edmund Stoiber ihn sah: "Das war Championleague gegen Landesliga." Noch mehr könnte viele gestört haben, wie Beckstein die Kooperation mit dem CSU-Chef Erwin Huber beschrieb: "Eine traumhafte Zusammenarbeit."

Horst Seehofer sagt gerne beim Blick auf die Landtagswahl Ende September: "Unser größter Trumpf ist die Kanzlerin, und sie wird auch 2009 sein." Der Berliner Bauernminister beschreibt die Lage der CSU damit zutreffend. Diese Kanzlerin muss geliebt werden von der CSU. Huber und Beckstein tun jetzt plötzlich so, als hätten sie sich nie über Merkel geärgert. Dabei haben sie die Kanzlerin zuweilen in den vergangenen Wochen angegriffen, als hätten sie eine politische Gegnerin vor sich und nicht die Vorsitzende der Schwesterpartei.

Das Duo Huber/Beckstein besitzt keinen politischen Sex-Appeal

Nach dem Merkel-Auftritt in Nürnberg müsste ihnen endgültig klar sein, dass das die Wahlchancen der CSU nicht verbessert hat. Merkel geniest auch in Bayern hohen persönlichen Respekt, ist mindestens so geachtet wie Huber und Beckstein, vielleicht sogar beliebter. Denn das Duo Huber/Beckstein besitzt nun wirklich keinen politischen Sex-Appeal. Krawallstrategie gegen diese Frau mit dem Popularitätswert von 60 Prozent dürfte daher sehr leicht der CSU Wähler vertreiben. Manche könnten aus diesem Grund am Wahltag lieber zuhause bleiben. Beckstein hat daher noch schnell kurz vor dem Parteitag gejubelt: Eine sehr starke Kanzlerin!

Denn welches bundespolitische Profil hat die CSU eigentlich? Die Wiedereinführung der Pendlerpauschale? Die ist in der Beckstein-Rede mit keinem Wort erwähnt worden. Früher konnte sich die CSU leichter gegen Bonn profilieren. Gegen einen Helmut Kohl zum Beispiel. Gegen Merkel läuft das nicht so leicht. Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob eine Partei mit Doppelspitze ein rundum klares Profil entwickeln kann. Und abträglich ist ihr natürlich die Große Koalition, denn in ihr wird die CSU am wenigsten gebraucht.

Mit Bierzeltgerede und Konservatismus allein kommt sie nicht weiter. Die CSU verliert ihre Bindungen an das großstädtische Publikum etwa in München oder in Nürnberg. Auf dem flachen Land hat sie mit ihrem Rauchverbot viel Kredit verspielt. Die immer noch erstaunlichen 60,7 Prozent bei der letzten Landtagswahl taugen nicht als Maßstab. Denn sie kamen vor allem durch eine dramatisch schlechte Wahlbeteiligung von 57 Prozent zustande. Mit 230.000 Stimmen weniger kletterte sie daher von knapp 53 Prozent auf diese Höhe. Huber bemüht sich in Berlin um den Alleinvertretungsanspruch seiner CSU. Das aber funktioniert nicht.

Ramsauer mischt energisch mit, Seehofer ebenso und neuerdings agiert auch noch Söder massiv bundes- und europapolitisch in der Berliner Szene. Zudem besitzt die CSU weniger Macht in der Gesamtunion. Sie hat nicht die Kraft, die sie einmal hatte. Sie ist nur deshalb so stark, könnte man sagen, weil die bayerische SPD so schwach ist. Zu Stoibers Zeiten war die Staatskanzlei mindestens zur Hälfte mit der Entwicklung bundespolitischer Szenarien beschäftigt. Landespolitisch setzte er mehr als einmal Entscheidungen durch, die den Landtagsabgeordneten geradezu verhasst waren. Es war ja so, dass viele mit verklärten Gesichtern an die neue Zeit ohne Stoiber dachten, jetzt aber sehnen sich viele an ihn zurück. Die Erwartungen an Beckstein haben sich nicht erfüllt. Die neue Mannschaft nach Stoiber hat immer noch Probleme. Autorität bekommt die Mannschaft nur durch einen Wahlsieg. Aber was ist das neue Hauptthema der CSU, was die Pendlerpauschale nicht sein kann? Steuererleichterungen? Was wird daraus, denn die Konjunktur einbricht, was viele erwarten und die Staatskasse leer wird? Welchen politischen Kampfwert das Duo Huber/Beckstein wirklich hat, steht erst nach der Landtagswahl fest. Die CSU ist eine gnadenlos ergebnisorientierte Partei. Wer die Erwartungen nicht erfüllt, wird abserviert. Siehe Max Streibl. Ein Seehofer wird Hubers Kampfwert direkt am Wahlergebnis festmachen.

Die CSU ist nicht mal halb so geschlossen, wie sie sich jetzt darstellt. Die Berliner belauern die Münchner und umgekehrt. Ramsauer mag Seehofer nicht. Was will Söder, der jetzt in Berlin Politik macht? Wird Glos Minister bleiben, wenn Huber nach der Bundestagswahl nach Berlin kommt und dort Wirtschaft oder Finanzen haben will? Und Huber wie Beckstein waren an den Fehlern beteiligt, die die CSU ins Umfeld von 50 Prozent gedrückt haben. Am Rauchverbot zum Beispiel. "Wir können selbstbewusst in den Wahlkampf gehen", hat Beckstein seiner Partei in Nürnberg zum Abschied zugerufen. Dies schon, wenn sie es nur wäre.